Nr. 25/2018 vom 21.06.2018

Von Caroline Baur

Umzingelte Skulpturen

Den Schweizer Bildhauer Hermann Haller trieb zeitlebens die erotische Spannung zwischen den Geschlechtern zum künstlerischen Schaffen an. Seine Frauenskulpturen und Porträts im Atelier Hermann Haller der Stadt Zürich stehen zurzeit jedoch nicht einfach als Platzhalter für weibliche Mysterien und sexuelle Fantasien, die man in sie projizieren könnte. In der diesjährigen Sommerausstellung sind Hallers Werke umzingelt von vielen weiteren plastischen und skulpturalen Exponaten, die mit eigenen Geschichten über Lust und Körperlichkeit den Raum einnehmen.

Zu Gast sind zehn «Sculptresses» aus drei Generationen. Unter ihnen findet sich die französische Künstlerin Mélodie Mousset, deren Arbeiten mit verschiedenen Materalien zwischen Virtualität und Leiblichkeit oszillieren, wobei der Körper zur Experimentierfläche fernab von Genderzugehörigkeiten wird. Eingeladen wurde auch das Künstlerinnenkollektiv Mickry 3, dem jede klassische Formensprache oder snobistische Künstlerattitüde völlig egal ist. Das kontrastreiche Zusammenspiel dürfte spannungsreich ausfallen.

«Sculptresses» in: Zürich Atelier Hermann Haller, Höschgasse 8a, Mo–So 13–18 Uhr, bis 16. September 2018.

Die Utopie besetzen

Wenn NGOs und BürgerInneninitiativen sich heute den Slogan «Recht auf Stadt» auf die Fahne schreiben, fordern sie meist ein menschenwürdiges und umweltfreundliches Wohnen – grösser angelegte Utopien gehören eher der Vergangenheit an. Als der Stichwortgeber Henri Lefebvre 1968 sein Manifest «Le droit à la ville» schrieb, ging es dem unorthodoxen Marxisten um eine «revolution urbaine», die das Recht für alle, am Genuss städtischer Infrastruktur und Kultur teilzuhaben, wirksam machen sollte.

Zwischen diesen beiden Polen liegt die HausbesetzerInnenbewegung, die auf ihre Art immer schon das Recht auf Stadt und die kommunale Utopie praktisch anging und in temporären Experimenten erprobte. Die Ausstellung «Squatopia» in der Reitschule Bern leistet einen Beitrag zur Selbsthistorisierung und -kritik der BesetzerInnen. In Gesprächen mit rund vierzig StadtforscherInnen und (ehemaligen) HausbesetzerInnen aus sieben Städten entstand ein umfangreiches Sammelsurium, das Einblick in Debatten um Selbstverwaltung, Basisdemokratie und Idealismus gewährt.

«Squatopia» in: Bern Grosse Halle der Reitschule, Mo–Fr 16–20 Uhr, Sa/So 14–18 Uhr; So, 24. Juni 2018, 11 Uhr, Matinee «Tittanic» mit Sandra Künzi, Lana Kostic, Nicolette Kretz und Sarah E. Müller.

Im Bücherkommunismus

Kleine Buchhandlungen überleben neben Amazon und Orell Füssli kaum mehr. Umso bemerkenswerter ist der an der Zürcher Klingenstrasse versteckte Raum für Buchkultur «Material» mit seiner nicht ganz im Ernst benannten Website materialismus.ch. Ein achtköpfiges Kollektiv hat hier lohnfrei gewütet und einen Hybrid aus Buchladen, Bühne, Offspace und Archiv etabliert. Das «Material» stehe für Peace, Love und den freien Vertrieb von Kunst und Wissen abseits der Mainstreammedien, heisst es.

In dieser Oase bringt das Schweizer Musikmagazin «Zweikommasieben» seine 17. Nummer heraus – mit Essays, Fotografien und Kolumnen zu Jasss, Ossia, der grossartigen Anna Homler, John Maus, Russell Haswell und vielen mehr.

«‹Zweikommasieben› 17 – Magazine Launch» in: Zürich Material, Klingenstrasse 23, Mi, 30. Juni 2018, 18 Uhr.

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