Nr. 26/2018 vom 28.06.2018

Die Nati zeigte den Nazis den Vogel

Sport ist Politik – auf dem Balkan sowieso: Eine Abrechnung mit der Art, wie in der Schweiz anlässlich der Doppeladler-Aufregung über Integration, Patriotismus und ethnische Zugehörigkeit debattiert wird.

Von Etrit Hasler

Rechtsextreme Horde als Adressat: Nati-Spieler Behrami, Rodríguez, Xhaka, Akanji und Lichtsteiner vor den serbischen Fans. Foto: Getty

Wir haben uns eigentlich daran gewöhnt: Jedes Mal, wenn die Schweizer Fussballnationalmannschaft an einem Turnier mitspielt, führt das Land eine Debatte um die Integration ihrer migrantischen Spieler. Nach dem Gruppenspiel gegen die Türkei an der EM 2008 musste sich Hakan Yakin anhören, dass er Chancen vergeben habe, weil er nicht «gegen sein Land» habe ein Tor machen wollen. Nach dem Ausscheiden an der WM in Brasilien 2014 lancierte der frisch gewählte Captain Stephan Lichtsteiner eine Debatte um «Identifikationsfiguren» mit Bemerkungen über «richtige und andere Schweizer». Und nun, nach dem politisch aufgeladenen Sieg über Serbien, diskutiert die versammelte Deutschschweiz über den Doppeladler-Torjubel von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri.

Wobei sich die Diskussion für einmal nicht hauptsächlich um die Gretchenfrage dreht, wie integriert die AlbanerInnen denn überhaupt seien – ausser bei den paar Ewiggestrigen wie SVP-Nationalrätin Natalie Rickli, die via Twitter verlauten liess: «Die beiden Goals sind nicht für die Schweiz gefallen, sondern für den Kosovo.» Oder bei SVP-Politiker Roger Köppel, der schon im Vorfeld versucht hatte, den völkischen Diskurs zu lancieren, indem er von «Auslandsöldnern» und «eingeschweizerten Afrikanern» faselte.

Wie politisch ist der Adler?

Vielmehr stand im Zentrum jenes uralte Klischee, dass «Politik nichts im Sport verloren» habe, wie das unter anderem Nationalcoach Vladimir Petkovic formulierte. Entsprechend wurde der Doppeladler-Jubel als «politische Provokation» verstanden, was entweder «bescheuert, dumm und überflüssig» (Sascha Ruefer, SRF) oder Ausdruck «mangelnder politischer Sensibilität» (NZZ) sei. Warum, brauchte gar niemand auszusprechen: Jede Erinnerung an die Balkankriege der neunziger Jahre wird als unpassend verdrängt, weil es mit vielen SerbInnen kaum möglich ist, über die Unabhängigkeit des Kosovo und die Rolle der serbischen Regierung und Armee in den Kriegen zu sprechen. Womit die These schon widerlegt ist: Denn insbesondere auf dem Balkan gibt es keinen Fussball, ohne dass Politik mit im Spiel ist.

So sprach der serbische Aussenminister Ivan Dacic vor der Partie von der «süssen Rache», falls sein Team gegen Costa Rica gewinnen würde – eine der ersten Nationen neben der Schweiz, die den Kosovo formell anerkannt hatten. Dacic meinte dann noch: «Wir wissen nicht, ob wir gegen die Nationalmannschaft der Schweiz, jene von Albanien oder Pristina spielen.» Wobei Dacic ja nicht irgendein Politiker ist – bis im Jahr 2000 amtete er als Pressesprecher von Slobodan Milosevics Sozialistischer Partei und nach dessen Tod als Parteivorsitzender und direkter Nachfolger des verurteilten Kriegsverbrechers. Ein Mann, der den Freischärlergeneral Zeljko «Arkan der Tiger» Raznatovi als «serbischen Patrioten» bezeichnete.

«Tötet die Albaner»

Das passt im serbischen Fussballkontext ins Bild. Die Anhänger der serbischen Nationalmannschaft sind europaweit als wohl gefährlichste Hooligantruppe neben der russischen bekannt, wobei Hitlergrüsse und rassistische Beschimpfungen noch die harmlosesten ihrer Delikte sind. So musste 2010 ein Qualifikationsspiel gegen Italien abgebrochen werden, als serbische Hooligans das Spielfeld stürmten, nachdem sie vier Tage zuvor bereits ihren eigenen Torhüter im Mannschaftsbus attackiert hatten. Vier Jahre später waren es dieselben Fans, deren Aktionen zum Abbruch der Partie zwischen Albanien und Serbien führten – was nach einem längeren juristischen Nachspiel mit einem Forfaitsieg für Albanien endete. An der aktuellen WM wurde der serbische Fussballverband bereits nach der ersten Partie mit 10 000 Franken gebüsst – wegen «unangebrachten Verhaltens der Fans» und Verwenden eines serbischen Militärbanners aus dem Zweiten Weltkrieg. Vor diesem Hintergrund war es umso erstaunlicher, dass sich die Spieler beider Mannschaften auf dem Platz nicht von der Aggression anstecken liessen. Gemessen am eher körperbetonten Stil beider Mannschaften verlief das Spiel fast freundschaftlich. In den ersten 45 Minuten waren kaum Revanchefouls und keinerlei Gehässigkeiten zu sehen. Zur Halbzeitpause konnte man sogar Xherdan Shaqiri und den serbischen Torschützen Aleksandar Mitrovic beobachten, wie sie auf dem Weg in die Kabine kollegial miteinander plauderten. Als Zuschauer empfand ich enormen Respekt vor beiden Mannschaften, dass sie unter diesen Umständen so cool bleiben konnten.

Und so war es denn auch nicht als Geste an den Gegner oder an den serbischen Staat gerichtet, als es nach den beiden Toren zum seither zerredeten Doppeladler-Jubel kam. Die Schweizer Spieler stellten sich demonstrativ vor der serbischen Fankurve auf – nicht nur jene mit albanischer Herkunft. Ausgerechnet Stephan Lichtsteiner, der mit seinen Aussagen 2014 noch selber unter Rassismusverdacht geraten war, machte mit geschwellter Brust den albanischen Adler und gestikulierte in Richtung der Fans, wobei er immer wieder auf das Schweizerkreuz auf seinem Trikot pochte. In Richtung einer serbischen Fankurve also, die zuvor eben nicht nur die drei kosovarischen Spieler auf dem Platz bei jeder Ballberührung ausgepfiffen, beschimpft und ausgebuht hatte, sondern auch die beiden dunkelhäutigen Spieler Manuel Akanji und Breel Embolo – und nicht zuletzt auch Ricardo Rodríguez. Fans, die zwischendurch immer wieder «Kosovo ist Serbien!» und das altbekannte Hasslied «Ubij Siptara» (Tötet die Albaner) angestimmt hatten. Eine rechtsextreme Horde, in der sich eine Gruppe Hooligans unbekümmert von einem Fifa-Fotografen in T-Shirts ablichten liess, auf denen das Konterfei des Kriegsverbrechers Ratko Mladic zu sehen war. Poetisch angehaucht könnte man auch sagen: Die Nati zeigte den Nazis den Vogel.

Ich erinnerte mich an den Black Power Salute von Tommie Smith und John Carlos bei den Olympischen Spielen 1968 – ein Protest gegen Rassismus in ihrer Heimat, im Stadion und anderswo. Damals wie heute stand ein nicht Betroffener dabei (damals der weisse australische Sprinter Peter Norman), der zeigen wollte: Das geht mich auch etwas an. Tommie Smith erklärte die Geste später einmal mit den Sätzen: «Wenn ich siege, bin ich Amerikaner, kein schwarzer Amerikaner. Aber wenn ich etwas Schlechtes mache, sagen sie, ich sei ein ‹Negro›» Ein Satz, von dem niemand bestreiten kann, dass er in Analogie genauso auf die albanischen Spieler in der Nati zutrifft. Und auch wenn der Rassismus, den Schwarze bis heute in den USA erleben müssen, gravierender ist als jener, mit dem die albanische Bevölkerung in der Schweiz leben muss, so ist es eben doch immer noch Rassismus. Zwei Tage später stellte das schwedische Team, dessen Spieler ebenfalls aufs Übelste beschimpft wurden, ein Video online, indem sie «Fuck racism!» ausrufen. War das nicht eigentlich das Thema?

Wäre die Doppeladler-Geste so oder ähnlich kommuniziert worden, wäre die Diskussion vielleicht anders verlaufen. Doch dazu kam es nicht. Granit Xhaka verleugnete im ersten Interview, dass sie überhaupt an die serbischen Fans gerichtet gewesen sein soll. Xherdan Shaqiri betonte, es sei alles aus der Emotion heraus geschehen. Der Erste, der sich überhaupt darauf bezog, dass es eben auch noch andere Gründe gab, war Stephan Lichtsteiner: Er habe lange mit den Vätern der Spieler über das Thema gesprochen. Mit Vater Ragip Xhaka also, der drei Jahre als politischer Gefangener in einem serbischen Gefängnis verbracht hatte – und mit Vater Isen Shaqiri, der einst seine Stelle verloren hatte, weil er im zunehmend rassistischen Jugoslawien nicht mehr arbeiten durfte. Weiter ging nur noch Fussballverbandspräsident Peter Gilliéron, der gar den linken Kampfbegriff der «Solidarität» verwendete, um die Aktion zu erklären.

Doch der Schaden war bereits angerichtet und die Diskussion lanciert: mit dem ersten hysterischen Ausruf («Bescheuert!») von Sascha Ruefer, einem Mann, der sich gern darin gefällt, dümmliche nationale Klischees zu bedienen wie «das deutsche Siegergen» und darüber zu schwadronieren, wie «echte Schweden» aussehen müssten (gemeint war der aramäische Schwede Jimmy Durmaz) – und mit dem «Unverständnis», das Rainer Maria Salzgeber danach formulierte. Jedes Medium von «20 Minuten» bis zur NZZ liess daraufhin meist gleich zwei, häufig kontradiktorische Kommentare zum Thema schreiben. Im «Blick» durfte Lucien W. Valloni, der Präsident der Spielervereinigung Swiss Association of Football Players (SAFP), darlegen, wieso das von der Fifa eingeleitete Verfahren gegen die Spieler «lächerlich» sei, während der «Blick»-Sportchef die Spieler ermahnte, dass sie nicht nur Botschafter eines Landes seien, sondern «auch Botschafter von Firmen und Sponsoren, die die Millioneneinkünfte der Männer in kurzen Hosen garantieren». Oder übersetzt: Macht der Credit Suisse keinen Ärger.

Im «Tages-Anzeiger» wiederum machte der Auslandskorrespondent Enver Robelli klar, dass die Adlergeste vieles sei, aber mit Sicherheit keine nationalistische Provokation, während in «20 Minuten» der Politologe Nenad Stojanovic unterstellte, ein mögliches Ziel sei es gewesen, «die Superiorität der eigenen Ethnie zu betonen». Und im zunehmend verschwörungstheoretisch angehauchten Onlinemedium «Infosperber» schrieb ein Autor von «Schweizer» Fussballern (in Anführungszeichen) und setzte den Doppeladler mit dem Hitlergruss gleich.

Nachhilfe vom ZDF

Man wurde das Gefühl nicht los, dass das einzige Medium, das keine eigene Position mehr beziehen wollte, jenes war, das die Diskussion erst losgetreten hatte: So lief auf SRF zwar die Berichterstattung zur Untersuchung der Fifa gegen die involvierten Spieler – doch ein Kommentar, der die ganze Geschichte eingeordnet hätte? Fehlanzeige. Eine Erklärung, weswegen niemand bei SRF genügend Serbisch oder Russisch beherrscht, um Sascha Ruefer während der Liveübertragung auf die rassistischen Gesänge der Fans aufmerksam zu machen? Fehlanzeige. Ein ernüchternder Vergleich zur Berichterstattung des ZDF, dessen Sportchef Thomas Fuhrmann seine publizistische Verantwortung in einem Gespräch im Deutschlandfunk folgendermassen erklärte: «Wir sind nicht nur für den Sport da. (…) Das ist das Privileg, das wir als öffentlich-rechtlicher (Sender) haben. Wir müssen nicht eine Rendite erzielen, die Rendite ist eine Aufklärung.»

Bei SRF musste man für einordnende Stimmen auf Kulturschaffende zurückgreifen: In der Talkshow «Letschti Rundi» direkt nach dem Spiel war es der Autor und Kabarettist Bänz Friedli, der dem Klischee, dass Sport und Politik nichts miteinander zu tun haben sollen, mit den Worten entgegentrat: «Sport ist Politik, sonst wäre diese WM nicht in Russland mit dem Regime Putin gelandet.» Und im «Echo der Zeit» war es Pedro Lenz, der zusammenfassen durfte: «Mancher Stinkefinger hat die Form eines doppelköpfigen Adlers. Die Schweiz kann sich von diesem Doppeladler provozieren lassen – oder sie kann ihn als Zeichen dafür deuten, dass dem Land neue Flügel wachsen, die es in eine verheissungsfrohe Zukunft tragen.»

Etrit Hasler ist «Halbaner», WOZ-Kolumnist und SP-Kantonsrat in St. Gallen.