Nr. 27/2018 vom 05.07.2018

Kein Gott wird dir jetzt helfen

Von David Hunziker

Hinter dem pompösen Gospelgesang pulsiert ein rhythmisches Klopfen, als würde jemand Holz hacken. «Ain’t no lord gonna help you now», heisst es dazu im Intro, kein Gott wird dir jetzt helfen. Spricht sich da ein Gottloser gerade Mut zu für die anstehende Aufgabe?

Ein User auf einem Internetforum hatte den Basler Manuel Gagneux alias Zeal & Ardor vor fünf Jahren auf die Idee gebracht, afroamerikanische Worksongs mit Black Metal zu kombinieren – ein Sklavenaufstand von Satans Gnaden. Die Popwelt war sich schnell einig: So etwas wie dieses am Laptop gebastelte «Devil Is Fine» hatte man noch nie gehört. Konnte das mehr sein als ein verblüffender Knall?

Mit dem zweiten Album, «Stranger Fruit», sucht Zeal & Ardor jetzt nicht den Bruch, sondern den nahtlosen Anschluss. Der Albumtitel beruft sich auf den Song «Strange Fruit» von Billie Holiday, der die Lynchmorde an Schwarzen im Süden der USA anprangert. Gagneux überträgt diese Metapher auf die Morde an Schwarzen in der Gegenwart, an denen sich die Black-Lives-Matter-Bewegung entzündete. «Dort draussen tobt ein Sturm», heisst es im Titelsong. Gut berechnet, könnte man nun sagen, dass sich dem Konzept von Zeal & Ardor mit ein paar aktuellen Bezügen politische Dringlichkeit verpassen lässt. Doch Gagneux hat schon lange zuvor Stile wild gekreuzt. Und sein Songwriting geht längst darüber hinaus: Neben Stellen, wo die Black-Metal-Elemente stärker vertieft werden, erweitert er sein Spektrum hier um Soul, Country, Blues oder Funk.

Schon nach dem Intro zündet Gagneux ein Feuerwerk: Der von Klavierstakkato begleitete «Gravedigger’s Chant» ist auf geschmackvolle Art radiofreundlich. Im Mittelpunkt steht hier Gagneux’ inbrünstiger Gesang. In den Balladen, die mit Sklavenmusik recht wenig und mit Metal fast nichts zu tun haben, zeigt er, dass in ihm auch ein grosses Popherz schlägt. Die Musik macht er übrigens immer noch mehrheitlich alleine. Bei aller Unorthodoxie bleibt er in diesem Kult der Einsamkeit doch dem Black Metal treu.

Konzerte: Montreux, Jazz Festival, Donnerstag, 5. Juli 2018.

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