Nr. 24/2018 vom 14.06.2018

Die Macht von Bildern und Worten

Ein renommierter Regisseur postet auf Facebook Fotos von angeblichen Drogendealern. Und löst damit in der Romandie eine hitzige Debatte aus.

Von Merièm Strupler

Will nicht in die rechte Ecke gestellt werden: Filmemacher Fernand Melgar. Foto: Blaise Kormann, «L’ILLUSTRÉ»

«Un vol spécial pour Fernand Melgar!» (Ein Sonderflug für Fernand Melgar!) – Unbekannte haben den Spruch auf eine Hauswand in Lausanne geklebt. Für ein Pressefoto lehnt Melgar an ebenjener Häuserwand. Mit Sonderflügen für Ausschaffungen kennt sich der 56-jährige Regisseur aus: Seine Filme über das Schweizer Migrationsregime haben namhafte Preise gewonnen.

So etwa «La Forteresse» (Die Festung): Melgars Dokumentarfilm von 2008 richtete den Blick in die Empfangszentren für Geflüchtete, zu einer Zeit, als die Schweiz eben das restriktivste Asylgesetz in ganz Europa eingeführt hatte. 2011 folgte dann «Vol spécial» (Sonderflug): Darin porträtierte Melgar die Insassen im Genfer Ausschaffungsgefängnis Frambois. Er spricht mit Sans-Papiers, WärterInnen, SachbearbeiterInnen. Während «La Forteresse» die Hoffnungen und den Empfang in der Schweiz zeigt, dokumentiert «Vol spécial» Verzweiflung und das Ende – die Auslieferung.

In Fernand Melgars Filmen ist die Kamera eine Art neutrale Beobachterin. Kritische Stimmen werfen Melgar vor, dabei selbst keine Stellung zu beziehen. Demgegenüber haben selbst Verantwortliche der Schweizer Asylpolitik Melgars Filme gelobt. So sagte etwa Altbundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf am Filmfestival in Locarno, wie sehr sie «La Forteresse» berührt habe, um dann einen Monat später das Asylgesetz zu verschärfen – nämlich das Botschaftsasyl abzuschaffen. Melgar selbst kam in den sechziger Jahren als Kind spanischer Saisonniers illegal in die Schweiz. Durch seine Filme wurde er zu einem Exponenten der humanistischen Linken. Wohl deshalb löste sein Facebook-Eintrag in den vergangenen Wochen in der Westschweiz eine solche Debatte aus, sorgte für Empörung und Unverständnis. Und führte zu ebenjener Parole an besagter Hauswand.

8000 Mal geteilt

«Das sind 6 der 22 Dealer, die am Montag um 15.30 Uhr vor der Schule darauf warten, dass die zehn- bis sechzehnjährigen Schüler herauskommen», schrieb Melgar Ende Mai auf Facebook und veröffentlichte dazu Fotos von jungen, dunkelhäutigen Männern, die an einer Strassenecke nahe einer Lausanner Schule stehen. Der Filmemacher ärgerte sich im Eintrag über Politik und Polizei, die «untätig zuschauten». In Erinnerung an einen damals achtzehnjährigen Nachbarsjungen, der vor zehn Jahren an einer Überdosis Kokain gestorben war, schreibt Melgar, die Situation habe sich bis heute nicht verändert. Mit den Fotos auf Facebook habe er «denjenigen ein Gesicht gegeben, die unsere Kinder mit Koks oder Crystal Meth töten».

Der Facebook-Eintrag wird über 8000 Mal geteilt, in den Westschweizer Medien sorgt er für Schlagzeilen. Rechte PolitikerInnen fühlen sich bestätigt: So schreibt etwa Exnationalrat Yvan Perrin (SVP) auf einem neurechten Infoportal davon, dass die Strassen «von diesem Ungeziefer gesäubert» werden müssten, und Melgar, der Asylsuchende willkommen heisse, sie dann ja nicht in der eigenen Strasse wolle.

Der Lausanner Stadtrat Pierre Conscience von der Partei Ensemble à gauche kritisierte wiederum die Aussagen von Melgar scharf: «Das Problem ist nicht der Strassendeal, sondern der Konsum», sagte er gegenüber dem Westschweizer Fernsehen. Der schwierige Zugang zum Schweizer Arbeitsmarkt zwinge einige Menschen dazu, ihren Lebensunterhalt mit solchen Tätigkeiten zu bestreiten.

Verärgert über linke Politik

Fernand Melgar reagiert aufgebracht, als die WOZ ihn mit der Debatte konfrontiert. Er habe sich zwanzig Jahre lang für Geflüchtete eingesetzt, aber mit den DrogenhändlerInnen auf der Strasse habe er kein Mitleid. Er will nicht in die rechte Ecke gestellt werden, zugleich ist er verärgert über die linke Politik in Lausanne. Es gehe ihm um die Kinder. Sein jüngster Sohn werde in einem Jahr an dieselbe Schule gehen.

Doch auch die Filmszene äussert sich dezidiert kritisch gegenüber Melgars Vorgehen: Am Freitag veröffentlichte die Tageszeitung «Le Temps» einen offenen Brief, signiert von 230 Personen. Unterschrieben haben Filmstudierende, KinoliebhaberInnen, Regisseure und Professorinnen der Lausanner Kunstakademie. «Monsieur Fernand Melgar», heisst es im Brief, «Ihre Worte und Bilder gefährden nicht nur Menschen. Sie verstärken auch Fremdenfeindlichkeit und ethnische Stigmatisierung, die in manchen Kreisen bereits weitverbreitet sind.»

Als renommierter Filmemacher sei sich Melgar der Macht von Bild und Sprache bewusst. Wenn er Fotos von Menschen ohne deren Einwilligung veröffentliche, um sie als Dealer der Nachbarschaft zu präsentieren, sei eine Grenze überschritten. «Ist es nicht die Arbeit eines Filmemachers, Fragen an die Öffentlichkeit zu stellen und die Komplexität einer Welt, die immer schwieriger zu begreifen ist, sichtbar zu machen – anstatt eine derart vereinfachte Version darzustellen?»

Laut der Westschweizer Gruppe für Suchtstudien (GREA) nimmt im Übrigen der Drogenkonsum bei Minderjährigen ab. Es gebe keine Verschärfung des Problems an den Schulen, sagte der GREA-Generalsekretär gegenüber den Medien. Es seien zudem nicht die DealerInnen, die die KonsumentInnen schafften.

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