Nr. 27/2018 vom 05.07.2018

Strom vom Dach nebenan

Solarstrom ist für die Energiewende zentral. Doch wie bringt man möglichst viele Panels auf die Dächer? Eigeninitiativen aus der Bevölkerung versuchen es mit einfachen Modellen im Quartier – zum Beispiel in Bern.

Von Florian Wüstholz (Text und Foto)

«Wir möchten einen Ansatz zeigen, wie Menschen die Energiewende in Angriff nehmen können»: Melanie Mettler, Aline Trede und Matthias Egli vom Berner Verein Sunrising.

Solarstrom ist in der Schweiz Mangelware. Gemäss Swissolar, dem Fachverband für Sonnenenergie, lag der Anteil an der gesamten Stromproduktion 2015 bei 1,9 Prozent. Immerhin könnte sich dieser Wert bis Ende 2018 fast verdoppeln. Anteil daran haben BürgerInneninitiativen wie der Berner Verein Sunraising.

Es ist ein warmer Sommertag. Die Sonne scheint prall vom Himmel, während sich über dem Jura und den Alpen erste Gewitterwolken bilden. An der Jurastrasse im Berner Lorrainequartier sticht sofort ein frisch renoviertes Haus ins Auge. Helles Holz ergänzt ein dunkles Dach – komplett bedeckt mit Solarpanels. «Es ist schön, wieder mal hier zu sein», meint Matthias Egli. Denn dieses Dach ist die erste von zehn Solaranlagen, die Sunraising in den letzten zwei Jahren in Bern realisieren konnte.

Unkomplizierte Lösung

«Beim Feierabendbier schauten wir einmal über die Dächer der Stadt und dachten: Das kann doch nicht sein, dass es in der ganzen Stadt kaum Solaranlagen gibt», erinnert sich Mitinitiantin Melanie Mettler. Weil die meisten Menschen in Bern MieterInnen sind, können sie nicht eigenständig Solarpanels auf dem Dach installieren. Wollen sie sich trotzdem für Solarenergie einsetzen, müssen sie den ökologischen Strommix des städtischen Stromlieferanten bestellen – oder sich in einer Genossenschaft zusammentun und mit viel Eigenaufwand gemeinsam eine Anlage realisieren.

Mettler und Egli – beide sitzen für die Grünliberalen im Stadtparlament – tüftelten an einem Konzept, damit Menschen mit wenig Aufwand selber aktiv werden können. Als Erstes prüften sie geeignete Dächer. Nicht nur Ausrichtung und Grösse spielen eine Rolle, sondern vor allem der Renovationszyklus; eine Solaranlage soll schliesslich eine Weile stehen. Werden sie fündig, können Interessierte für 350 Franken einen Quadratmeter kaufen – für die Dauer von zwanzig Jahren. Als Gegenleistung fliessen jedes Jahr 110 Kilowattstunden Solarstrom aus der Steckdose. Um den Bedarf einer Person zu decken, bräuchte es ungefähr acht Quadratmeter.

Sobald alle Quadratmeter verkauft sind, wird die Anlage gebaut. Für die KonsumentInnen ist dieses System unkompliziert, weil Sunraising direkt mit dem lokalen Stromlieferanten zusammenarbeitet. Wer also einen Quadratmeter Solarpanel «besitzt», bekommt automatisch auf der Stromabrechnung die entsprechende Gutschrift. Produziert die Anlage einen Überschuss, geht der Ertrag an den Verein; fliesst zu wenig Strom, trägt Sunraising das Risiko.

Im Mai 2017 sprach sich die Stimmbevölkerung für die Energiewende aus. «Solarstrom ist ein wichtiger Pfeiler der Energiewende. Dort wollen wir etwas bewegen», meint Umweltingenieur Egli. Anglistin Mettler ergänzt: «Wir möchten einen Ansatz zeigen, wie Menschen die Energiewende persönlich in Angriff nehmen können.»

Noch ist der Bezug zur Stromproduktion bei den meisten Menschen gering. Wir sehen den dampfenden Kühlturm des AKW Gösgen, wenn wir von Bern nach Zürich düsen. Oder staunen über die gewaltige Staumauer, wenn wir im Valle Verzasca wandern gehen. Aber woher der Strom aus der Steckdose kommt, wissen die wenigsten.

Auch hier setzen BürgerInneninitiativen an. Die Solaranlagen stehen nicht irgendwo, sondern mitten in den Quartieren. Dies erhöht die Identifikation: Menschen können beim Spazieren «ihre» Anlage besuchen oder beim Einweihungsfest mitmachen. Es sei eben ein Unterschied, ob man beim Stromlieferanten ein Kreuzchen beim Ökostrom mache oder aktiv den Strommix mit verändere, meint die grüne Nationalrätin Aline Trede, die mittlerweile die Geschäftsstelle von Sunraising leitet.

«Leute engagieren sich gerne lokal», meint Egli. «Wenn man eine Sache sieht und spürt, kommen Emotionen ins Spiel, und Menschen beginnen, sich untereinander auszutauschen.» Dabei finde auch viel Aufklärungsarbeit statt, sagt Mettler. Das bedeutet auch Transparenz über die Herkunft der Panels – so werden ausschliesslich europäische Fotovoltaikpanels verbaut.

Dezentral in die Zukunft

Auch andernorts in der Schweiz spriessen ähnliche Projekte aus dem Boden. So etwa betreibt das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich acht Anlagen auf diversen Schulhäusern. Hinzu kommen unzählige kleinere Genossenschaften oder Projekte wie die Stromallmend der Energiegenossenschaft. Doch auch profitorientierte Unternehmen möchten sich zunehmend ein Stück vom Kuchen abschneiden – in Deutschland wird dabei oft mit dem Versprechen einer Rendite gelockt.

«Der Weg in die Zukunft ist eine Kombination aus bestehender Infrastruktur und neuen, dezentralen Strukturen», sagt Mettler. Zwar gibt es immer noch Ideen, die Sahara mit Solarpanels zuzupflastern oder die Nordsee mit Windrädern vollzustellen. Doch nur schon der Bau einer Hochspannungsleitung steht heute vor grossen Hürden. Fast immer gibt es Einsprachen. Gleichzeitig ermöglichen intelligente Netze und Verbrauchseinheiten sowie die dezentrale Produktion und Speicherung eine effizientere und weniger anfällige Versorgung. Das könnte auch ein Schritt zur weiteren Demokratisierung des Strommarkts sein.

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