Nr. 27/2018 vom 05.07.2018

Beschränkte Beschränkung

Wer dem Onlinejournalismus den Text nimmt, nimmt ihm auch die Zukunft.

Von Hansi Voigt

Diese Woche hatte der Zürcher Lokalsender Tele Top einen Primeur! Der Antrag des Zürcher EDU-Kantonsrats Hans Egli wurde abgeschmettert. Egli wollte, wohl wegen der aus seiner Sicht pitoyablen Gesangsdarbietungen der Fussball-Nati, durchsetzen, dass alle Zürcher SchülerInnen die Nationalhymne auswendig lernen müssen.

Die journalistische Leistung des jährlich mit über zwei Millionen Franken geförderten Senders bliebe für OnlinenutzerInnen aber beinahe verborgen. Wer heute in die Google-Suche die Suchbegriffsfolge «Tele Top», «Egli» und «Nationalhymne» eingibt, wird zwar auf die Tele-Top-Website verwiesen. Allerdings nicht zum Videobeitrag, sondern zu einer Textmeldung der SDA. Wer online gefunden werden will, muss nach wie vor Texte schreiben.

Regionale Berichterstattung ist ein zunehmend rares Gut. Medienkonferenzen ohne Medien sind in den Regionen keine Seltenheit mehr. Gleich in Artikel 1 des Entwurfs zum Mediengesetz wurde diesem zunehmenden Marktversagen Rechnung getragen. «Dieses Gesetz soll zur Vielfalt an schweizerischen Medien beitragen, die Qualität von elektronischen Medien fördern und dadurch einen Beitrag an die demokratische, soziale und kulturelle Entwicklung der Schweiz leisten.» Richtig so!

Fern der Öffentlichkeit

Wer nun aber denkt, in den Regionen sollen etwa die elfköpfige Redaktion des Innerschweizer Newsportals «Zentralplus», das Stadtportal tsüri.ch oder die Basler «Online-Reports» einen Zustupf für ihre wichtige Arbeit bekommen, hat sich getäuscht. Sie müssten zuerst Audio- oder Videoanbieter werden, um an Geld zu kommen. Damit würden sie aber sich und ihre Inhalte, analog zu Tele Top, von der schnell wachsenden digitalen Öffentlichkeit fernhalten.

Für Regierungen, Behörden, Institutionen und PolitikerInnen auf kantonaler und regionaler Ebene wäre der Förderverzicht für schriftliche regionale Medienleistungen der gesetzlich verankerte Kommunikations-GAU. Die audiovisuelle Beschränkung bei der Onlineförderung mutet in seiner technischen Unbedarftheit und nach der vorangegangenen jahrelangen Beraterei fast peinlich an.

Das semantische, auf Text und Kontexterkennung basierende Web, etwa beim Hummingbird-Algorithmus von Google, setzte vor einigen Jahren eine neue Zeitrechnung in Gang. Wer im Medienbereich auf Texte verzichtet, verbaut sich seither digital den Zugang zum semantischen Web. Und damit die rasch zunehmende Fähigkeit, vorhandene Worte und Satzteile zu erkennen und als strukturierte Daten in einen informativen Zusammenhang zu stellen. Der nächste grosse Schritt, der ebenfalls auf Sprache und Semantik basiert, steht bereits an.

Bei Apple, Google und Amazon, aber auch an Schweizer Forschungsinstituten ist man bald so weit, dass das semantische Verständnis der künstlichen Intelligenz zunehmend dem der Menschen gleicht. Mit einem Unterschied: Die künstliche Intelligenz «lernt» Sprache und Semantik in Minuten.

Die Technik machts vor

Aber was ist mit Audio und mit Video? Nun, die Intelligenz macht vor Sprach- und Bilderkennung auf lange Sicht nicht halt. Die Betonung liegt aber auf «auf lange Sicht». Wer schon einmal mit Siri gesprochen hat, weiss das. Und die Bilderkennung «Inception V3» von Google kann auch nach Jahren des vermeintlichen Deep Learning dunkelhäutige Menschen nicht von Gorillas unterscheiden. Wenn künstliche Intelligenz selbst den IQ eines Rassisten unterschreitet, sagt das viel über den Stand der Entwicklung.

Die zukunftsweisendsten Verknüpfungen von Inhalten mit meinen Leseransprüchen basieren allesamt auf semantischen Lösungen. Wer dem Onlinejournalismus den Text und die Sprache nimmt, nimmt ihm die Zukunft.

Falls das tatsächlich die Absicht des neuen Mediengesetzes ist, sollte man klarer formulieren, dass es nicht langfristig um mediale Vielfalt, sondern um ein einfältiges, kurzfristiges Arrangement für die Verlegerlobby geht. Man möchte deshalb annehmen, dass sich die VerfasserInnen des vorliegenden Gesetzesentwurfs gar nicht bewusst sind, welchen Bärendienst sie der angestrebten Medienvielfalt erweisen. Aber sicher ist man nicht.

Hansi Voigt (54) war stellvertretender Chefredaktor bei «Cash», arbeitete beim Onlineportal 20min.ch und gründete «Watson» mit. Hier schreibt er zur Medienzukunft.

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