Nr. 24/2018 vom 14.06.2018

Präzis beobachtet im Kleinbürgertum

Von Matthias Reichelt

Am Ende der Sommerferien flirrt die Luft immer noch vor Hitze. Ben verbringt mit seinem grossen Bruder Niko und Freunden die Tage am Baggersee, während viele aus Bens Klasse mit ihren Eltern in exotischen Ländern weilen. Das können sich Bens und Nikos Eltern nicht leisten. So hängen sie rum, rauchen Joints und versuchen, den Mädchen zu imponieren. Ben hat sich in Sara verliebt. Seit sie ihn eines Tages ansprach, geht sie ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Um sein Taschengeld aufzubessern, verteilt Ben Prospekte. Als er eines Tages am Haus von Sara vorbeikommt, traut er sich zu klingeln. Unwirsch wird er vom Vater abgewiesen: Sara sei nicht zu Hause. Ben hat sie jedoch flüchtig am Fenster gesehen. Nur wenige Tage später wird Saras Vater Selbstmord am Baggersee verüben, nachdem er zuvor seine Kinder und seine Frau umgebracht hat. Die Tragödie ist das Tagesgespräch in der Kleinstadt, erhält ein grosses Medienecho. Auf unterschiedliche Weise versuchen die EinwohnerInnen, wieder in die Normalität zurückzufinden.

En passant thematisiert das Buch auch den Konflikt zwischen Ben und seinem älteren Bruder Niko. Die eheliche Krise ihrer Eltern spielt dabei ebenso eine Rolle wie die ökonomisch bedingten Zukunftsängste des Vaters, der im Büro eines von der Konkurrenz bedrohten Speditionsunternehmens arbeitet.

Der Autor Christoph Jehlicka, geboren 1983, ist in Niedersachsen aufgewachsen und hat in Hamburg studiert. Er hat sich schon als Übersetzer der Kurzgeschichten der US-Amerikanerin Elizabeth Ellen einen Namen gemacht. Sein im Kleinbürgertum angesiedeltes Debüt «Das Ende vom Lied» ist ein gelungener Coming-of-Age-Roman. Jehlicka zeigt ein feines Gespür für schichtspezifische Unterschiede, die er anhand von Mobiliar, Verhalten und Sprache beiläufig und ohne Herablassung beschreibt. Der Roman ist dramaturgisch geschickt und in einer klaren und schnörkellosen Sprache verfasst, die den Jugendjargon unaufdringlich einbezieht.