Nr. 25/2018 vom 21.06.2018

Journalismusfreie Presse

Von Karin Hoffsten

Korrekterweise hätte die Berner Berufsschullehrerin, die ihrer Klasse kürzlich im Nikab aus dem Koran vorlas, in einer Burka auftreten müssen. Denn der Nikab ist das schwarze, mehrteilige Gewand, das uns hierzulande fast nie begegnet, es sei denn, wir kaufen in Interlaken ein, während die Burka das einteilige hellblaue Stoffzelt mit Gitter vor den Augen ist, das die Taliban ihren Mitbürgerinnen aufzwingen. Die Lesung fand nämlich im Zusammenhang mit dem Thema Afghanistan statt. Aber Gewänder verwechselt nicht nur der rührige Nationalrat Walter Wobmann.

Ebenso rührige «Leser-Reporter» unter den SchülerInnen filmten ihre verschleierte, nichtmuslimische Lehrerin und schickten das Video an «20 Minuten». Und so nahm das Schicksal seinen Lauf.

Herr Wobmann tobte, fand, das gehöre in den Religionsunterricht – den es an der Berufsschule gar nicht gibt –, und empfahl: «An der Berufsschule würde man besser Politik unterrichten, damit die Schüler wissen, wie man Petitionen oder Initiativen einreicht.» Das tut man längst, doch ein hoher Prozentsatz der SchülerInnen kann dieses Wissen mangels Schweizer Pass nicht anwenden, was massgeblich Wobmanns Partei verantwortet.

Dass Lernende zwischen sechzehn und zwanzig eine solche Schulstunde unbeschadet überstehen, sollte man erwarten können; dass alle der Versuchung widerstehen, eine geifernde Gratiszeitung mit scheinbar Skandalösem zu füttern, offenbar weniger. Diese Unterrichtseinheit war vielleicht keine Sternstunde der Didaktik. Doch was ist schon eine 45-Minuten-Lektion gegenüber dem immerwährenden Kreuz in bayerischen Amtsstuben?

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