Nr. 27/2018 vom 05.07.2018

Was da wieder aufpoppt!

Der Pop-up-Store, der auf besetztes Haus macht, ist der letzte Beweis: Die Vorstellung vom nachhaltigen Konsum führt in die Irre.

Von Big Zis (Text) und Serafine Frey (Illustration)

Letzten Winter wurde ich wieder mal so richtig gehirngefiggt. Aus dem Hinterhalt. Ist ja nichts Ungewöhnliches. Kann ja passieren. Ganz fix. Ich wurde zum Abendessen eingeladen in ein Lokal, eine Zwischennutzung, an der Bahnhofstrasse in Zürich. Der Hirnfigg bestand darin, dass ich mich aufgrund der Inneneinrichtung in diesem Pop-up-Restaurant in einem besetzten Haus wähnte, das Publikum aber wohl sehr selten bis gar nie in einem solchen anzutreffen wäre. Auch war alles höchst professionell organisiert, die Chefin de Service fingerte wichtig am Headset herum. Der Service war prompt und freundlich, exotische Drinks wurden gratis angeboten. Nach einer Weile begriff ich, dass das eine kommerzielle Zwischennutzung ist, die nur so tut, als wäre das Subkultur vom Feinsten, jeder Abend ein Event. Mir wurde ziemlich übel, und ich hab mich eiligst aus dem Staub gemacht, um darüber nachzudenken.

An diesem Punkt sind wir jetzt also, dass Grosskonzerne gar keine Trendscouts und Marktanalysen mehr brauchen, weil die Kids ihre gelebte Subkultur gleich selber ausschlachten und vermarkten. Das Schöne daran könnte sein, dass kein Zwischenhändler mehr nötig wäre. Das Erschreckende daran ist, dass kein Zwischenhändler mehr nötig ist. Jede Idee im Babystadium hat schon einen Businessplan, und wenn du keine eigenen Ideen hast, dann machst du dir auf jeden Fall einen Businessplan.

Wie im Flipperkasten

Das erwähnte Beispiel stellt noch nicht einmal die Speerspitze der Entwicklung dar. Die Speerspitze ist vielleicht so etwas wie der «Geroldsgarten» in Zürich West: Vom Zug aus schauts aus wie ein total sympathischer, selbstgemachter Wanderzirkus oder Teppichbasar, so ein mit viel Liebe und viel Zeit gewachsener Ort, von vielen Menschen gemacht und getragen. Aber es ist nur eine kleine Konsummeile an den Gleisen im trendigen Stadtquartier, wo Geld verdient wird. Was den Hirnfigg verursacht, ist ja nicht, dass da Geld verdient wird, sondern dass die Ästhetik suggeriert, dass es an diesem Ort nicht ums Geldverdienen geht. Menschen, die diese Art von Subkultur und selbstgemachten Orten, die immer auch hochpolitische Orte sind, nicht kennen, mögen sich von einem «Geroldsgarten» total sympathisch und romantisch eingeladen fühlen, Geld auszugeben.

Leben heute ist Lifestyle. Und Lifestyle ist vom Konsumkapitalismus diktiert. Wobei die Wirkung zwischen Angebot und Nachfrage so schnell wechselt, wie die Kugel im Flipperkasten zwischen den Magneten flippt. Ich bin mir nämlich nicht mehr so sicher, ob das Angebot den Trend zu einem nachhaltigen Lebensstil produziert oder ob da am Anfang wirklich eine tiefe Überzeugung stand, dass wir, die Menschheit, das Segel rumreissen müssen, wenn das hier noch eine Weile halten soll. Vielleicht ist aber die Unterscheidung hinfällig, denn dieses System frisst alles. Es frisst jede schöne Idee, denn es giert danach, dass die Ehrlichkeit jeder gefressenen Idee auf das reproduzierte Produkt abstrahlt. Dieses Strahlen hat es bitter nötig, weil sonst seine gefrässige Fratze für alle deutlich zu erkennen ist.

Übertölpelung der Übertölpelten

Ich beschreibe hier ein Monster, als hätte es nichts mit uns zu tun, aber das Monster sind wir selber. Die Mimikry funktioniert, der Mythos lebt. Die Übertölpelung der Übertölpelten. Wenn das Angebot einen Trend wie den zur Nachhaltigkeit bedient, so hat der Trend zur Nachhaltigkeit so gar nichts Nachhaltiges mehr an sich. Oder? Es verdreht mir nicht nur den Magen, es verdreht nicht nur Nachfrage und Angebot, sondern auch Überzeugung und Trend. Wenn wir glauben, dass wir die Welt mit Konsum verbessern können in der Hoffnung, dadurch den Motor nicht abstellen zu müssen, haben wir verloren.

Apropos Motor: Wann genau hat beim Thema Elektroauto der gesunde Menschenverstand ausgesetzt? Vielleicht als dieses Produkt einen neuen Markt auftat und wirtschaftlich zu funktionieren begann, alle staatlichen Subventionen inbegriffen. Ich verstehe nicht, was an Elektromobilen sinnvoll ist, ausser dass damit jetzt richtig Geld verdient werden kann. Die Batterien, woraus werden die hergestellt? Wenn sie nicht mehr taugen, wo landen sie? Woher soll der Strom kommen, wenn immer mehr Menschen Elektroautos fahren? Beim herkömmlichen Treibstoff kann man immerhin hoffen, dass der Stoff irgendwann ausgeht, beim Strom aber brauchen wir nur mehr Atomkraftwerke, Stauseen und Windräder zu bauen.

Verzicht ist der einzige Weg.

«Ich bin obe, du bisch une. Gränze händ Wächter, Wache händ Waffe. Mir sind alles Fertilitäter. Ufem Opfertisch opfrich dich. Du mis Coltan. Du min Diamant. Du min Immigrant. Du min Strandsand. Du mis Gold Gabe Gäld Genus. Null null null minus. Nullnullnullnull plus.»

Ich glaube ehrlich, und ich bin wahrlich keine Meisterin darin, der einzige Weg ist hedonistischer Verzicht.

Big Zis ist Rapperin in Zürich, von ihr erschien zuletzt das Musikvideo «Hyphe Myzel Hype». Im Winter 2018/19 folgt ihre nächste EP «Beyond».

In der WOZ-Sommerserie «Der totale Ablöscher» sind AutorInnen eingeladen, sich über ein Detail zu ärgern, das ihrer Meinung nach für die Übel der Welt verantwortlich ist.

Zahlreiche Reaktionen zu unserem ersten «Ablöscher» über Gärten finden Sie auf Seite 23 («LeserInnenbriefe: Lobet die Gärten!»).

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