Nr. 26/2018 vom 28.06.2018

«Es ist schwierig zu begreifen, dass du selbst nicht das Problem bist»

Seit Jahren ist die LGBTIQ-Bewegung in Russland Repression ausgesetzt. Die Aktivistin Swetlana Sacharowa über Homophobie als Staatsideologie, die Jagd auf Homosexuelle in Tschetschenien und sichere Räume in der Provinz.

Von Anna Jikhareva (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Swetlana Sacharowa, Aktivistin: «Ich sehe die Fussball-WM als Chance – auch wenn ich nicht glaube, dass sich tatsächlich etwas ändert.»

WOZ: Swetlana Sacharowa, wieso gilt die LGBTIQ-Bewegung in Russland als Feindbild?
Swetlana Sacharowa: Es ist nicht so, dass die russische Kultur einfach homophob ist. Das hasserfüllte Klima ist eher ein Resultat der jahrelangen Staatspropaganda, die die Menschen wahlweise als Pädophile oder westliche Agenten darstellt – geschickt, um Russland zu zerstören.

Welchen Zweck erfüllt diese staatlich geförderte Homophobie?
Nach dem Ende der Sowjetunion versuchte die Regierung, eine nationale Identität zu schaffen – und entschied sich für sogenannte traditionelle Werte. Die LGBTIQ-Gemeinschaft eignet sich perfekt als Hassobjekt – weil praktisch niemand etwas über sie weiss und viele von ihnen wiederum Angst haben, sich öffentlich zu äussern.

2013 ist in Russland ein Gesetz in Kraft getreten, das «Propaganda für Homosexualität» unter Strafe stellt. Wie hat sich die Situation der LGBTIQ-Gemeinschaft seither entwickelt?
Wir sind nicht nur Opfer der Homophobie im Land, sondern werden auch vom Staat attackiert. Am Anfang nutzten die Behörden das Gesetz, um die Meinungsfreiheit einzuschränken: Unter Verweis auf das Gesetz verweigerten sie beispielsweise die Bewilligung für Demonstrationen. Und es gab Fälle, in denen Medien gebüsst wurden, weil sie neutral oder positiv über unsere Anliegen berichtet hatten. Neben der Diskriminierung und der psychischen Gewalt haben auch die Hassverbrechen zugenommen. Viele glauben, sie würden die Kinder beschützen, wenn sie uns attackieren. Durch das Gesetz fühlen sie sich bestätigt.

Wie beeinflusst das Gesetz das Leben der Menschen?
In erster Linie trifft es Familien: Kürzlich wurde in Jekaterinburg einer Familie das Kind weggenommen, weil ein Elternteil laut dem Gericht transgender sei. Hinzu kommt, dass nur wenige offen über ihre sexuelle Orientierung sprechen können, weil sie Angst vor Schikanen haben. Und wenn sie ein Hassverbrechen anzeigen wollen, weigert sich die Polizei, den Fall überhaupt aufzunehmen. Stattdessen werden die Opfer erniedrigt. Irgendwann glauben sie, mit ihnen sei etwas falsch.

Besonders schlimm ist die Situation auf dem Land: Dort wird auch schon mal jemand verprügelt, weil er Dreadlocks hat und die Frisur mit der LGBTIQ-Community in Verbindung gebracht wird. Je weiter von Moskau entfernt, desto willkürlicher handeln auch die Behörden – auch, weil sie meinen, es würde sich sowieso niemand um Menschenrechtsaktivisten oder Homosexuelle scheren.

Gibt es auch Widerstand gegen das Gesetz?
Ja, aber weniger, als ich gehofft hatte. Die meisten Russinnen und Russen fühlen sich nicht verantwortlich für die Gesellschaft, in der sie leben. Sie sehen zwar, wie Randgruppen angegriffen werden – Obdachlose etwa oder Leute mit HIV. Aber sie meinen, das hätte nichts mit ihnen zu tun, könnte ihnen selbst nicht passieren, weil sie ja gute Menschen sind. Sie verschliessen die Augen und ändern ihre Meinung erst, wenn sie selbst mit Diskriminierung in Berührung kommen. Zudem gilt in Russland vielen das Konzept der Menschenrechte sowieso als fremd.

Woran liegt das?
Ich glaube, das kommt aus der Sowjetzeit. Jahrzehntelang hatten die Menschen keine Möglichkeit, Einfluss zu üben, die Behörden beispielsweise für ihr Handeln zur Rechenschaft zu ziehen. Heute sind viele verzweifelt angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage. Doch sie würden niemals demonstrierend auf die Strasse gehen, weil sie glauben, dass sich sowieso nichts ändert.

Glauben Sie, die Fussball-WM kann den Blick auf diese Situation lenken? Oder wird es für die Aktivisten nur noch gefährlicher?
Aktivistin in Russland zu sein, stellte sowieso schon immer ein Risiko dar. Deshalb sehe ich die Fussball-WM als Chance – auch wenn ich nicht glaube, dass sich tatsächlich etwas ändert.

Schon heute wird ja die Menschenrechtssituation von der internationalen Presse breit behandelt. In russischen Medien findet das Thema Menschenrechte jedoch nicht statt. Viele wissen nicht, was in ihrem Land passiert. Ein Beispiel: Die ganze Welt weiss, was gerade in Tschetschenien vor sich geht. Aber die Leute in Russland haben noch nie etwas davon gehört, weil sie sämtliche Informationen aus dem staatlich kontrollierten Fernsehen erhalten.

Wie ist denn die aktuelle Situation dort?
Weiterhin werden Menschen von den Behörden entführt, inhaftiert und gefoltert – inzwischen sitzen in den Gefängnissen nicht nur homosexuelle Männer, sondern auch Frauen. Eine offizielle Untersuchung kam jedoch zum Schluss, es gebe keine Menschenrechtsverletzungen – und auch gar keine Homosexuellen. Sie waren sogar zynisch genug, uns um Hilfe bei der Suche nach den Männern zu bitten! Aber wie soll eine solche Untersuchung auch Ergebnisse liefern, wenn dabei die Täter gegen sich selbst ermitteln?

Was macht Ihre Organisation, das LGBT Network?
Wir haben eine Notfallnummer eingerichtet, die rund um die Uhr erreichbar ist. Wenn sich jemand meldet, evakuieren wir die Person am nächsten Tag. Es kam jedoch auch schon vor, dass sich jemand bei uns meldete und dann einfach verschwand. Für diese Menschen ist es in Russland nicht sicher – aber auch nicht in den europäischen Ländern mit einer tschetschenischen Diaspora.

Woher nehmen Sie die Kraft, in diesem Klima zu arbeiten?
Ich hatte das Privileg, nie selbst Gewalt erfahren zu haben. Irgendwann traf ich Leute, die weniger Glück hatten, auf der Strasse verprügelt wurden, zu Hause rausgeflogen waren. Schritt für Schritt wurde mir das ganze Ausmass bewusst. Ich könnte mich nie einfach wegdrehen und so tun, als sähe ich nicht, was um mich herum geschieht. Das Schlimmste ist, dass man irgendwann selbst glaubt, dieser Hass sei normal. Es ist sehr schwierig zu begreifen, dass die anderen das Problem sind und nicht du selbst.

Trotz der vielen Rückschläge: Was war Ihr grösster Erfolg?
Wir haben im ganzen Land ein Netzwerk aufgebaut. So sind sichere Räume entstanden, in denen die Leute sie selbst sein können, kostenlos einen Anwalt oder psychologische Betreuung erhalten – oder auch einfach einen Film schauen können. Weil es so etwas abgesehen von den grossen Städten früher nicht gab, war das für die Bewegung schon ein ziemlich grosser Fortschritt.

Swetlana Sacharowa (30) lebt in St. Petersburg und ist Sprecherin des russischen LGBT Network, das seit 2006 existiert.