Nr. 25/2018 vom 21.06.2018

Bis die Sonne wiederkommt

Mit Schlafsack und Gitarre ist Pippo Pollina einst aus Sizilien weggezogen. Jetzt blickt der Zürcher Cantautore in seiner beeindruckenden Autobiografie zurück.

Von Jens Renner

Am 9. Juni 2017 ging für Giuseppe «Pippo» Pollina ein Traum in Erfüllung: Mit seiner Band spielte der italienisch-schweizerische Liedermacher im Teatro Massimo, dem Opernhaus seiner Heimatstadt Palermo. Schon kurz nach der Ankündigung des Konzerts waren die 1200 Karten ausverkauft – ein Triumph, der dreissig Jahre zuvor nicht vorauszusehen war. Im Herbst 1985 hatte sich Pippo Pollina, damals 22 Jahre alt, auf den Weg nach Norden gemacht. Mit «Heft, Stift, Schlafsack und Gitarre» reiste er durch Mittel- und Osteuropa, seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Strassenmusiker. Auf der Strasse wurde er 1986 auch «entdeckt», und zwar von Linard Bardill, der ihn in ein Aufnahmestudio schickte.

Lieder, «durchtränkt von bitteren Betrachtungen und politischem Engagement», habe er damals geschrieben, schreibt Pollina in seiner Autobiografie «Verse für die Freiheit». Bitter waren vor allem die Erfahrungen im Sizilien der Mafia und der korrupten Politiker gewesen, was ihn letztlich zum Gang ins Exil bewegte: «Ich war davon überzeugt, dass die Gesellschaft, die mich umgab, diese Ungerechtigkeiten nicht erlitt, sondern daran kräftig mitwirkte. (…) Warum hätte ich kämpfen sollen, sie zu ändern?»

Das Heimweh ist geblieben

Politisch engagiert blieb er dennoch. Das beweisen nicht nur seine Liedtexte, sondern auch diverse Reflexionen in seinem Buch – über Mafia und Korruption, den Niedergang der Linken, die nachhaltigen Wirkungen des Berlusconismus im heutigen Italien: «Berlusconis Ansinnen war es, den intellektuellen Niedergang Italiens einzuleiten. Und das ist ihm hervorragend gelungen.»

Ein zentrales Thema für Pippo Pollina bleibt die Migration. Mit seinem Exilland, der Schweiz, machte er zwiespältige Erfahrungen. Besonders schwierig waren die Anfangsjahre: «Ohne unbefristeten Arbeitsvertrag gab es keine Aufenthaltserlaubnis. Jedes Mal, wenn mich die Polizei bei meiner Strassenmusik kontrollierte, versicherte ich, ich sei erst gestern angekommen und würde morgen weiterziehen.» Sein erster Einbürgerungsantrag wurde 1993 abgelehnt – als Pollina dem Beamten sagte, dass er «gern an der Schweizer Gesellschaft teilhaben» und sein Wahlrecht ausüben wolle, antwortete der Beamte: «Aha, genau! Also doch politische Motive!» Erst 2007, nach über zwanzig Jahren, wurde Pollina eingebürgert, doch das Heimweh nach Sizilien blieb – und auch das Gefühl, hier wie dort nicht dazuzugehören, das er mit einer ganzen Generation italienischer ArbeitsmigrantInnen teilt: «Diese grosse Gruppe entdeckte, dass sie für die Schweizer immer die ‹Italiener› bleiben würden, aber für die Italiener zu sehr ‹Schweizer› geworden waren.»

Sechzehn Alben nahm Pippo Pollina zwischen 1986 und 2017 auf, jedes der sechzehn Kapitel seines Buches beginnt mit einem Albumtitel und endet mit sämtlichen Liedtexten, auf Italienisch und Deutsch. Pollinas Lieder handeln von Politik und Dingen des Alltags, von der Liebe, dem Reisen, dem «heftigen Schmerz des Abschieds von den Utopien». Mit dem Klang seiner Lieder im Ohr lässt sich das Buch am besten lesen. Pollina schreibt einiges über ihre Entstehung, die Aufnahmen im Studio, Konzerte auf Kleinkunstbühnen und in der Arena von Verona. Das unvermeidliche Namedropping ist erträglich – Pollina hat mit vielen grossartigen MusikerInnen gespielt, auch etlichen prominenten, darunter Georges Moustaki, Konstantin Wecker, Charlie Mariano, der chilenischen Gruppe Inti-Illimani. Sogar Mick Jagger geistert auf fünf Zeilen durch die legendären Abbey Road Studios; er geht aber gleich wieder, «ohne irgendjemanden zu beachten».

Die Hoffnung als Bollwerk

Die eine oder andere Anekdote erzählt Pollina nicht frei von Eitelkeit. Seine Musik reflektiert er selbstironisch («Pop-Gesang, ohne klassische Ausbildung»), aber auch selbstbewusst: So sieht er sich als Künstler, der unbeirrt ausserhalb gängiger Genres seinen Weg geht. «Deine Art, Lieder zu schreiben, hat in Italien keinen Platz mehr», sagte ihm Ende der neunziger Jahre ein erfolgreicher Kollege: «Das ist eine vom Aussterben bedrohte Art.» Pollina hat sich davon nicht entmutigen lassen. Immer noch klingen seine Lieder frisch und in ihrer politischen Botschaft aktuell, auch auf seinem jüngsten Album, «Il sole che verrà» (Die Sonne, die wiederkommt). Verbindendes Thema ist hier die Hoffnung, als letztes «Bollwerk» in deprimierenden Zeiten. Pippo Pollinas Musik und sein Buch helfen dabei, den Mut nicht zu verlieren.

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