Nr. 25/2018 vom 21.06.2018

Überzeugungsarbeit auf Baustellen

Bei den Verhandlungen zu neuen Gesamtarbeitsverträgen für die Elektrobranche und das Bauhauptgewerbe sehen sich die Gewerkschaften Unia und Syna aktuell offensiven Forderungen der Unternehmerverbände gegenüber. Das hat auch mit dem Wandel der Arbeitswelt Bau zu tun. Unterwegs mit einem Werber der Syna.

Von Pablo Rohner

Auf einer Baustelle im Kanton Zürich: Manchmal wird der Gewerkschafter behandelt wie ein Eindringling in einen Raum, wo jeder sich selbst am nächsten steht. Foto: Ursula Häne

Die Tour von Toni Jurado beginnt auf einer Grossbaustelle im st. gallischen Oberbüren. Dort arbeiten an einem warmen Maimorgen Gipser, Schreiner und Elektromonteure auf mit Gerüsten und bunten Blachen eingepackten Hausskeletten. Eine rohe Betontreppe führt in den ersten Stock eines der Häuser, wo der Werber der Gewerkschaft Syna auf einen Küchenmonteur trifft. Er versucht, ihm Mindestlohn und bezahlte Weiterbildungen schmackhaft zu machen. Der Monteur, ein Akkordant, hört zu, nickt oft, sagt dann aber: «Bis jetzt ist es immer gut gelaufen, wie es ist.» Ein Bewusstsein für kollektiven Arbeitsschutz kann beim Arbeitsmodell Akkord, bei dem das Einkommen direkt vom Arbeitstempo abhängt, kaum entstehen. Doch auch im Akkord bemisst sich der Mehrlohn für schnelleres Arbeiten am Lohn eines durchschnittlichen Arbeiters und damit indirekt an einem sozialpartnerschaftlich ausgehandelten Mindestlohn.

In einem weissen, von einem Scheinwerfer beleuchteten Raum trägt ein Gipser Abrieb auf. Gegen die Kratzgeräusche der Kelle anredend, erklärt ihm Jurado, wie er dank einer von der Syna finanziell unterstützten Weiterbildung vom Hilfsarbeiter zum besser bezahlten Berufsarbeiter aufsteigen könnte. Rechtsschutz bei Konflikten mit dem Chef und der Rabatt bei einem bekannten Reifenhändler überzeugen den Gipser, er trägt sich ein. Bei einem Plattenleger in einem anderen Haus läuft es wenig später ähnlich. Das individuelle Vorteilspaket zur Mitgliedschaft in der Gewerkschaft – auch der Bau ist heute ein von individuellen Karriereplänen geprägtes Berufsumfeld.

Jeder sein eigenes Humankapital

Die Historikerin Brigitta Bernet und der Historiker Jakob Tanner beschreiben in «Ausser Betrieb», einer Studie zum Wandel der Arbeit in der Schweiz, wie sich das Bewusstsein für Arbeitsbedingungen ab den späten achtziger Jahren tiefgreifend veränderte. Das an der neoliberalen Chicago School entwickelte Konzept des Humankapitals setzte sich in der Personalpolitik von Firmen durch, die Aufforderung zur stetigen Weiterentwicklung des «individuellen Kapitalstocks an Fertigkeiten» setzte die Angestellten unter ständigen Bildungsdruck und verschärfte die Konkurrenz zwischen ihnen. Diese «subjektive Psychologie der Bildung» habe dazu beigetragen, die Klassengegensätze allmählich aus dem Bewusstsein der Arbeiterschaft zu drängen, so Bernet und Tanner.

Auch auf den Baustellen haben sich Berufe und Betriebsformen verändert. Temporär- und Teilzeitanstellungen haben zugenommen, Bereiche, in denen die Gewerkschaften nur schwer Fuss fassen. In einigen Berufen haben sich neue Arbeitsteilungen etabliert. Im Bereich Elektromontage etwa ist es heute gängige Praxis, dass Firmen für Routinearbeiten Temporäre einstellen, etwa zum Ausspitzen von Kabelkanälen in Betonwänden. Ein dazu komplementäres Geschäftsmodell ermöglicht es ElektrikerInnen, Installationen von Temporärangestellten nur noch abzunehmen und zu zertifizieren, weil Letztere dazu nicht befugt sind.

«Die haben von uns gelernt!»

Begleitend zur Flexibilisierung der Arbeitsmodelle seien die Arbeitgeberverbände in den Verhandlungen um Gesamtarbeitsverträge (GAV) immer forscher aufgetreten, sagt Gregor Deflorin, Zentralsekretär der Syna. Die Verbände trügen ihre Forderungen heute selbstbewusst in die Öffentlichkeit, statt, wie früher, im «stillen Kämmerlein» zu agieren. Auch die offensiven Forderungen bei den Verhandlungen der letzten Monate um einen neuen GAV für die Elektrobranche und den Landesmantelvertrag (LMV) für das Bauhauptgewerbe seien in diesem Licht zu sehen. «Die Verbände haben auch von den Gewerkschaften gelernt», sagt Deflorin.

Bei einigen Gesprächspartnern muss Toni Jurado zunächst eine Mauer aus Desinteresse und Misstrauen abtragen. Der Gewerkschafter wird behandelt wie ein Eindringling in einen Raum, wo jeder dem Betrieb oder sich selbst am nächsten steht. «Viele Angestellte denken, dass die Gewerkschaften ihren Betrieben schaden wollen», sagt Jurado. Gregor Deflorin weist auf die oft enge Beziehung zwischen Angestellten und Chefs in kleinen Betrieben auf dem Land hin: «Viele dieser Angestellten vertrauen darauf, dass sie vom Chef fair entlöhnt werden. Und bei den regelmässigen individuellen Lohnerhöhungen geht oft vergessen, dass sie auf ausgehandelten Mindestlöhnen basieren.»

Werber Jurado wechselt den Ort, die nächste Station ist ein Rohbau in Uzwil. Eisenleger verlegen in gebückter Position Armierungseisen, aufrecht stehen nur der Kranführer und der Polier, den Jurado an der Helmfarbe erkennt. Ihn muss er um Erlaubnis fragen, wenn er die Arbeiter auf seiner Baustelle ansprechen will, so gebietet es ein ungeschriebenes Gesetz. Als Angehöriger des Baukaders ist auch der Polier dem LMV für das Bauhauptgewerbe unterstellt, also fragt Jurado auch ihn nach seiner Haltung zu den laufenden Verhandlungen. Für den Polier ist die Sache klar: «Ich wechsle hier sicher nicht die Seiten. Mir liegen die Interessen der Arbeitgeber naturgemäss näher.» Mit den Eisenlegern könne er aber ruhig reden, solange er sie nicht von der Arbeit abhalte.

Freizeit nur, wenn es regnet

Jurado klettert auf eine andere Ebene des Rohbaus. Er erklärt zwei älteren Arbeitern, beide Maurer kurz vor der Pensionierung, was bei den Verhandlungen um den LMV auf dem Spiel steht, erzählt vom gefährdeten flexiblen Altersrücktritt mit sechzig, den drohenden Lohnkürzungen für ältere Bauarbeiter und flexibleren Arbeitszeiten von bis zu fünfzig Stunden pro Woche. «Wenn beim Bau von flexiblen Arbeitszeiten die Rede ist, hat das meistens mit dem Wetter zu tun», sagt Danilo Ronzani, Regionalverantwortlicher von Syna Ostschweiz. Es gehe vor allem darum, bei schönem Wetter möglichst lange und bei Regen und Wind möglichst wenig zu arbeiten. Denn bei schlechtem Wetter kommen die Sicherheitsmassnahmen und die Anfälligkeit gewisser Materialien der Effizienz in die Quere. Freizeit, wenn es regnet.

Einem der beiden Eisenleger in Uzwil sieht man die Tage an der Sonne an, sein furchiges Gesicht ist rostbraun, auf dem Unterarm verbleicht ein tätowierter Adler. Ihn überzeugt das Argument, dass die Gewerkschaften in den laufenden Verhandlungen gegen Lohnkürzungen bei älteren Bauarbeitern kämpfen. Während er unterschreibt, beginnt der andere spöttisch zu lächeln. Bei der Gewerkschaft mache er sicher nicht mit. «Die helfen sowieso nur den Ausländern», sagt er und macht eine apokalyptische Prognose inklusive bevorstehenden Bürgerkriegs, in dem sowieso jeder sich selber helfen müsse. Was er genau meint, will er nicht sagen. An kruden Gesellschaftsbildern wie diesem lässt sich mit Forderungen von 150 Franken mehr Lohn und Solidaritätsappellen nicht rütteln. Sie sind hart wie getrockneter Zement.

Gut möglich, dass gerade das mit den «Ausländern» nur eine rassistische Stammtischparole war. Doch sie streift wichtige historische und aktuelle Gegebenheiten. Bauarbeiter ohne Schweizer Pass arbeiten durchschnittlich zu tieferen Löhnen und profitieren so stärker von generellen Erhöhungen. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts waren ArbeitsmigrantInnen zudem – neben den Frauen – die Gruppe, dank der die serbelnden Gewerkschaften den Mitgliederschwund abfedern konnten. Zur Zeit des von den Gewerkschaften bekämpften Saisonnierstatuts bemühten sie sich deshalb stark um die ins Land kommenden ArbeiterInnen. Für diese waren die Gewerkschaften die einzige Möglichkeit, ihre sozialen und politischen Anliegen vorzubringen. Auch heute sind die Gewerkschaften eine der wenigen Institutionen, in denen ArbeiterInnen ohne Schweizer Pass die gleichen Rechte wie BürgerInnen mit Pass besitzen. In den achtziger Jahren fanden die Werbungen nach der Grenzkontrolle oder schon im Zug von Belgrad nach Buchs statt. Seit der Einführung der Personenfreizügigkeit 2002 konnten die Arbeitsbedingungen von KurzaufenthalterInnen zwar stark verbessert werden. Doch mit den Anstellungsverhältnissen ist auch die Anwerbung komplizierter geworden.

Dass gute, kontrollierte Mindestlöhne auch das wirksamste Mittel gegen Lohndumping sind, das oft Kurzaufenthaltern und Scheinselbstständigen aus dem Ausland angelastet wird, blendet der Eisenleger in Uzwil aus. Gerade im Entsendebereich, in jenen Arbeitsverhältnissen also, bei denen ausländische Firmen oder hiesige Temporärbüros Arbeitskräfte aus dem nahen Ausland auf Baustellen in der Schweiz schicken, werden die Mindestlöhne oft nicht eingehalten. Vierzig Baustellen hat die paritätische Kommission des Kantons St. Gallen, bestehend aus Vertretern von Gewerkschaften und Unternehmen, im Jahr 2017 kontrolliert. Rund die Hälfte der kontrollierten Firmen verstiess gegen die Bestimmungen des Entsendegesetzes und wurde mit Konventionalstrafen belegt. Bei den meisten Verstössen handelte es sich um Unterschreitungen beim Mindestlohn.

Ein paar Meter entfernt lässt der Kran das nächste Eisenbündel zu Boden. Der Eisenleger bückt sich, schnürt es auf und zieht eine Stange heraus. «Ich gönne es jedem, der sich pensionieren lassen kann, ohne vorher invalid zu werden», sagt Jurado. Dann geht er in den Mittag.

Für den Samstag, 23. Juni 2018, rufen die Gewerkschaften zur Bau-Grossdemonstration in Zürich auf (Central, 12 Uhr). Hauptthema ist der Landesmantelvertrag.

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