Nr. 22/2018 vom 31.05.2018

Betreff: Bewerbung als Direktor SRF

Unser Medienkolumnist hat einen neuen Traumberuf.

Von Hansi Voigt

Sehr geehrte Damen und Herren,
gerne möchte ich mich für die Stelle des Direktors SRF bewerben.

In Ihrer Stellenanzeige heisst es: «Sie sorgen für ein publizistisch erstklassiges, auftrags- und publikumsgemässes Radio-, TV- und Online-Programm.» Allein diese Formulierung zeigt Ihre Entschlossenheit, die digitalen Chancen anzugehen. Im Sinne eines offenen Diskurses mit der Community und damit Sie sehen, ob sich unsere Vorstellungen des zukünftigen SRF decken, habe ich mich zu maximaler Transparenz entschlossen und mache meine Bewerbung gleich öffentlich. Ich hoffe, das ist in Ihrem Sinn.

Um allfällige Missverständnisse zu Beginn auszuräumen: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir weiterhin einen erstklassigen linearen Radio- und TV-Dienst an der Kundschaft bieten müssen. Um das Zielpublikum weiter bei der Stange zu halten, würde ich deshalb in diesem Bereich vor allem eines tun: nicht mehr viel ändern – denn das gibt nur Ärger. Lassen wir es also und bewegen uns dort, wo wir etwas bewegen können!

Am meisten passiert sicher, wenn wir wieder damit anfangen, uns etwas zu trauen. Angesichts des medialen und politischen Dauerbeschusses hat sich – wenig verwunderlich – eine gewisse Vollkaskomentalität unter den SRF-EntscheidungsträgerInnen bis tief ins mittlere Management entwickelt. Da würde ich ansetzen. Kein Kind lernt laufen, ohne auch mal umzufallen. Und die Zeiten verlangen schnelle Schritte und rasche Richtungswechsel ohne GehilfInnen und Marschbefehl. Es dürfte kein Problem sein, die SRF-MitarbeiterInnen an der Basis wieder zu mehr Experimentierfreude zu ermutigen. Es sind viele gute Leute da.

Das Thema Abspecken würde ich nicht mit einer Diät, sondern mit mehr und mehr Bewegungsfreiheit angehen. Wenn ich die laufende Mediengesetzgebung richtig verstehe, können wir uns ja online bald richtig austoben. SRF braucht mehr und nicht weniger digitale Angebote, wenn es den Altersdurchschnitt der KonsumentInnen senken will. Dieser beträgt bei SRF 1 bekanntlich über sechzig Jahre.

Der starre lineare Sendeablauf verlangt nach einer straffen Struktur. Auf der anderen Seite versteht sich eine Onlineredaktion im besten Fall nicht als Organisation, sondern als Organismus. Das klingt jetzt ein bisschen hippiemässig, klappt aber erstaunlich gut. Die im Silicon Valley machen es übrigens auch so. In einem solchen Organismus braucht es Begeisterung für die Idee, viel Verantwortung in den einzelnen Zellen und viel Moderation. Man ist dafür punkto Agilität, Reaktionszeit und Lernfähigkeit unschlagbar.

Der Aufbruch sollte aus meiner Sicht auch die neuen Formen der Arbeitsorganisation berücksichtigen. Es bieten sich zahlreiche Chancen. Bei «Watson» wird zum Beispiel die Nachtschicht seit Jahren nicht im Zürcher Büro, sondern von einem Mitarbeiter auf Weltreise, in adäquaten Zeitzonen und zur vollsten Zufriedenheit erledigt. Per Skype wird jeweils abgeklatscht. Wo die MitarbeiterInnen sitzen, ist inzwischen zweitrangig.

Ich wäre jedenfalls offen, wenn sich etwa die SRF-Radioredaktion in Bern allenfalls in einem virtuellen Newsroom ab und zu nach Zürich zuschaltet, wie einst bei «Aktenzeichen XY … ungelöst» zu Konrad Tönz. Vielleicht wage ich mich hier ein bisschen weit vor, aber gemäss Organigramm örtlich gefasste Zentralredaktionen erinnern mich im Jahr 2018 nicht an Alexa, sondern an den Telefonrundspruch. Da sparen wir uns lieber die Zügelkosten.

Die Begeisterung bei den Zeitungsverlegern über ein tolles SRF-Online-Angebot wird sich in Grenzen halten. Aber die bekommen wir in den Griff! Sie können sämtliche SRF-Produktionen ebenfalls haben. Gratis. Und nicht nur sie, sondern alle, die sich zu den Rechten und Pflichten des Journalismus bekennen. Service public at its best!

Falls ich mir zum Schluss noch eine Bemerkung zum Namen erlauben darf. Als Onlineanbieter ist der Name SRF natürlich überholt. Wie wärs mit SMI? Das steht für Schweizer Medien Idee. Ich weiss, das gab es schon einmal. Aber dieses Mal könnte es klappen.

Als Journalist und Manager, der sich bis zum WOZ-Kolumnisten hochgedient hat, kann ich ihnen zusichern, auch über die nötige Konfliktfähigkeit zu verfügen. Mit entsprechend grosser Vorfreude sehe ich Ihrer Antwort entgegen.

Mit vorzüglichen Grüssen,
Hansi Voigt

Hansi Voigt (54) war stellvertretender Chefredaktor bei «Cash», arbeitete beim Onlineportal 20min.ch und gründete «Watson» mit.

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