Nr. 23/2018 vom 07.06.2018

Fallstricke im Dialog der Kulturen

Blick zurück in die Zukunft der Moderne: Das Buch «Ein Afrikaner in Paris» erinnert an die visionären Ideen des Politikers und Kulturvermittlers Léopold Sédar Senghor.

Von Barbara Basting

Emanzipative Schlüsselfigur: Der senegalesische Präsident Léopold Sédar Senghor am Festival mondial des arts nègres, Dakar 1966. Foto: AGIP/Süddeutsche Zeitung Photo

In Europa sorgt man sich derzeit auffallend um die Kultur Afrikas. «Bauen wir Museen in Afrika!», forderte jüngst etwa Hermann Parzinger. Als Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz ist er einer der Gründungsintendanten des Berliner Humboldt-Forums, das auch die völkerkundlichen Sammlungen der Stiftung aufnehmen soll – was prompt Kontroversen über die angemessene Präsentation der Kulturgüter aus Kolonialzeiten ausgelöst hat. Noch vollmundiger stellte der französische Präsident Emmanuel Macron den AfrikanerInnen die Rückgabe ihres Kulturerbes aus französischen Museen in Aussicht. Jedenfalls zum Teil, wie rasch eingeschränkt wurde.

Die Beispiele zeigen, dass die Ratlosigkeit Europas im Umgang mit seiner Kolonialzeit wächst. Damals gelangten Kulturgüter aus Afrika auf oft fragwürdige Weise in die europäischen Museen und Forschungseinrichtungen. «Kolonialisierung» hiess und heisst aber auch, dass Europa seine Version der Geschichte, sein Konzept von Zivilisation bis in die Vitrinen seiner Museen hinein durchsetzen konnte. Es geht also nicht nur um Rückgabe, die selten einfach ist. Es stellt sich vor allem die Frage, welche Geschichte(n) man heute erzählen soll. Umso interessanter, wenn die deutschen KunsthistorikerInnen Hans Belting und Andrea Buddensieg vorschlagen, sich mit Léopold Sédar Senghor zu befassen. Senghor (1906–2001) war von 1960 bis 1980 nicht nur der erste Präsident des von Frankreich in die Unabhängigkeit entlassenen Senegal; er war zuvor schon in Paris als Dichter, Kulturphilosoph und Politiker hervorgetreten. Im Prozess der Emanzipation Afrikas übernahm er eine Schlüsselrolle. Doch obwohl Senghor 1968 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, wurde seine Vision für Afrika bisher in Deutschland kaum gewürdigt – wohl auch, weil sie bald von der Realität überholt wurde.

Die Logik der Abgrenzung

Die beiden AutorInnen konzentrieren sich hauptsächlich auf den modernistischen Kunstbegriff, den Senghor seit seinen Pariser Studienjahren weiterentwickelte und aus dem er später seine Kulturpolitik ableitete. Senghor wollte das postkoloniale Afrika zu einem ebenbürtigen Partner Europas entwickeln, indem er die vom französischen Schriftsteller André Malraux propagierte humanistische Vision einer gemeinsamen Weltkultur verfolgte. Das reiche Kulturerbe sollte als Grundlage für einen kulturell motivierten Aufbruch dienen, dessen Ziel die Stärkung des afrikanischen Selbstbewusstseins war. Zu diesem Zweck rief Senghor 1966 etwa das Festival mondial des arts nègres ins Leben. Wer sich angesichts des Titels die Augen reibt, erfährt, dass Senghor, wie zuvor der afrokaribisch-französische Schriftsteller und Politiker Aimé Césaire, mit dem Begriff «négritude» eine positive afrikanische Identität meinte. Doch schon seine Zeitgenossen kritisierten dies als ungeprüfte Übernahme einer rassistisch geprägten kolonialen Logik der Abgrenzung.

Titel und Untertitel des elegant geschriebenen Buchs weisen auf Senghors existenzielles Dilemma als «Afrikaner in Paris» hin. Der kurze biografische Abriss beleuchtet dabei einen bisher kaum beachteten Aspekt der europäischen Kulturgeschichte im 20. Jahrhundert: die Zerrissenheit der NeubürgerInnen aus den Kolonien, die vor der Herausforderung standen, eine eigene Identität zu entwickeln. So versuchte Senghor, in seinen Dichtungen Erinnerungen an die Kindheit in Afrika mit der Ästhetik der Pariser Nachkriegsmoderne zu verknüpfen. Ermuntert wurde er dabei von Jean-Paul Sartre.

Im dynamischen Museum

Senghors Idee einer Fusion der Kulturen führte schliesslich 1966 zur Gründung des Musée dynamique in Dakar, einer Art Kunsthalle. Unterstützt wurde Senghor bei der Konzeption von Jean Gabus, dem umtriebigen Direktor des Musée d’ethnographie in Neuenburg. Gabus vermittelte auch afrikanische Stammeskunst aus europäischen Sammlungen nach Dakar. Das Musée dynamique wurde aber schon 1976 geschlossen. Senghors hochfliegende Pläne scheiterten nicht nur an ökonomischen Hürden, sondern auch, weil sein Konzept, französische Helden der Moderne wie Pablo Picasso, Marc Chagall oder Pierre Soulage nach Dakar zu exportieren, nicht aufging.

Belting und Buddensieg arbeiten Senghors Rolle als Pionier im frühen postkolonialen Dialog zwischen Afrika und Europa detailliert und präzise heraus. Dass sie die gewichtigen politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen von Senghors kulturpolitischem Scheitern nur streifen, mag man bedauern. Dennoch leisten sie einen wertvollen Beitrag zu einer Archäologie der heutigen globalen Kunstwelten, die seit längerem zu den Forschungsschwerpunkten von Belting und Buddensieg gehören. Ihr Buch beschreibt die Fallstricke des postkolonialen Dialogs: Paternalismus und Blindheit gegenüber den Asymmetrien der Macht. Und es zeigt, dass Senghors Impulse nicht völlig verpufft sind – ist doch Dakar seit längerem ein Brennpunkt der afrikanischen Gegenwartskunst.

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