Nr. 24/2018 vom 14.06.2018

Die Discokugel dreht nicht mehr

Dünn geriebene Utopien: Die in London lebende Fotografin Isabelle Graeff schaut in ihrem neuen Bildband auf Britannien. Sie findet ein Land in Katerstimmung.

Von Lennart Laberenz

Die Monarchie in Einzelteilen: «Deal» von Isabelle Graeff. Foto: © Hatje Cantz Verlag

Was kommt übers Meer? Mit den ersten Aufnahmen schauen wir hinaus, das Land im Rücken, Dunst zieht auf, zwei Frauen in der Küstenstadt Torquay halten sich im halb aufgeblasenen Schlauchboot aneinander, keine ausgelassene Geste. Über Rhossili Beach in Wales drohen Gewitterwolken. Ungemütlich ist es, man möchte den Kragen hochschlagen: Die ersten Bilder von Isabelle Graeffs Fotostrecke «Exit» wittert Ungemach, sowohl an der englischen Riviera als auch vor der walisischen Küste.

Mit einem Zyklus über ihre Mutter wurde die 1977 in Heidelberg geborene Fotografin vor einer Weile zum Liebling hipper Galerien und Magazine. Ihre neue Serie «Exit», entstanden zwischen August 2015 und Juni 2016, erzählt von ihrer Rückkehr nach Britannien, wo sie einst studiert hat. Es sind eher lose Beobachtungen, als dass diese Bilder von einer genauen Klammer zusammengehalten würden.

Wo dummes Geschwätz tobte

Vielleicht ist es eine persönliche Suche nach Veränderungen im Land, aber das Mehrheitsvotum gegen die EU lässt immer auch soziale Narrative durch ihre Aufnahmen schimmern: Die Bilder wirken oft flüchtig, beliebig, aber als Reihe tanken sie Geschmack und Farbe. Ganz so, als liessen sich rissiger Putz und leere Pinnwände kaum mehr lösen vom Gewitter aus Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und allgemein dummem Geschwätz, das hier tobte.

Als eingeweihter Gast durchmisst Graeff den Kulturraum, wendet sich ihm zärtlich zu. Ihre Bilder durchweht eine gewisse Melancholie, sogar Fatalismus. Graeff malt nicht mit der plakativen Polemik eines Martin Parr die Absurditäten einer Gesellschaft aus, sie hat auch nicht die historische Tiefenschärfe, mit der Chris Killip die Deindustrialisierung begleitete. Vielleicht, weil sie nicht auf Idiosynkrasien erpicht ist, öffnen sich bei ihr Assoziationsräume, die deutlich über Britannien hinausgehen.

Good Morning, Tristesse!

Die adipöse Dame im elektrischen Rollstuhl unter dem «Lucky Wok»-Schild könnte vor Gier nach Glibberpudding auch in Brandenburg an der Havel beinahe vornüberkippen. Der namenlose Raucher könnte sich in Budapest zur irrwitzig hässlichen Kombination aus taubengrauen Socken, Sandalen und beigen Hosen entschieden haben. Halb abgebaute Jahrmarktstände wirken auch in der France profonde trist, die Verheissungen von Glück und schnellem Geld verbleichen vor Spielhöllen in Brüssel ähnlich.

Graeff reist, beobachtet unzynisch und ohne Voyeurismus, die Bezüge zwischen den Bildern erschliessen sich manchmal erst auf den zweiten Blick. Es ist, als bildeten diese Fotografien eine Akkordfolge zum Abschied von Illusionen: Einige Versprechungen des Kapitalismus funktionieren, Billigflieger transportieren uns durch die Welt und an Orte, die unserer Elterngeneration noch als ferne, unerreichbare Ziele vorkommen mussten. Jetzt können wir überall Müll hinterlassen.

Wer hat die Milch verschüttet?

Darüber sind die Utopien von Gesellschaft und Gemeinschaft dünn gerieben, wie die Fassaden von Vergnügungstempeln, in denen wir unser Geld verlieren. Was die Menschen verbindet, ist die Profitrate, weltfremd, wer anderes erwartete. Wo nichts zu holen ist, wird ausser Unkraut wenig wachsen. Und mit dem Brexit im Sinn: Der Gedanke, dass rationale Argumente gehört werden und über Stumpfsinn triumphieren müssten, erscheint zunehmend absurd. Passt dazu nicht Graeffs Aufnahme von der verschütteten Milch, die im Strassenpflaster versickert?

Nächstens sollen es dann Libertäre, NationalistInnen richten, PolitikerInnen, die eigenen Versprechen selbst kaum glauben. Im Zweifel, und das stimmt auch in Hamburg oder Warschau, soll es eben nicht allen so gut wie uns gehen. Deshalb stehen wir schäbig gekleidet in selbst bei Sonnenlicht fahlen Aufnahmen. Unwirtliche Strände, Menschen hocken, wo immer möglich, mit dem Rücken zueinander. Stumpfer Tand schaut vom bedeckten Himmel wie ein verlorenes Requisit: Die Discokugel dreht nicht mehr.

Der Journalist James Meek hat vor ein paar Jahren in einem bemerkenswerten Buch über die Privatisierung mit und nach Margaret Thatcher festgestellt, dass diese in Britannien zu einer «neuen vorindustriellen Befreiung» führe, weil der Staat sich aus den meisten Aufgaben zurückziehe. Medizinische Versorgung und Bildung, Strom, Wasser und öffentlicher Verkehr: Diese universalen Infrastrukturen werden zusehends privatisiert, der Staat sieht sich nur noch zuständig für Verteidigung, Polizei und Justiz, Müllentsorgung und die Instandhaltung von Strassen.

«Arme Briten», schreibt Meek, «haben abermals die Freiheit zu verhungern, an behandelbaren Krankheiten zu sterben, des Lesens und Schreibens unkundig zu bleiben und sich ein Dienstbotenleben in den Armenhäusern zu erkämpfen.»

Isabelle Graeffs Bilder sind assoziativer, sie durchstreifen Land und Gebüsch, schauen unromantisch auf Bewuchs. Plastikbunte Staubwedel erzählen von einer leeren Garderobe, eine schon rissige Aktentasche von ihrem Träger, der noch nie in seinen Anzug passte. Die Party, auf der wir uns das schöntrinken konnten, ist vorbei.

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