Nr. 23/2018 vom 07.06.2018

Klänge aus dem Müllhaufen

Von Caroline Baur

In der Schweiz sei es so langweilig, meint Aïsha Devi. Wenn hier etwas geschehen soll, müsse man es selber machen. Die in Genf aufgewachsene Musikerin produziert seit über zehn Jahren gegen die Ödnis der Wohlstandsinsel an. 2013 gründete sie das unorthodoxe elektronische Plattenlabel Danse Noir mit, zwei Jahre darauf beseitigte sie ihre gefeierte Bühnenfigur Kate Wax. Unter ihrem Geburtsnamen bringt sie nun ihr viertes Album, «DNA Feelings», heraus, dunkler Post-Techno-House mit metaphysischen Ambitionen. Licht, Zeit, Stammzellen und heilende Frequenzen sowie der Wunsch nach profaner Illumination zirkulieren durch elf Tracks: «To de-sanctify the symbolic and make it your own», das Symbolische entweihen und sich aneignen, beschreibt sie ihre Praxis im Onlinemagazin «electronicbeats».

In Sachen Aneignung kennt sie keine Scham, so galten Ravestabs – rudimentäre Melodien aus abgehackten Akkordklängen – bis vor kurzem noch als längst überwundenes Übel des Neunziger-Jahre-Technos. Und sogar digitalisierte Panflöten schleichen sich ein. Devi recycelt auf ihrem neuen Album Klänge aus dem Müllhaufen der Geschichte und rückt sie in ein neues Licht, indem sie ihnen dröhnende Mantras oder harsche Maschinengeräusche entgegensetzt.

Die Frage «Was macht die da eigentlich?» verwandelt sich mehr und mehr zu: «Wo sind wir hier überhaupt?» Statt in tanzbaren Songstrukturen befinden wir uns in Architekturen, die sich auf- und abbauen. Devis ausgebildete Stimme fügt sich in diese Gebilde ein: Immer verzerrt, höher oder tiefer gepegelt, wechselt sie von Mönchsgesängen zu Möwengeschrei, von Siri-haften Sprechakten zu Heliumchoralen. Und gerade wenn man glaubt, das Gesamtbouquet steuere direkt in den esoterisch-futuristischen Kitschhimmel, holt uns Devi mit eigenartigen Kompositionen und Brüchen in die volle Aufmerksamkeit zurück. Dabei schwebt die Zeile «I love it when you change» wie eine politische Kunde über dem Album: Nichts ist dazu verdammt, im ewigen Loop oder im Ego gefangen zu bleiben, weder im Club noch oben am Tageslicht.

Konzert am 9. Juni 2018 um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Zürich. www.norient.com

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