Nr. 26/2018 vom 28.06.2018

Kunst als Seismograf

Von Stefan Howald

Der Titel dieses Buchs benennt lakonisch ein weites Spannungsfeld: wie sich Kunst kritisch zur Gesellschaft stellt und wie die Gesellschaft sie prägt. Zwei Bilder auf dem Titelblatt markieren das behandelte Spektrum: Eugène Delacroix’ «Die Freiheit führt das Volk» (1830) und Piet Mondrians «Tableau No 1. mit drei Linien und Blau» (1925). Empathische Symbolik und formale Strenge werden dabei in ihren jeweils unterschiedlichen Leistungen gewürdigt.

Es ist ein fadengerade geschriebenes, erfrischendes Buch. Fritz Billeter, langjähriger Kunstkritiker des «Tages-Anzeigers» und vielfältig in der Schweizer Kunstszene tätig, behandelt darin die Kunstentwicklung seit 1830 bis in die Gegenwart, jene Epoche also, die man die kurzen zwei Jahrhunderte der Moderne nennen könnte.

In einem knappen Vorspann definiert Billeter kritische Kunst als Seismografen für gesellschaftliche Probleme und als eine, die Konventionen durchbricht. Das scheinen schwache Kriterien. Aber im historischen Umfeld werden sie einleuchtend differenziert. Engagierte, sich mit einer politischen Bewegung verbindende Kunst wird auf ihre Möglichkeiten und Grenzen befragt, scheinbar autonomer Kunst wird ihre gesellschaftskritische Potenz entlockt. Regelmässig verfolgt Billeter die Gruppenbildung von KünstlerInnen als soziales Phänomen, zuweilen als Ergänzung, zuweilen als Ersatz für eine soziale Bewegung.

In seinen Analysen wird das direkte Engagement ebenso wie die ästhetische Kühnheit anerkannt. Während der französische Realismus neue alltägliche Themen und Sujets erschliesst, revolutioniert der Impressionismus das Sehen; während der Dadaismus die Grenzen der Vernunft erkundet, präsentiert das Bauhaus die schöne funktionale Form. Paradigmatisch setzt sich Billeter intensiver mit einzelnen Künstlern der letzten Jahrzehnte auseinander.

Billeter definiert sein Buch als Grossessay, der sich auf subjektive Erfahrungen zurückbezieht, doch zugleich liefert er eine handliche Geschichtsschreibung der Kunst der Moderne. Der Gebrauchswert wird nur ein wenig gemindert durch das Fehlen eines Registers.

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