Nr. 22/2018 vom 31.05.2018

Das Gstürm wegen ein paar Chröttli

Eine ehemalige Tongrube in Bümpliz ist das artenreichste Areal der ganzen Gemeinde Bern. Sie soll zur Bauschuttdeponie werden – anschliessend baut man ein Ersatznaturschutzgebiet obendrauf. Lässt sich dieses absurde Projekt noch verhindern?

Von Bettina Dyttrich (Text) und Franziska Rothenbühler (Foto)

Berns «Area X»: Ist die Rehhag-Grube aufgeschüttet, wird sie wieder ein gutschweizerisch geregelter Raum sein – mit Feuerstelle, Panoramaweg und Besucherlenkung.

Die Rehhag-Grube in Bern Bümpliz ist ein Areal, wie es sie in der Schweiz kaum gibt: ein Ort, der seit fünfzehn Jahren in der Schwebe hängt. Und der dabei wild und wunderschön geworden ist. Am Weg zur Grube steht ein Schild von 1976, das den Zugang verbietet. Trotzdem gehen Leute hinein: Kinder, Kiffer, Biologinnen. Im Lehm Spuren von Rehen und Velopneus. Die Rehhag-Grube ist ein Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung und trotzdem kein Naturschutzgebiet. Wer vom Rehhaghölzli her hinabsteigt, fühlt sich wie in einem anderen Land – in der Provence, in einem Meteoritenkrater oder in der «Area X» des US-Schriftstellers Jeff VanderMeer, wo Lebewesen unerklärliche Mutationen durchlaufen.

Weiden, Schachtelhalme, harte Gräser wuchern zwischen Steinblöcken und Tümpeln. Sandig-trockene und lehmig-nasse Stellen liegen eng nebeneinander. Libellen jagen sich über dem Schilf, Molche hängen bewegungslos im Wasser, kleine Gelbbauchunken dümpeln herum. Die Hänge münden in einen schilfigen Kessel und noch weiter unten in einen grossen Weiher mit wilden Ufern, wo ein Reiher reglos auf Fische lauert. Gezwitscher, Gezirpe und Gequake überlagern sich.

Ein Zoologe hat hier letztes Jahr 44 Vogelarten, 30 verschiedene Tagfalter, 22 Libellen- und 19 Heuschreckenarten gezählt. Die Sumpf-Stendelwurz, eine Orchidee, blüht zu Hunderten. Die Rehhag-Grube ist ziemlich sicher das artenreichste Areal in der ganzen Gemeinde Bern. Trotzdem soll es zur Bauschuttdeponie werden.

«Gut, dass ihr euch wehrt»

Muss wohl bald umziehen: Gelbbauchunke. Foto: Zoonar, Alamy

«Es ist paradox», ärgert sich Roland Hirt, «dauernd hören wir, die Insekten seien bedroht, die Vögel fänden keine Biotope mehr – und wenn man einen Biodiversitäts-Hotspot auf Stadtgebiet hat, macht man ihn kaputt. Es gibt in Bern nichts Vergleichbares!» Schon als Kind ist der Bümplizer in der «Lättgrueb» herumgeklettert. Damals wurde hier noch Lehm abgebaut und zu Ziegeln gebrannt. Seit 2002 ist die Ziegelei stillgelegt. Mit Margrit Stucki und Ueli Fricker ist Hirt heute in der Rehhag-Grube unterwegs. Alle drei sind pensioniert und engagieren sich in Naturschutzvereinen: Hirt bei Natur Bern West, Fricker bei «Bern bleibt grün», Stucki bei beiden.

«Da unten haben wir diesen Frühling 1700 Erdkröten über die Strasse getragen», erzählt Stucki, die für die SP im Kantons- und im Gemeindeparlament sass. Es sei klar, dass das Areal in Zukunft gepflegt werden müsse. Im Auftrag des Berner Amtes Stadtgrün haben Freiwillige letztes Jahr begonnen, die Kanadische Goldrute und das Berufkraut zu roden, die grosse Flächen zu überwuchern beginnen.

Am 10. Juni stimmt die Stadt Bern über die Zonenplanänderung ab, die der letzte Schritt zur Deponie wäre. Stucki, Fricker und Hirt legen sich ins Zeug, damit die Vorlage abgelehnt wird – zusammen mit der SP, der AL, der PdA und der Grünalternativen Partei. Bei der Stadt komme das nach den jahrelangen, schwierigen Verhandlungen mit der Eigentümerfirma Rehhag AG nicht gut an, sagt Roland Hirt. «Endlich haben wir eine Lösung, und jetzt macht ihr ein Gstürm wegen ein paar Chröttli», werde ihnen vorgeworfen. Von Leitungspersonen der grossen Umweltorganisationen – die die Deponie nicht bekämpfen – hätten sie unter vorgehaltener Hand aber anderes gehört: «Gut, dass wenigstens ihr euch wehrt.»

Die Geschichte der geplanten Deponie ist lang und kompliziert. Die heutige Situation hat mit einer absurden Abstimmung um die Jahrtausendwende zu tun. 1982 hatten die BernerInnen eine Initiative für die Erhaltung der Landwirtschaftsflächen in Bern West angenommen. Die Rehhag AG wehrte sich juristisch – darum wurde im Herbst 2002 über eine erneute Umzonung des Areals abgestimmt. Weil man davon ausging, dass die Ziegelei weiterhin Lehm benötigen werde, legte man die Grube als Abbauzone, die Gebäude als Industriezone fest. «Das erste Ziel des Zonenplans ist es, die Weiterexistenz der Ziegelei Rehhag zu sichern», stand im Abstimmungsbüchlein. Das überzeugte die Berner StimmbürgerInnen. Was sie nicht wussten: Am Abstimmungssonntag war der Brennofen bereits kaputt. Am Tag nach der Abstimmung gab die Ziegelei ihre Stilllegung bekannt.

Ein jahrelanges Seilziehen begann. 2003 überwies das Berner Stadtparlament eine Motion gegen eine Bauschuttdeponie an die Stadtregierung. Zehn Jahre später sollte die Motion abgeschrieben werden, das Parlament wehrte sich. Trotzdem nahm der Kanton die Grube als Deponie in den Richtplan auf. Letztes Jahr schloss die Stadt einen Infrastrukturvertrag mit der Rehhag AG ab. Dieser Vertrag ist geheim – «solche Verträge mit Privaten sind nicht öffentlich», sagt Sabine Gresch vom Stadtplanungsamt. Diesen Frühling stimmte das Stadtparlament der Überbauungsordnung zu. Wenn jetzt die Stimmbevölkerung die Zonenplanänderung absegnet, ist das mühsame Geschäft fast abgeschlossen. Fast – denn «Bern bleibt grün» hat Einsprache erhoben. «Wir gehen bis vor Bundesgericht», sagt Ueli Fricker.

Auffüllen um jeden Preis

«Ausgebeutete Gruben sind (…) wieder aufzufüllen.» So steht es in der kantonalen Bauverordnung, so sieht es der 2002 angenommene Zonenplan für den Rehhag vor, und so wird es im aktuellen Abstimmungsbüchlein mehrmals betont. «Aber Ausnahmen sind möglich», sagt Fricker. «Besonders für ein Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung, wie es die Rehhag-Grube ist.»

Aber die Stadt hat anderes vor. Wenn die Grube mit Bauschutt gefüllt ist, soll darauf ein Naturschutzgebiet entstehen, das «durch die Stadt Bern gepflegt und für mindestens fünfzig Jahre teilweise öffentlich zugänglich gemacht» wird. So hat es die Stadt mit der Rehhag AG ausgehandelt – der genaue Wortlaut des Vertrags ist wie erwähnt nicht bekannt. Man zerstört also das artenreichste Gebiet der Gemeinde Bern und versucht, ein Ersatzgebiet zu bauen – aufgeschüttet werden soll etappenweise, damit die Kröten und Molche Zeit zum Umziehen haben. «Mit der Zonenplanänderung wird den Leuten vorgegaukelt, die Rehhag AG würde der Stadt ein Naturschutzgebiet schenken», sagt der SP-Stadtparlamentarier Timur Akçasayar. «Dabei ist der Kanton Bern schon heute zum Schutz und zur Pflege des Amphibienlaichgebiets verpflichtet!» Dem Bümplizer liegt die Grube am Herzen: «Hier hat sich ein Naturraum entwickelt, der viel zu bedeutend ist, um einfach aufgefüllt zu werden. Orchideen, Insekten, Kleintiere – stückweise kommt immer mehr vom Reichtum dieses Areals zutage. Wir werden bis zur letzten Sekunde Widerstand leisten.» Beim Kanton spreche man von einem «Deponienotstand», doch das sei nur eine Behauptung, sagt Akçasayar. «Wir haben bei der Branche nachgefragt. Dort schätzen manche den Bedarf, den die Region und der Kanton prognostizieren, als zu hoch ein. Immer mehr Bauschutt wird nicht deponiert, sondern rezykliert.»

Lässt sich die Rehhag-Grube überhaupt noch retten? Formal geht es bei der Zonenplanänderung, über die am 10. Juni abgestimmt wird, nur noch um eine Detailfrage: ob die Grube mit Bauschutt, sogenannten Inertstoffen, oder nur mit Aushub, also Erde, aufgefüllt werden darf. Aus diesem Grund plädieren die beiden grossen grünen Parteien der Stadt, das Grüne Bündnis (GB) und die Grüne Freie Liste (GFL) von Stadtpräsident Alec von Graffenried, für ein Ja.

«Es geht nur noch darum, womit aufgefüllt wird», sagt die GB-Stadtparlamentarierin und Biologin Katharina Gallizzi. «Bei einem Nein müsste die Stadt ihre Inertstoffe einfach woanders deponieren. Zurzeit wird viel gebaut, gerade am Bahnhof, es gibt viel Abbruchmaterial. Wenn es in Stadtnähe keine Deponie hat, muss man die Inertstoffe durch den halben Kanton fahren – das ist nicht ökologisch.» Dieses Argument habe das GB überzeugt.

«Die Vorlage ist unter den gegebenen Umständen das Beste, was sich rausholen lässt», sagt Gallizzi. «Wenn die Eigentümer nicht auffüllen dürften, könnten sie das ganze Gebiet absperren und den Zugang für die Biotoppflege verweigern. Dann wird die Grube zuwachsen, und die seltenen Arten werden verschwinden. Es sind ja Pionierarten, und es ist ein ziemlicher Aufwand, das Areal so zu pflegen, dass sie dortbleiben. Der Deal ist, dass man der Auffüllung zustimmt, damit man die Arten hinüberretten und das Gebiet nachträglich unter Schutz stellen kann.»

Auch Sabine Gresch vom Stadtplanungsamt sagt: «Ein Nein ist ein Nein gegen Inertstoffe. Die Auffüllung der Grube mit sauberem Aushub wird damit nicht verhindert. Wer suggeriert, bei der Abstimmung gehe es um mehr, macht den Leuten etwas vor.» Der Widerstand komme zu spät, auf kantonaler Ebene habe sich niemand gegen den Richtplan gewehrt.

Doch was ist wichtiger: der Schutz eines Amphibienlaichgebiets von nationaler Bedeutung oder das kantonale Interesse an einer Bauschuttdeponie? «Mit der Planung Rehhag haben wir diese beiden wichtigen Anliegen miteinander in Einklang gebracht: Die Grube wird mit Aushub- und Bauschutt aufgefüllt unter Gewährleistung der Lebensräume für die Amphibien.» Die Stadt Bern vollziehe, was die übergeordneten Planungsbehörden vorgäben.

Leiser Paarungsruf

Bern gilt als links-grünste Stadt der Schweiz. Gerade hat sie die «Tage der Sonne» gefeiert, am Samstag folgt der Berner Umwelttag, und am 6. Juni findet eine grosse Konferenz statt: Der neue Bericht des Weltbiodiversitätsrats über den Zustand der Biodiversität in Europa und Zentralasien wird vorgestellt. Es werden keine Good News sein. In der Rehhag-Grube blüht derweil das seltene Tausendgüldenkraut, und wer Glück hat, hört vielleicht den leisen Paarungsruf der Gelbbauchunke. Für sie ist die Rehhag-Grube besonders wichtig: «Im Umkreis von mehr als fünf Kilometern existieren keine weiteren Populationen mehr», schreibt die Stadt im Bericht zur Überbauungsordnung.

Im gleichen Dokument zieht sie selbstzufrieden folgendes Fazit: «Das Amphibienlaichgebiet wird vergrössert, aufgewertet, es wird (…) in ein Naturschutzareal überführt und seine Pflege wird geregelt.» Das Rehhag-Areal wird wieder ein gutschweizerisch geregelter Raum sein: mit Feuerstelle, Panoramaweg und Besucherlenkung. «Vielleicht lassen sich die Amphibien umsiedeln – aber es geht doch nicht nur um sie!», sagt Roland Hirt von Natur Bern West.

Zum gleichen Schluss kommt der Zoologe Christian Rösti, der letztes Jahr die vielen Tierarten in der Grube dokumentiert hat. In seinem Bericht schreibt er: «Es ist utopisch zu denken, dass mit einer Umstrukturierung die Naturwerte erhalten werden können. Deshalb ist aus der Sicht der Fauna eine Umgestaltung absolut zu vermeiden. Die Grube und ihre Lebensräume müssen erhalten und gepflegt werden.»

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