Nr. 26/2018 vom 28.06.2018

So wird das nichts mit dem Paradies

Warum wollen Menschen, die genug verdienen, um das bestgehätschelte Biogemüse zu kaufen, unbedingt einen Garten? Aus Liebe zur Natur und um eigene Fehltritte moralisch abzufedern. Hören wir auf mit dem Unfug.

Von Stephan Pörtner (Text) und Serafine Frey (Illustration)

Gärten sind Zwangsjacken für die Natur. Trotzdem steht das urbane Selbstoptimierungsbürgertum Schlange, um einen Schrebergarten zu ergattern, in den Genossenschaftsüberbauungen werden Holzkisten aufgestellt, in denen das Kraut schiesst. «Urban Gardening» nennt sich das. Selbst in den Villenvierteln knien Millionärsgattinnen im Hühnermist, zupfen Unkraut und zerschneiden Schnecken, obwohl sie sonst nicht einmal die Butter selber aufs Brot schmieren. Wer die dicken Gartenkataloge des Coop-Baucenters oder gar von Versandhäusern wie Manufactum studiert, stellt fest, dass sich die Gartenausrüstung durch eingesparte Lebensmittelkosten kaum amortisieren lässt.

Warum also wollen Menschen, die genug verdienen, um selbst das gehätscheltste Biogemüse zu kaufen, unbedingt einen Garten? Aus Liebe zur Natur. Um ein naturnahes Leben zu führen. Damit die Kinder lernen, wie Nahrung wächst, wie viel Arbeit in einem Krautstiel steckt, der dadurch auch nicht besser schmeckt. Dabei reichen, um Kindern das Prinzip der Lebensmittelproduktion näherzubringen, ein paar Kressesamen und ein Stück Watte.

Da hilft kein Mondkalender

Das selbstgezogene Siebentausendstel des jährlichen Kalorienbedarfs hilft, ökologische Fehltritte wie den Winterurlaub in Thailand oder die Yogawoche auf den Seychellen moralisch abzufedern. Zur Lösung des Nahrungsproblems will man beitragen. Als ob sich sieben Milliarden Menschen aus SBB-Palettenkisten ernähren liessen. Was in den vernachlässigten Armutsvierteln US-amerikanischer Metropolen, wo die Versorgung mit frischem Gemüse prekär sein kann, seine Berechtigung haben mag, ist in Hochschulabsolventenghettos wie Zürich Wiedikon, wo marktfrische Lebensmittel praktisch rund um die Uhr zu erwerben sind, bestenfalls ein Hobby, die Outdoorversion der Modelleisenbahnanlage.

Rein gar nichts mit Natur zu tun haben die in Gärten angebauten Pflanzen, allesamt Erzeugnisse menschlicher Genmanipulation, die in der freien Wildbahn keine Überlebenschancen hätten. Da hilft kein Mondkalender und kein eingegrabenes Kuhhorn. Ohne ständige Hege und Pflege würden sie verdorren, verkümmern oder von Schnecken gefressen. Darum der Kampf der GärtnerInnen gegen die Natur: wässern, jäten, unerwünschtes Leben fernhalten oder vernichten. Es ist ein offenes Geheimnis, dass in Privatgärten noch immer Gifte eingesetzt werden, die im professionellen Lebensmittelanbau längst verboten sind. Trotzdem gibt es stets einen Aufschrei, wenn solche privaten Giftdeponien einem sinnvollen Projekt, wie zum Beispiel einer Mehrzweckhalle, weichen sollen.

Um dem Irrglauben, Gärten seien etwas Natürliches, auf den Grund zu gehen, muss man buchstäblich bei Adam und Eva beginnen. Die ersten Menschen lebten in einem Garten, also ist der Garten der Idealzustand des Menschen. Falsch. Etwas, ohne das es seither keine Gärten mehr gäbe, fehlte nämlich in Eden: die Gartenarbeit. Diese erfand der liebe Gott ausdrücklich als Strafe. Sie entwickelte sich zur Landwirtschaft, einer Tätigkeit, zu der die Menschen einander fortan mit roher Gewalt zwangen. Selbst ohne biblischen Schöpfungsmythos ist die Agrarrevolution leicht als die Weggabelung zu erkennen, an der die Menschheit falsch abbog. Die Wertschätzung, die Bauern in früheren Zeiten genossen, lässt sich am Schachspiel ablesen.

Der Ziergarten wurde zur Zeit des Kolonialismus von dekadenten englischen Adligen erfunden, die damit zeigten, dass sie es sich leisten konnten, grosse Flächen mit unnützen, exotischen Pflanzen zu begrünen, während rundherum das Volk verhungerte. Hier gedieh erstmals Rasen, und es verbreitete sich das Ideal vom Haus mit Garten.

In den 1970er Jahren ging dieser Traum in unseren Breitengraden für viele Menschen in Erfüllung. Meine Generation, eigentlich von der Geschichte von der Gartenarbeit befreit, sah sich trotzdem zum Rasenmähen, Jäten, Zusammenlesen von Steinen oder den in der Konsistenz ähnlichen Quitten abkommandiert. Der Quittenbaum ist Sinnbild des Gartenirrsinns, macht er doch Arbeit, ist aber, abgesehen davon, dass man eine Hängematte daran befestigen kann, vollkommen nutzlos. Seine Früchte sind ungeniessbar; nur unter Zugabe von Unmengen Zucker lassen sie sich zu einem ekligen Glibber verarbeiten. Neben der Zwangsverfütterung an Kinder in Ferienlagern wird Quittengelee in Hotels zur Disziplinierung von Gästen eingesetzt, die sich erfrechen auszuschlafen und die am Frühstücksbuffet mit dieser stets übrig bleibenden Sorte abgestraft werden.

Wehe denen, die nachlassen!

Waltet im Garten die Natur, gerät er in einen Zustand, den GärtnerInnen als «verwildert» bezeichnen. BesitzerInnen solcher Gärten werden geächtet und aus der Gartengemeinschaft ausgeschlossen. Wehe denen, die im Kampf gegen die Natur nachlassen. Die Natur will nämlich nur eines: in Ruhe gelassen werden. Wird sie das, nimmt sie rasch eine Struktur an, die dem Menschen den Zugang verwehrt.

Der Mensch ist die dominierende Spezies auf dem Planeten geworden, auf Kosten aller anderen. Darum hasst uns die Natur. Auch euch, liebe Gärtnerinnen und Gärtner. Euch ganz besonders, denn es gibt eben kein naturnahes Leben, ausser dem Ableben. Wenn die Grabstätte nicht sofort zu einer Art Minigarten umfunktioniert, bepflanzt und gepflegt würde. Darum wird das, solange es Gärten gibt, nie etwas mit dem Paradies auf Erden.

Stephan Pörtner (52) ist Autor und lebt in Zürich. Er hat keinen Schrebergarten, keine Holzkiste und keine Millionärsgattin.

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