Nr. 23/2018 vom 07.06.2018

Die Welt mit den Augen eines Soldaten

Nach der Verwirrung um den Mord am russischen Kriegsreporter Arkadi Babtschenko hagelt es von allen Seiten Kritik. Wer ist der Mann, der seinen eigenen Tod inszenierte?

Von Anna Jikhareva

Porträts des vermeintlich Verstorbenen an der russischen Botschaft in Kiew. Foto: ZUMA, Alamy

Ein Reporter wird für tot erklärt, nur um dann als Protagonist einer Geheimdienstoperation wieder aufzutauchen – angeblich, um eine ganze Serie tatsächlicher Morde zu verhindern. Einen besseren Plot als die bizarre Wiederauferstehung des russischen Journalisten Arkadi Babtschenko hätte auch John le Carré, der Meister der Spionagegeschichten, nicht ersinnen können. In dieser neuen Realität ist selbst der Tod nur eine Inszenierung.

29. Mai: Kurz nach neun Uhr abends meldet die Nachrichtenagentur Reuters Babtschenkos Tod, per Eilmeldung und unter Berufung auf die ukrainische Polizei. Andere Agenturen und Medien ziehen nach. Erste Politiker treten vor die Presse, während sich in den sozialen Medien Weggefährten wie Gegnerinnen des umstrittenen Reporters zu Wort melden.

Posieren mit dem Geheimdienst

Babtschenko ist eine schillernde Figur, seine scharfen Facebook-Posts zur russischen Politik, die harsche Kritik an den Kriegen in der Ukraine und in Syrien erreichen Hunderttausende. Jahrelang war er bedroht worden, musste um sein Leben fürchten. Anfang 2017 ging er ins Exil, lebte in Tschechien und landete schliesslich in Kiew. Sein Tod ist für kaum jemanden eine Überraschung: Er wäre nicht der erste russische Medienschaffende, der seine Arbeit mit dem Leben bezahlt. Allein bei der Moskauer «Nowaja Gaseta», für die auch Babtschenko schrieb, sind seit der Gründung in den neunziger Jahren sechs ReporterInnen getötet worden. Und vor zwei Jahren wurde der weissrussische Journalist Pawel Scheremet in Kiew von einer Autobombe zerrissen. Die Fälle wurden nie aufgeklärt.

30. Mai: Nur wenige zweifeln daran, dass der Kreml hinter dem Mord an Babtschenko steckt. Am Mittag erfolgt von dort das Dementi. Derweil erscheinen die ersten Nachrufe, finden Gedenkveranstaltungen statt.

Dann rast eine Nachricht durch die Agenturen: Babtschenko lebt. Mit breitem Grinsen, wie nach einem Schulbubenstreich, taucht der Reporter an einer Pressekonferenz des ukrainischen Geheimdiensts SBU auf. Es habe tatsächlich einen Auftrag gegeben, Arkadi Babtschenko zu töten. Um den Auftraggeber – angeblich aus dem Umfeld des Kreml – aufzuspüren, habe man den Mord inszeniert. So lautet die Version des SBU.

Berichte wie Maschinengewehrsalven

Welchen Zweck die Geheimdienstshow hatte, ob es nicht auch weniger spektakulär gegangen wäre, ob der 41-Jährige zur Marionette wurde, sich hat instrumentalisieren lassen: Diese und viele weitere Fragen bleiben offen. Geäussert werden stattdessen Meinungen. Die einen empören sich über die verlorene Glaubwürdigkeit der Medien, andere ärgern sich, weil sie die Profiteure des Stunts im Kreml vermuten. Und während sich die ukrainischen Behörden selbstzufrieden für den gelungenen Coup feiern, eilen ukrainische JournalistInnen Babtschenko rhetorisch zu Hilfe. Er selbst verkündet, die auf ihn einprasselnde Kritik sei bloss zynischer Moralismus. Schliesslich sei sein Leben in Gefahr.

In gewisser Weise passt die Show zu Babtschenkos Leben. Mit achtzehn wird er in den Militärdienst eingezogen, schon wenige Monate später kämpft er in Tschetschenien. Für den zweiten Tschetschenienfeldzug meldet er sich dann freiwillig.

Zurück in Moskau, lässt ihn das Erlebte nicht los. Babtschenko schreibt ein Buch, um die Zeit an der Front zu verarbeiten. Selten ist der Krieg derart brutal und klar beschrieben worden, mit jedem noch so grausamen Detail. Und so bitter. BeobachterInnen sehen in Babtschenko den neuen Ernest Hemingway. Der Autor ist ein Getriebener, er wird zum Kriegsreporter, reist 2008 nach Georgien, später in die Ostukraine. Die Berichte von der Front lesen sich wie Salven aus Maschinengewehren. Unversöhnlich zieht sich auch der Hass durch Babtschenkos Texte: auf das russische Regime, für das Menschen nur Manövriermasse sind.

Am Ende seines Buchs über Tschetschenien schreibt Babtschenko: «Ich liebe dich, Krieg. Du bist für immer in mir. Ich sehe die Welt mit deinen Augen, messe die Menschen an deinen Massstäben. Für mich gibt es keinen Frieden mehr.» Babtschenko lebt. Und bei der Lektüre seiner Texte wird klar: Er ist bis heute Soldat geblieben.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 88-385775-2
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH 75 0900 0000 8838 5775 2
Verwendungszweck Spende woz.ch