Nr. 27/2018 vom 05.07.2018

«Sie versprühten so viel, dass man ganz nass wurde»

In Vietnam leiden noch immer Hunderttausende an den Spätfolgen der chemischen Kriegsführung der USA in den sechziger Jahren. Eine 77-jährige Betroffene kämpft seit vier Jahren vor einem französischen Gericht für Gerechtigkeit.

Von Ruhat Cicek (Text) und Beatrice Geistlich (Foto)

«Wenn ich Hass in mir tragen würde, wäre ich längst gestorben»: Tran To Nga war während des Vietnamkriegs drei Mal dem chemischen Kampfstoff Agent Orange ausgesetzt.

Das Ende des Vietnamkriegs liegt über vier Jahrzehnte zurück, aber die Nachwirkungen sind immer noch enorm. Insbesondere aufgrund der chemischen Kriegsführung, die US-Präsident John F. Kennedy 1961 einführte: Agent Orange ist nur der bekannteste verschiedener Codenamen für mit Dioxin verunreinigte Herbizide, die von Flugzeugen versprüht wurden – speziell um Wälder zu entlauben und Ernten zu vernichten. Innerhalb von zehn Jahren sollen es rund achtzig Millionen Liter gewesen sein. Nach Schätzungen leiden heute etwa eine Million VietnamesInnen an gesundheitlichen Schäden als Spätfolge von Agent Orange. Auch Tausende US-Soldaten wurden versehrt. Manche von ihnen erhielten Entschädigungen, VietnamesInnen wurden hingegen von US-Gerichten abgewiesen.

Gegen 26 Chemiekonzerne

Deshalb hat Tran To Nga vor vier Jahren nicht in den USA, sondern in Frankreich einen Prozess angestrengt. Die 77-Jährige reichte eine Klage gegen 26 US-Chemiekonzerne beim Landgericht der Pariser Vorstadt Évry ein. Die Konzerne, darunter Monsanto und Dow Chemical, hatten das Pflanzengift im Auftrag des US-Militärs mutmasslich produziert. Ein Ende des Prozesses ist nicht absehbar. Am Erscheinungstag dieser WOZ findet gerade die zwölfte Anhörung statt. Trotzdem hegt Tran neue Hoffnung.

«Ich bin die Einzige, die diese Firmen in Frankreich anklagen kann», sagt Tran bei einem Besuch in Zürich. Sie ist dazu in der Lage, weil sie nicht nur Opfer von Agent Orange ist, sondern auch französische Staatsbürgerin. Vor allem aber kann sie, die eigentlich Chemikerin ist, ihre Anwesenheit im Krieg beweisen: Tran arbeitete zwischen 1966 und 1968 als Kriegsreporterin in Südvietnam. Dabei war sie drei Mal dem Herbizid ausgesetzt, das haben Augenzeugen bestätigt. «Sie versprühten so viel Agent Orange, dass man am Ende ganz nass war», sagt Tran. «Als ob man lange im Regen gestanden hätte.»

Bei einem späteren Bluttest wurden bei ihr sehr hohe Dioxinwerte festgestellt. Das krebserregende Gift bleibt im Körper. Bis heute hat Tran chronische Kopfschmerzen. In der Zeit, in der sie dem Herbizid ausgesetzt war, gebar sie ihre erste Tochter – diese wurde nur siebzehn Monate alt. Die zweite Tochter, 1979 geboren, kam mit Fehlbildungen in der Wirbelsäule und Knoten auf dem Körper zur Welt. «Während vierzig Jahren habe ich mir Vorwürfe gemacht, weil ich nicht wusste, woran meine Tochter gestorben war», sagt Tran. Dann wurde ihr klar, dass Agent Orange die Ursache war.

Schon Trans Grossmutter war eine Kämpferin – gegen die ehemalige Kolonialmacht Frankreich. Die Mutter habe diese Rolle im Vietnamkrieg gegen die USA weitergeführt; sie sei von der US-Armee gefangen genommen, gefoltert und lebendig begraben worden. Auch Tran selbst wurde Folteropfer – als sie im vierten Monat schwanger war. Bis heute erinnert sie sich sehr genau an die Grausamkeiten, etwa daran, wie sie eine Nacht lang aufgehängt worden war, die Arme hinter dem Rücken gefesselt, und geschlagen wurde.

Folter, chemische Kampfstoffe, der Tod ihrer Tochter: Wie gross muss da der Hass auf die Täter sein? «Wenn ich Hass in mir tragen würde, wäre ich längst gestorben», sagt Tran. «Ich will aber weiter für Gerechtigkeit kämpfen, solange ich kann.»

Neue Beweise

Nun kämpft sie also bei Paris für die Opfer von Agent Orange – und gegen mächtige Konzerne. Bisher haben sich 19 der angeklagten 26 Unternehmen auf den Prozess eingelassen. «Jede Firma steht mit zwei Anwälten vor Gericht», sagt Tran. «38 gut bezahlte Anwälte gegen eine alte, kranke Frau.» Inzwischen hat Tran drei Anwälte, die sie gratis unterstützen.

Obwohl die Konzerne auf Zeit spielen, schöpft Tran gerade erneut Hoffnung. Es gebe neue Beweise von diversen Labors, dass Agent Orange tatsächlich für die beobachteten Langzeitfolgen verantwortlich ist. Ein Erfolg beim Pariser Prozess werde die Firmen unter öffentlichen Druck setzen. Eine allfällige Entschädigung sei für sie zweitrangig, sagt Tran: «Das Wichtigste ist, dass durch diesen Prozess der juristische Weg für andere Opfer geöffnet wird.»

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