Nr. 24/2018 vom 14.06.2018

Schuften auf Italiens Plantagen

Von Nils Wyssmann

Innenminister Matteo Salvini war gerade einmal zwei Tage im Amt, als er «das Ende des süssen Lebens» für «illegale» MigrantInnen in Italien ankündigte. Wenige Stunden später fielen auf dem Gelände einer stillgelegten Fabrik in Kalabrien Schüsse. Der malische Landarbeiter Soumaila Sacko war mit zwei Freunden auf der Suche nach Blechteilen für ihre Hütten, als ein Mann auftauchte, zum Gewehr griff und aus rund sechzig Metern Distanz auf sie schoss. Sacko starb an einem Schuss in den Hinterkopf, einer seiner Freunde wurde am Bein getroffen, der andere blieb unversehrt. Ein Tatverdächtiger wurde mittlerweile verhaftet.

Die Basisgewerkschaft USB (Unione Sindicale di Base), bei der Sacko an vorderster Front aktiv war, bezeichnete die Tat als «traurige Folge» der Worte Salvinis. Tatsächlich steht der Tod Sackos für einen migrationspolitischen Kurs, der von der neuen Regierung wohl weiter verschärft wird. Eigentlich äussert sich Salvini, ein Hardliner der rechtsnationalen Lega, täglich lautstark zu Migrationsfragen – zum Tod Sackos verlor er allerdings kein Wort.

Dabei ist das ihm unterstellte Innenministerium zumindest mitverantwortlich für die Bedingungen, denen auch Soumaila Sacko ausgesetzt war. Mit seiner fünfjährigen Tochter wohnte Sacko in einer slumartigen Barackensiedlung unweit des Städtchens San Ferdinando. Wie viele andere MigrantInnen arbeitete er als Tagelöhner auf den Plantagen Süditaliens, wo sein Tod einen eintägigen Warnstreik auslöste. In ganz Italien arbeiten rund 400 000 Menschen auf Tomaten- oder Orangenfeldern – in Strukturen, die oft von der Mafia geprägt sind. An einem Zwölfstundentag verdienen sie zwanzig bis dreissig Euro, meist in Akkordarbeit. Viele der sogenannten Braccianti haben keine Aufenthaltspapiere, ein Umstand, der Menschen besonders ausbeutbar macht.

Spätestens seit den Aufständen von Rosarno im Jahr 2011 sind die Zustände auf den italienischen Plantagen allgemein bekannt. Trotzdem hat sich seither kaum etwas verändert. Die sklavereiähnlichen Arbeitsbedingungen forderten inzwischen mehrere Todesopfer. Und auch wenn sich Premierminister Giuseppe Conte nach drei Tagen des Schweigens doch noch zum Fall äusserte und die Tat verurteilte: Geht es nach Innenminister Salvini, wird die neue Regierung die Entrechtung von MigrantInnen weiter vorantreiben. Darauf deutet zumindest sein sogenannt «erster Sieg» hin: die medienwirksame Schliessung der Häfen Italiens für das Rettungsschiff Aquarius, auf dem sich 629 Geflüchtete befinden.