Nr. 23/2018 vom 07.06.2018

Zukunft Schweiz

Stefan Gärtner entwirft Szenarien

Von Stefan Gärtner

Die liberale Denkfabrik Avenir Suisse hat sechs Zukunftsszenarien entworfen, wie es die Schweiz mit Europa halten will, die Modelle reichen von einem völligen Rückzug über einen hauptsächlich die Personenfreizügigkeit betreffenden «Swixit» («Club Schweiz») bis hin zur Schweiz als EU-Mitglied, mal ohne Franken, mal mit («Skandinavischer Weg»). Aber wie es in Fabriken (noch) so ist: Irgendwann ertönt die Sirene, es ist Feierabend, und die besten Szenarien bleiben unausgedacht!

Sowjetischer Weg: Die Schweiz erklärt sich zur «Union der Sozialistischen Schweizer Kantone» (UdSSK) und errichtet stark gesicherte Grenzanlagen («Käserner Vorhang»). Das Wirtschaftswachstum sinkt um 95 Prozent, Ausländer dürfen nur nach strenger Prüfung herein, Inländerinnen nicht mehr hinaus. Der Stress auf der Arbeit nimmt stark ab, dafür werden die Schlangen vor den Läden etwas länger. Am Schluss kommt es zu einer mittelschweren Havarie in Beznau, die welschen Kantone erklären ihre Unabhängigkeit, und Geheimdienstchef Jean-Philippe Gaudin wird Präsident und regiert gemeinsam mit Oligarchen (Blocher). Das spricht dafür: Die Schweiz bekommt eine Fussball-WM; eine Regierung Blocher gibt es schon. Das spricht dagegen: Das Bild der Schweiz z. B. in deutschen Medien wird leiden («Stoppt Gaudin jetzt!», «Gaudin greift an»).

Modell Deutschland: Die Schweiz wird nicht nur Mitglied der EU, sie bestimmt auch alles. Zu Hause kann über die «EU-Zahlmeisterin Schweiz» gejammert werden, dabei profitiert die Eidgenossenschaft gnadenlos, weil Niedriglohnpolitik und staatlich gelenkte Armenverarsche («Härzig IV») wegen der gemeinsamen Währung voll auf die Wirtschaft der EU-Partner durchschlagen. Das spricht dafür: Die Schweiz wird zum beliebtesten Land der Welt, und Touristen aus der ganzen Welt kotzen in Bern die Bürgersteige voll. Das spricht dagegen: Damit das Modell funktioniert, muss sich die Schweiz erst durch einen vorbildlich aufgearbeiteten Weltkrieg samt Völkermord als moralische Supermacht qualifizieren; das ist langwierig, teuer und schmerzhaft (zumal für andere), und Zürich sieht hinterher auch nicht mehr so hübsch aus.

Trump ist Trumpf: Der Schweizer Präsident hält mit seiner Verachtung für die EU («shithole countries») nicht länger hinterm Berg und verkündet per Twitter Strafzölle auf Schokolade, Gouda und Taschen aus Lkw-Plane. Bundesbern steigt aus sämtlichen Umweltabkommen aus, wer aus «Terrorstaaten» kommt (z. B. Deutschland), darf nicht mehr einreisen. Das spricht dafür: Die Schweiz ist weltweit sehr viel häufiger im Fernsehen. Das spricht dagegen: Es wird sehr viel mehr Bücher über den Schweizer Präsidenten geben, die die Frage aufwerfen, warum ein solcher Clown das siebenundzwanzigstmächtigste Land der Welt regieren darf.

Black is beautiful: Die Schweiz entfernt sich auch räumlich von der EU und siedelt sich in Afrika neu an. Sie wird zum weltgrössten Importeur von tiefgefrorenen Geflügelresten und Elektroschrott und exportiert Jahr für Jahr Hunderttausende von jungen, schlecht ausgebildeten Arbeitskräften. Daheim weigert sich der Präsident, für den turnusmässigen Nachfolger Platz zu machen, und schickt, während ein äusserst zäher Bürgerkrieg entbrennt, seine Frau nach Paris zum Einkaufen. Das spricht dafür: Paris ist immer eine Reise wert! Das spricht dagegen: Für den Rest der Schweiz wird Einkaufen generell schwerer.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch