Nr. 27/2018 vom 05.07.2018

Hey, hier kommt Alexa

Roboter sind um uns und in uns, sie umsorgen und überwachen uns – und manchmal töten sie auch. Die Ausstellung «Hello, Robot» regt auf kluge Weise dazu an, sich tiefer mit unserer Beziehung zu Robotern auseinanderzusetzen.

Von Franziska Meister

Falsche Nostalgie: Freundliche, blecherne Menschmaschinen prägen noch immer unsere Vorstellung von Robotern. Foto: Andreas Sütterlin

«Sind Sie schon einmal einem Roboter begegnet?», «Glauben Sie, wir brauchen Roboter?», «Würden Sie in einem Roboter leben wollen?». Fragen wie diese hängen in luftiger Höhe in den Räumen der Ausstellung «Hello, Robot» im Gewerbemuseum Winterthur. Und Sie denken vermutlich: R2-D2, Terminator, Transformer … humanoide Blechbüchsen, Cyborgs, Menschmaschinen.

Noch immer dominiert das Bild eines anthropomorphen Wesens unsere Vorstellung von Robotern. Seine Ursprünge reichen bis in die Antike zurück, mit den ersten Automaten in der Frühmoderne wurde es populär und erhielt seither weitere Nahrung durch Literatur und Film. Dass diese Vorstellung meist mit einem dystopischen Zukunftsbild verknüpft ist, hängt auch mit der Begriffsschöpfung zusammen: Der erste «Roboter» betritt 1920 im Theaterstück «R.U.R. – Rossum’s Universal Robot» des tschechischen Schriftstellers Karel Capek die Bühne der Welt. Als billige, rechtlose Arbeitskraft vom Industriekonzern Rossum ausgebeutet, beginnen sich die «robot» genannten Maschinen zu wehren und vernichten schliesslich die Menschen.

Seither begegnen wir Robotern mit einer grundsätzlichen Ambivalenz. Sie nehmen uns immer mehr körperlich anstrengende und monotone Arbeit ab – aber was, wenn wir dadurch unseren Job verlieren? Sie werden immer «intelligenter» – werden sie uns bald überlegen sein? Und was geschieht dann? Der russische Science-Fiction-Autor Isaac Asimov formulierte bereits 1942 drei fundamentale Robotergesetze, um diese Ambivalenz zu bannen: Ein Roboter darf Menschen nicht schaden, er muss ihnen gehorchen, und er muss sich selbst schützen, sofern er dabei nicht eines der ersten beiden Gesetze verletzt.

Verführerische Vermenschlichung

Beim Management dieser Ambivalenz spielt gemäss den KuratorInnen der Ausstellung das Design eine Schlüsselrolle. Es gestaltet die Interaktion zwischen Mensch und Maschine. In einer kommerziellen Perspektive soll das Design Vertrauen schaffen, eine Beziehung aufbauen – uns einlullen, indem Roboter weiter vermenschlicht werden. Kugelrunder Kopf, Kulleraugen, Kindchenschema: Nach diesem Prinzip sind zahllose Roboter gebaut. Von der therapeutischen Robbe Paro, die dementen PatientInnen Zuneigung und Trost spenden soll, über den pädagogischen Musio aus Japan, der sprachlich mit Kindern und Jugendlichen interagieren und ihnen sogar Englisch beibringen kann, bis zur kollaborativen Maschine Yu-Mi der Schweizer Firma ABB, deren extrem bewegliche Arme Nadeln einfädeln und ganze Orchester dirigieren können.

Der britische Designer Anthony Dunn wehrt sich gegen die kapitalistische Verwertungslogik hinter dieser Art von Design, die Effizienz und Optimierung als «Triebfeder des technischen Fortschritts» darstellt. «Jede Technologie», so schreibt er im lesenswerten Begleitkatalog zur Ausstellung, ist «von spezifischen Überzeugungen, Wertvorstellungen und Annahmen durchdrungen und geprägt». Dagegen gelte es «alternative Narrative» in Stellung zu bringen.

Zum Beispiel eines, das die Vermenschlichung von Robotern hinterfragt oder gar unterminiert, wie es Jan De Coster mit Robin tut. Auf den ersten Blick ist Robin ein herziger blauer Roboter mit rundem Kopf, Kulleraugen und Armen aus schwarzen Heissluftschläuchen. Wenn er über den Roboter spricht, benutzt de Coster aber nicht nur konsequent die weibliche Form, er bezeichnet ihn überdies als «transgender». Und konfrontiert uns so mit der Frage, weshalb wir überhaupt über die Geschlechtlichkeit von Robin nachdenken – es ist doch nur ein Roboter.

Überempathische Tischlampe

Subversiv ist auch die Roboterlampe Kip, die sich im Rahmen der Ausstellung testen lässt: Designt als simple Tischlampe, reagiert der Roboter auf den emotionalen Ton eines Gesprächs. Ist der Tonfall freundlich, wendet sich der Lampenschirm der sprechenden Person zu, ist er hingegen laut und aggressiv, beginnt die Lampe zu zittern, zieht sich zusammen und wendet den Schirm ab. Hat ein Roboter tatsächlich ein Gespür für zwischenmenschliche Kommunikation?

Es ist höchste Zeit, sich von einer anthropomorphen Vorstellung von Robotern zu verabschieden. Heute ist man sich weitgehend darin einig, dass drei Elemente einen Roboter ausmachen, für die es keinen abgeschlossenen Körper braucht: Sensoren (also Messgeräte, mit deren Hilfe er die Umgebung wahrnehmen kann), Intelligenz (eine Software, die diese Daten verarbeitet) und ein Gerät, das eine physikalische Reaktion zeigt. Roboter können so die unterschiedlichsten Formen annehmen, sie agieren immer unsichtbarer und vernetzter mit der Welt. Und das sollte uns beunruhigen.

Im Roboter drin leben

Je unauffälliger und unsichtbarer sich ein Roboter in unser Leben einfügt und je «natürlicher» wir im Alltag mit ihm umgehen, desto grösser wird nämlich sein Einfluss auf uns. Seit 2007 das erste iPhone auf den Markt kam, ist das Smartphone für mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung zum unverzichtbaren Begleiter geworden. Wie abhängig uns das macht, zeigt Eric Pickersgill in seiner gespenstischen Fotoserie «Removed»: Er porträtiert Menschen in Alltagssituationen – ein Paar, das Rücken an Rücken im Bett liegt und die letzten News im Handy checkt, oder drei Jungs mit Tablet und Gameboy auf einem Sofa. Bloss sind die Geräte nicht mehr im Bild, und ihre Präsenz erschliesst sich nur noch aus der Gestik und Mimik der Menschen, die auf ihre leeren Hände starren.

Auch Alexa von Amazon steht da, als schlichte zylindrische Audiobox. Ein Körper, der nur davon ablenken soll, dass wir uns mit dem smarten Lautsprecher, der konstant mit dem Internet verbunden ist und unsere Befehle entgegennimmt, einen dauernd mithörenden Spion in unser Heim geholt haben. Überhaupt leben wir längst in Robotern drin: als Teil eines virtuellen Netzwerks, das sich mit den realen Bausteinen der physischen Welt verknüpft hat. Die App «Architecture of Radio» macht dieses uns umgebende Geflecht aus Datenkabeln, Routern, Mobilfunkmasten und Satelliten sichtbar. Und plötzlich fühlen wir uns wie Neo, der zum ersten Mal die Matrix sieht.

Gerät der Mensch aus dem Fokus?

Die Philosophin Rosi Braidotti spricht im Katalog in diesem Zusammenhang von einer neuen Stufe der Ökonomisierung des Menschen: «Der fortgeschrittene Kapitalismus investiert im Wesentlichen in die wissenschaftliche und wirtschaftliche Steuerung und das Zur-Ware-Werden alles Lebendigen, um davon zu profitieren.» Er hat uns mithilfe der hypervernetzten Technik ins postanthropozentrische Zeitalter katapultiert: Der Mensch steht nicht mehr länger im Fokus.

Ein prototypisches Roboterbeispiel für Braidottis These sind Drohnen. Einerseits halten sie den Motor des fortgeschrittenen Kapitalismus mit immer effizienteren Lieferdiensten am Brummen: Die Post etwa schickt Medikamente und Blutproben seit neustem mit Drohnen an Spitäler in Lugano, Bern und Zürich. Andererseits haben Drohnen die Kriegsführung «professionalisiert» – und verbreiten als entmenschlichte Tötungsmaschinen Angst und Schrecken. Mittels Schwarmintelligenz könnten sich Drohnen schon bald wie sogenannte Kilobots untereinander vernetzen, voneinander lernen und autonom agieren. Wer ist dann noch verantwortlich für ihr Tun?

Mit ihrer Klanginstallation «A Study into 21st Century Drone Acoustics» machen Gonçalo F. Cardoso und Ruben Pater darauf aufmerksam, wie überlebenswichtig es für Menschen in Kriegsgebieten geworden ist, den «Sound» verschiedener Drohnen identifizieren und unterscheiden zu können.

Das anrührendste Beispiel der Ausstellung aber ist «The Gift» von Alfredo Jaar, ein kleiner Kartonwürfel, der jenen Strandabschnitt zeigt, an dem im September 2015 der leblose Körper jenes syrischen Knaben angeschwemmt wurde, dessen Bild weltweit zum Symbol des Flüchtlingsdramas im Mittelmeer wurde. Mit seiner «Geschenkbox» ruft Jaar zu Spenden für eine Hilfsorganisation auf, die mit Drohnen das Mittelmeer nach in Seenot geratenen Flüchtlingsbooten absucht.

Glauben Sie, wir brauchen Roboter?

«Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine». Gewerbemuseum Winterthur, bis 4. November 2018. Katalog: 49 Franken. Sonntag, 8. Juli 2018, 11 Uhr: Thematische Führung «Steht die Weltherrschaft der Roboter bevor?» mit der Kunsthistorikerin Nicole Klemens.

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