Nr. 25/2018 vom 21.06.2018

Für die Ewigkeit

Ruedi Widmer über einen unsterblichen Horst Seehofer

Von Ruedi Widmer

Das ewige Leben steht nach Ansicht einer ganzen Wissenschaftsindustrie in Reichweite. Eine Menge gut betuchter KundInnen hält sich für so unverzichtbar für Land und Leute, dass sie bereit sind, eine Menge Geld in diese Forschung zu investieren oder sich gar einfrieren zu lassen, nur um in einer anderen, besseren Zeit wieder aufzuwachen.

Man stelle sich vor, Kaiser Wilhelm würde heute einem Berliner Kühlschrank entnommen und mit dem Mikrowellenofen aufgetaut. Völlig selbstverständlich würde er sich in seine Gewandung von 1914 werfen, auf die Strasse der Hauptstadt treten und wieder das Zepter schwingen. Er wüsste nicht mal, dass Berlin zwischenzeitlich nicht mehr Hauptstadt war. Vor dem «Berghain» würde er ausgelacht, in Neukölln überfallen. Es ginge nicht lange, bis ihm sozialeinrichtungstechnisch begegnet würde. Zuerst die Abklärung der geistigen Gesundheit, dann Einweisung in eine Klinik.

Oder wäre es die verdammte Pflicht von uns Normalsterblichen (inzwischen ein Wort mit einer geradezu prophetischen Bedeutung), die ganze Welt sein und stehen zu lassen, wenn sich ein Promi für den Gefrierschlaf entscheidet, damit das arme Huscheli beim Aufwachen nicht einen Schreck kriegt? Also eine Eingefrierung der ganzen Welt? Das hiesse aber auch: Die Welt kann nicht anders oder besser werden, um darin aufzuwachen.

Aber zu erwarten ist eher: Wer 2150 weiterleben will, dem nützt das Wissen von 2018 nichts. Gnade denen, die sich dann die Besserwisserei der Boten aus der Vergangenheit anhören müssen. Ein erneutes Wirken von Horst Seehofer in hundert Jahren wäre die noch grössere Zumutung als heute. Bereits jetzt müssen deshalb soziale Auffangeinrichtungen angedacht werden, um die Aufgetauten in die Umstände einer völlig anderen Welt einzuführen. Werden solche Zeitflüchtlinge beziehungsweise Auftaulinge nicht sofort in solchen Lagern interniert, drohen grosse soziale Unruhen.

Wenigstens hätte man einige Jahrzehnte Ruhe vor den Führern der heutigen Welt. Doch wenn Donald Trump oder Wladimir Putin gleich aus dem Stand ewig leben sollten, dann hört der Schreck nicht mehr auf. 450-Jährige werden 380-Jährigen ihren jugendlichen Übermut vorwerfen, 750-Jährige werden so viele Nachkommen bei ihren Geburtstagen verköstigen, dass die Geburtstagstorte von St. Gallen bis nach Genf reicht, 1400-Jährige werden Jugendlichen die Leviten lesen. Sokrates, Konfuzius oder Christoph Kolumbus würden bei Anne Will in der Gesprächsrunde sitzen, beziehungsweise Anne Will gäbe es gar nicht, weil Werner Höfer vom «Internationalen Frühschoppen» (Westdeutscher Rundfunk, ab 1952) immer noch der Haupttalker Deutschlands wäre. Neymar würde jahrhundertelang auf Fussballplätzen hinfallen.

Um das ewige Leben zu finanzieren, muss man sich zuerst im Leben bewährt und einen gesellschaftlichen Status erreicht haben. Naturgemäss hat man dann schon ein gewisses Alter erreicht. Das heisst, Eingefrorene oder Ewiglebende bleiben biologisch vielleicht im Alter von sechzig Jahren bis in alle Ewigkeit stehen. Wann entscheide ich mich als Promi oder vermögend, den körperlichen Verfall zu stoppen? Dieser Entscheid ist sehr schwierig. Wird es auch Kinder geben, die Hunderte von Jahren lang Kinder sind? Für was muss ein solches Kind lernen? Ohne endliches Leben ist Bildung wie überhaupt persönliche Entwicklung obsolet.

Es braucht also nicht nur soziale Auffangeinrichtungen für die gut betuchten Erwachenden, sondern vor allem sozialpolitische Massnahmen für die breite, weiterhin sterbliche Bevölkerung, die sich den Gefrierzirkus oder das ewige Leben nicht leisten kann. Wir stehen vor Herausforderungen, gegen die autonome Mobilität, der Klimawandel oder die Emigration nur noch ein Vogelschiss sind.

Ruedi Widmer gedenkt, sich bei Bedarf in Winterthur einfrieren zu lassen.

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