Nr. 25/2018 vom 21.06.2018

Schlecht geträumt?

Von Franziska Meister

Kennen Sie das: Man wälzt sich im Dunkeln zwischen verschwitzten Laken, im Kopf kreisen quälende Gedanken? Wenn Ihnen das Nacht für Nacht passiert, spricht man von Insomnia – Schlaflosigkeit. Die Folgen sind gravierend und reichen von chronischer Übermüdung bis zur Depression. Und jetzt stellen Sie sich vor: Die 27 PatientInnen der jüngst veröffentlichten Schlafstudie am Universitätsklinikum Freiburg im Breisgau leiden im Schnitt seit rund fünfzehn Jahren unter Insomnia! Zusammen mit 27 Personen ohne Schlafstörungen verbrachten sie vier Nächte im Schlaflabor. Mit einer Polysomnografie, die unter anderem Hirnströme und Herzfrequenz auswertet, wurde dort ihre Schlafqualität gemessen.

Solche Untersuchungen sind längst Standard und haben in der Insomniaforschung zu einem Paradox geführt: Die objektiv messbare Schlafqualität von chronisch Schlaflosen und normal Schlafenden unterscheidet sich kaum. Ein Querschnitt durch Insomniastudien zeigt, dass Schlaflose pro Nacht im Vergleich höchstens eine halbe Stunde weniger lang schlafen – während sie gemäss eigenen Aufzeichnungen mindestens zwei Stunden wach liegen. Um diesem Paradox auf den Grund zu gehen, kam der Freiburger Forscher Bernd Feige auf die Idee, alle TeilnehmerInnen im Verlauf der dritten und vierten Nacht wiederholt zu wecken und zu ihrem Schlaf zu befragen. Geweckt wurden sie mit einem lauter werdenden Signalton sowohl aus dem Tief- als auch aus dem sogenannten REM-Schlaf, der Traumphase des Schlafs. Danach mussten sie angeben, ob sie vor dem Signalton geschlafen oder wach gelegen hätten, ob sie sich diesbezüglich sicher seien und wie sie sich dabei gefühlt hätten.

Es zeigte sich: Die InsomniapatientInnen waren sich signifikant häufiger sicher, wach gelegen zu haben, als man sie aus dem REM-Schlaf weckte, und berichteten von quälenden Gedanken darüber, nicht schlafen zu können. Beim Wecken aus dem Tiefschlaf hingegen liess sich kein Unterschied zur Gruppe der NormalschläferInnen feststellen. Auch die Aufwachschwelle war bei allen ähnlich, die PatientInnen hatten also nicht etwa einen «leichteren» Schlaf.

Und was schliesst Forscher Feige daraus? «Offensichtlich bauen manche Menschen die Sorge vor einer Schlafstörung in ihre Träume ein. Sie träumen also ‹nur› von einer Schlafstörung.» Sollten Sie, liebe Leserin und lieber Leser, trotzdem unter Schlaflosigkeit leiden, können wir Sie aufgrund dieser Studie beruhigen: Sie bilden sich das nur ein.

Herrn Feige möchten wir darauf hinweisen: «The absence of evidence is no evidence of absence» – bloss weil etwas nicht bewiesen werden kann, bedeutet das nicht, dass es nicht existiert.

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