Nr. 28/2018 vom 12.07.2018

Schlepper in Seenot

Wer ist Opfer, wer Täter? Die Geschichte einer jungen syrischen Schleuserbande an der türkischen Küste.

Von Meret Michel (Text) und Fridolin Schuster (Fotos), Izmir

Vielleicht wollte Gott ihm eine Lektion erteilen, ihm, dessen Job es war, Menschen gegen Geld auf diese lebensgefährliche Reise zu schicken. Denn jetzt sitzt Asis, der sagt, nichts zu fürchten ausser Gott, zusammen mit fünfzig Flüchtlingen in einem kleinen Boot und hat Angst. Er umklammert das Steuer. Die türkische Küste verschwindet hinter ihm im Dunkeln. Der Wind wird stärker, Wellen schlagen gegen den Gummirand. Manche der Flüchtlinge schreien, andere weinen. Dann stockt der Motor.

Die Geschichte von Asis*, 21 Jahre alt, Schlepper, beginnt 2013 in Hadschin, einer syrischen Kleinstadt am Euphrat zwischen Deir Essor und der irakischen Grenze. Heute ist die Stadt eine der letzten Enklaven, an denen der sogenannte Islamische Staat erbittert festhält. Damals kontrollierte die Nusra-Front die Stadt, unter ständigen Luftangriffen der syrischen Luftwaffe. Asis wollte raus, und er floh an einem Morgen, ohne seiner Familie Bescheid zu sagen, in die Türkei.

Die Geschichte endet an jenem Abend im Februar 2018, als Asis mit fünfzig Flüchtlingen zwischen der Türkei und der griechischen Insel Samos in Seenot gerät. Dazwischen liegt eine Odyssee, von Syrien in die Türkei, von Adana nach Sanliurfa, von Izmit nach Istanbul und an die Westküste nach Izmir. Die Irrfahrt eines Jungen, der zu früh auf sich alleine gestellt war. Getrieben von der Enttäuschung, dass der Krieg ihm seine Zukunft gestohlen hatte, und im trotzigen Glauben, dass ihm etwas Besseres im Leben zusteht.

Izmir, Januar 2018. Das Wetter ist gerade warm genug, Asis sitzt an einem Tisch draussen vor dem Restaurant. Er ist kaum einen Meter siebzig gross. Aber es sind der spärliche Bart, die runden, schwarzen Augen und die rote Baseballmütze auf dem Kopf, die ihn trotz seiner 21 Jahre wie einen Teenager aussehen lassen. «Eigentlich ist es ein Job wie jeder andere», sagt Asis und pult ein Stück Fleisch von einem dampfenden Hühnerschenkel. «Die Leute wollen nach Europa, und wir bringen sie hin.» Neben ihm eilen Männer vorbei, der Verkehr staut sich, ein kleines Mädchen streckt Asis die Hand entgegen, er drückt ihr eine Münze in die Hand.

Hat Asis keine Skrupel? Keine Angst, dass das Schiff kentert, dass die Menschen ertrinken, die er losgeschickt hat? 1360 Menschen starben in den vergangenen drei Jahren beim Versuch, von der Türkei aus nach Europa zu gelangen. Asis wischt sich die schwarzen Strähnen aus dem Gesicht und sagt im Ton eines Pauschalreisenverkäufers: «Wer mit uns losfährt, kommt auch an.»

Vor sechs Jahren, als die Rebellen das syrische Regime von Baschar al-Assad aus seiner Stadt vertrieben hatten, beschloss Asis’ Vater, ein neues Haus zu bauen. Es hatte drei Etagen: ein kleines Café im Erdgeschoss und je ein Stockwerk für Asis und seinen älteren Bruder Saleh. Für später, wenn die beiden irgendwann heiraten würden. Das Geschenk eines wohlhabenden Vaters für die Zukunft seiner Söhne.

Asis stapft einer schmalen Gasse entlang den Hügel hoch. Die geduckten Häuser strahlen morbiden Charme aus, und ein beissender Rauch wabert aus den Schornsteinen. Basmane ist eines der ärmsten Viertel Izmirs – statt mit Feuerholz heizen die BewohnerInnen, fast ausschliesslich KurdInnen aus dem Südosten der Türkei und syrische Flüchtlinge, mit Plastikabfällen.

Nicht umsonst war Basmane 2015 der Knotenpunkt für rund 850 000 Flüchtlinge, die in jenem Jahr die griechischen Inseln erreichten und sich von dort aus weiter nach Deutschland, Schweden, in die Schweiz durchschlugen. «Die Kurden sagen nichts, wenn wir die Leute mit den Autos abholen und ans Wasser bringen», sagt Asis. «Die wollen mit der Polizei selbst nichts zu tun haben.»

Damals waren in «Little Syria», wie das Viertel inoffiziell genannt wird, sämtliche Hotels ausgebucht. Tausende von Flüchtlingen warteten auf die Überfahrt, wer kein Geld für ein Zimmer hatte, schlief auf der Strasse oder auf einem der kleinen Plätze. Schlepper sprachen die Menschen auf offener Strasse an, in den Cafés verhandelten sie über Preise.

Schleichen durch «Little Syria»

Heute, zwei Jahre nachdem das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei in Kraft getreten ist, ist das Geschäft schwieriger geworden. Mit dem Deal verpflichtete sich die türkische Regierung, konsequent gegen die Schlepper vorzugehen. Die Polizei kontrolliert die Strassen zwischen Izmir und den Küstenorten Cesme, Bodrum und Ayvalik, von wo aus die Flüchtlinge zu den griechischen Inseln ablegen. Auf dem Meer patrouilliert die Küstenwache. Doch die Schlepper sind immer noch da, schleichen über die belebte Hauptstrasse von «Little Syria» und verstecken sich vor der Polizei in den verwinkelten Gassen weiter oben.

Vom Flüchtlingsabkommen mit der EU hat Asis noch nie etwas gehört. Er hat lediglich eine vage Idee davon, dass Europa die Grenzen geschlossen habe. Allzu sehr scheint es ihn allerdings nicht zu beschäftigen: «Wenn auf dem Weg eine Strassensperre ist, fahren wir einen Umweg. Wenn uns die Polizei erwischt, bezahlen wir sie, damit sie uns nicht verhaften.»

Die Wohnung von Asis und seinem Bruder liegt auf halbem Weg den Hügel hoch, gegenüber einer Moschee und einem kleinen Supermarkt. Der Holzboden knarrt, die Wände sind rissig, und durch die Fenster zieht die Winterluft. Die Decke im Schlafzimmer wölbt sich wie ein Bauch, als krachte sie nächstens runter.

Als Kind wollte Asis Zahnarzt werden. Seinen Eltern war es wichtig, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung erhalten. Seine jüngere Schwester hatte einmal in einer Abschlussprüfung das beste Ergebnis in der ganzen Provinz Deir Essor erzielt, das erzählt Asis noch heute mit Stolz. Aus Angst, die Söhne könnten sich mit den falschen Jungs im Dorf anfreunden, liess sie der Vater nur bis Sonnenuntergang draussen spielen.

Asis’ Berufswunsch starb am Tag, als bei einem Bombenangriff des Regimes seine Schule zerstört wurde. Dann, im Frühling 2014, übernahm der IS die Kontrolle über die Dörfer und Städte entlang des Euphrat im Osten Syriens. Vom Haus, das Asis’ Vater einst für die Zukunft seiner Söhne baute, stiess der IS nun Männer in den Tod, die seine Regeln missachtet hatten.

So richtig begraben konnte Asis seinen Traum vom Zahnarztberuf bis heute nicht. Er redet noch immer davon, irgendwann studieren zu wollen. Doch er weiss auch, dass er als Flüchtling in der Türkei ohne Schulabschluss und ohne Geld von keiner Universität akzeptiert würde.

Franchise-Unternehmen à la McDonald’s

«Hallo? Wie gehts? Ja, nach Chios und Samos. Du kommst einfach nach Izmir, und dann erklär ich dir alles, Habibi. Yallah, bye.» Bilal legt das Telefon weg, zündet sich eine Zigarette an, er wirkt wie auf Speed, doch im Moment kiffe er nur, sagt Bilal. «Nur im Sommer, wenn viel los ist, nehme ich Crystal.»

Über Bilal ist Asis ins Geschäft gerutscht, nachdem er Bilal half, «ein Problem» zu lösen. Das «Problem» war ein konkurrierender Schlepper, Algerier, der offenbar einer Gruppe von Bilals Flüchtlingen die Handys stahl. Zusammen mit Bilal und den Jungs, die mit ihm arbeiteten, schlug ihn Asis krankenhausreif. Für Bilal genügte das als Treueschwur.

Bilal, gross, gegelte Haare, ein bohrender Blick wie John Travolta in «Pulp Fiction», ist Anführer der Gruppe von jungen Schleppern, zu der auch Asis gehört. Sie alle stammen aus dem Euphrattal östlich von Deir Essor. Bilal, 25, ist einer der Ältesten. Vor dem Krieg wollte er Medizin studieren, während des Kriegs kämpfte er für die Nusra-Front, dann setzte er sich in die Türkei ab. Der Jüngste, Ibrahim, ist gerade 18 geworden. Auch er hatte gekämpft, ein halbes Jahr lang mit 15, mit dem IS. Heute sagt er, es sei dumm von ihm gewesen, er habe gedacht, der IS würde für den Islam und gegen das syrische Regime kämpfen. Aber er habe sich getäuscht.

Die Jungs wirken ein bisschen wie eine Hippiekommune, sie essen gemeinsam, schlafen nachts im selben Zimmer, und tagsüber, wenn sie nichts zu tun haben, kiffen sie mit einer selbstgebastelten Bong. Sie seien seine Freunde, sagt Asis, natürlich, schliesslich kämen sie alle aus derselben Ecke in Syrien.

Dennoch vertraut er den anderen nicht wirklich. Die Whatsapp-Chats mit seiner Mutter und seinen Schwestern hat er mit einem Passwort verschlüsselt. Für den Fall, dass einer der Jungs hinter seinem Rücken sein Telefon anschaut. Zugleich macht sich Asis einen Spass daraus, den anderen die Feuerzeuge zu klauen. «Ich habe vielleicht zwanzig Feuerzeuge im Schrank versteckt. Aber wenn wieder mal niemand ein Feuerzeug zur Hand hat, sage ich, ich hätte keins.»

Ihr Geschäftsmodell, streng hierarchisch, entspricht einem Franchise-Unternehmen à la McDonald’s. Bilal koordiniert die Gruppe und gibt die Anweisungen seines Chefs an die Jungs weiter, eines Syrers, den alle nur «Abu Bilal» – den Vater von Bilal – nennen. Abu Bilal entscheidet, wann es eine Überfahrt gibt, er kümmert sich um den Kauf der Boote und hat eine Reihe von Häusern in Basmane für die Unterbringung der Flüchtlinge gemietet. Aktuell warten im Haus, in dem auch die Jungs schlafen, zwei irakische Familien und eine alleinstehende, schwangere Frau aus Rakka mit einem einjährigen Kind.

Von den rund 20 000 US-Dollar, die die Gruppe an einer Überfahrt im Schlauchboot derzeit verdient, geht vielleicht ein Viertel für Spesen drauf: das Boot, die Schwimmwesten, das Essen. Vom Rest erhält jeder der Gruppe zwischen fünfzig und hundert Dollar, Bilal nimmt einen grösseren Teil für sich und gibt den Rest weiter an seinen Boss. Wie viel er selber verdient, will Bilal nicht sagen.

Die Jungs helfen, Essen zu besorgen, sie stehen auf der Strasse Schmiere, damit die Flüchtlinge unbemerkt ins Auto einsteigen und mit den Schleppern ans Wasser fahren können. «Wenn die Polizei in der Nähe patrouilliert, simulieren wir eine Schlägerei, um sie abzulenken», sagt Asis. Einige der Jungs warten auf ihren Einsatz als Steuermann. Ein lukrativer, aber risikoreicher Job: Wer eine Gruppe Flüchtlinge auf dem Schnellboot nach Griechenland fährt und den Kahn dann wieder in die Türkei zurückbringt, bekommt dafür 1500 Dollar. Das lohnt sich für die Schlepper, denn die Holzboote kosten sie 10 000 Dollar und mehr. Doch wenn die türkische Polizei den Fahrer erwischt, drohen ihm zwischen drei und acht Jahren Haft.

Vergangenes Jahr hatte die türkische Küstenwache nach eigenen Angaben 123 mutmassliche Schlepper verhaftet und der Polizei übergeben. Wie viele davon tatsächlich zu einer Haftstrafe verurteilt wurden, dazu gibt es keine öffentlichen Statistiken. In vielen Fällen läuft es wahrscheinlich wie bei Ibrahim, als er vor kurzem als Steuermann auf einem Boot von der Küstenwache abgefangen wurde: Sie übergaben ihn der Polizei, die befragte ihn, sie versetzten ihm Elektroschocks mit einem Taser, doch Ibrahim stritt ab, Schlepper zu sein. Stattdessen beschuldigte er einen Iraner, der als Flüchtling mit auf dem Boot war. Ibrahim kam frei. Was mit dem Iraner geschah, weiss er nicht.

Wenn ein Schiff in Seenot gerät, rufen die Leute darauf Bilal an. Er informiert die Küstenwache, denn er spricht im Gegensatz zu vielen Flüchtlingen Türkisch. «Ich tu dann so, als sei ich selber mit auf dem Boot. Ich schreie, und manchmal spritzen mich die anderen mit Wasser an, damit es realistischer wirkt.»

«Ich liebe Erdogan»

Bilal zieht sein Handy hervor, vom Bildschirmschoner blickt ihm Saddam Hussein mit Pilotenbrille entgegen, das Hintergrundbild zeigt den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, ebenfalls mit Sonnenbrille. «Ich liebe Erdogan», sagt Bilal. «Er hat sich gut um die Syrer gekümmert.» Dass die Flüchtlinge nicht in der Türkei bleiben wollen und Bilal gerade damit sein Geld verdient – geschenkt. Bilal ist der Meinung, Erdogan stehe hinter ihm und wolle, dass die Flüchtlinge nach Europa gehen. Nur dürfe er das nicht offen zugeben. Bilal öffnet seinen Browser, ruft die Seite Meteocast auf: «Schau, das Wetter heute in Chios zum Beispiel. Was mich interessiert, ist die Wellenhöhe: einen halben Meter. Das ist zu hoch, heute gibt es also keine Überfahrt.»

Bilal behauptet von sich selbst, so etwas wie ein Star unter den Schleppern zu sein. «Die Leute haben gehört, dass ich gut bin. Ich nutze sie nicht aus, sie können in einem meiner Häuser schlafen, und ich bringe ihnen Essen. Wer kein oder wenig Geld hat, der muss nicht den vollen Preis bezahlen. Ich mache diese Arbeit nicht wegen des Geldes, ich schwöre. Ich will den Leuten helfen, ihr Ziel zu erreichen.»

Natürlich muss man seine Worte mit Vorsicht geniessen. Asis wird später über seinen Freund sagen: Bilal lässt die Leute zwar bei sich wohnen und zahlt ihnen das Essen. Aber wenn sie in Griechenland sind und Bilal ihnen die Pässe nachschicken soll, die sie aus Angst vor der Polizei bei ihm gelassen haben, verlangt er dafür ein paar hundert Dollar. Alleinstehende Frauen, etwa wenn sie kein Geld haben, lässt er mit Sex bezahlen.

Unter dem Regime der Nusra-Front und den Angriffen des Regimes hielt Asis es nicht lange aus und floh, kurz bevor der IS in Hadschin die Macht übernahm, in die Türkei. Im Umland von Adana fing er an, auf den Orangen- und Granatapfelplantagen zu arbeiten. Er stand um drei Uhr morgens auf, fuhr zwei Stunden aus der Stadt hinaus, um bei Sonnenaufgang zu beginnen, schleppte Körbe voller Orangen von den Bäumen zum Lastwagen, bis die Sonne unterging. «Wenn ich zu Hause ankam, konnte ich nicht einmal mehr duschen, so erschöpft war ich», sagt er. Sein Lohn: 40 türkische Lira pro Tag, umgerechnet 13.50 Franken.

Nach zwei Jahren ging er nach Sanliurfa, wo sein Bruder mittlerweile lebte. Hier arbeitete er als Bademeister in einem Schwimmbad, zwei Schichten jeden Tag, von acht Uhr morgens bis Mitternacht. Einmal habe er einen Jungen gerettet, der ins Becken gefallen war. Über die Flüchtlinge jedoch, die er heute über das Meer schickt, sagt er: «Ihr Leben liegt einzig in den Händen Allahs.»

Seinen bestbezahlten Job aber hatte er in Izmit auf einer Baustelle. Die Arbeit sei zwar der Tod gewesen, sagt Asis, vor allem die Zementsäcke, die er über vier, fünf Stockwerke schleppen musste. Aber er verdiente deutlich mehr als auf den Plantagen: 70 Lira, knapp 20 Franken pro Tag.

Vergangenen August, Asis war noch immer in Izmit, starb zu Hause in Syrien sein Vater. Er wollte es erst nicht wahrhaben, doch als er die Beileidsbekundungen von Freunden auf seinem Handy sah, begriff er, schleuderte das Telefon an die Wand und fing an, seine Sachen zu packen. Er wollte zurück nach Syrien. Er kam bis Sanliurfa, dort lebten seine Cousins, und sie hielten ihn davon ab, über die Grenze zu gehen. Stattdessen ging er ein paar Wochen später nach Izmir.

Als Bilal sagte, Asis solle mit ihm arbeiten, habe er hin und her überlegt, sagt Asis. Was sein verstorbener Vater wohl dazu gesagt hätte, dass Asis jetzt als Schlepper arbeitet? Die Antwort kennt er. «Mein Vater hätte mir verboten, so zu arbeiten. Er hätte mir eher Geld geschickt, damit ich zu Hause sitze, als mich so arbeiten zu sehen.»

Aber sein Vater ist tot. Und in Asis’ Kopf siegt der Pragmatismus über die Moral. «Ich hatte einfach genug davon, mich von einem Türken anschreien und rumkommandieren zu lassen», sagt er.

«Holt die Leute oben an der Ecke ab, nicht direkt vor dem Haus», spricht Asis ins Telefon, während er einer verlassenen Strasse entlangläuft. Heute Abend soll es eine Überfahrt geben, nach Chios. Er hängt auf, fünf Minuten später klingelt sein Telefon wieder. «Was sagst du? Die Polizei?» Er geht jetzt schneller, läuft auf eine schwarze Tür zu und verschwindet im Inneren der Wohnung. Wenig später kommt er wieder heraus. «Die Flüchtlinge sind alle weg», sagt er. Die Polizei habe sie direkt vor der Tür abgefangen und mitgenommen. Einer der Jungs hatte offenbar den Fehler gemacht, sie alle auf einmal rausbringen zu wollen. Und vielleicht hatte ein Spitzel der Polizei das Auto oben an der Strasse gesehen. «Schnell weg hier», sagt er.
Wenn der Krieg nicht gewesen wäre …

Jetzt sitzt Asis im oberen Stock eines Restaurants, seine Knie zittern, nicht einmal eine Zigarette wollte er draussen rauchen vor Angst, die Polizei könnte ihn festnehmen. Sein Handy vibriert. «Was ist passiert?», leuchtet eine Nachricht auf. «Bilal und die anderen haben ihre Telefone ausgeschaltet», sagt Asis. Jetzt meldeten sich alle Verwandten der Leute, die die Polizei verhaftet hatte, bei ihm. «Einer der Flüchtlinge hat meine Nummer. Was, wenn er sie der Polizei gibt und sagt, dass das der Schlepper ist?» Asis vergräbt sein Gesicht in den Händen. Steif bleibt er so sitzen, fast zehn Minuten, sogar die Beine haben aufgehört zu zittern. Als er seinen Kopf hebt, sind seine Wangen nass vor Tränen. «Schau mich an», sagt er. «Wenn ich jetzt in Syrien wäre, würde ich nicht voller Angst vor der Polizei dasitzen. Wenn der Krieg nicht gewesen wäre, wäre ich jetzt zu Hause und würde mit meinen Eltern und meinen Geschwistern vor dem Fernseher sitzen», sagt er.

Er zündet sich eine Zigarette an. «Ich weiss, dass diese Arbeit schlecht ist. Alles daran ist schlecht, wir setzen das Leben von Menschen aufs Spiel, alleinstehende Frauen werden missbraucht, Bilal lügt die Leute an. Ich will das alles nicht machen.» Dann sagt er unvermittelt: «Ich gehe nach Griechenland. Ich will nach Europa, ich will raus aus diesem Land, das uns Syrer ausbeutet wie Tiere. Ich will eine Ausbildung machen und etwas Anständiges arbeiten. Ich will wieder wie ein Mensch behandelt werden, verstehst du? Das ist doch nicht zu viel verlangt.»

Da sitzt er, der Schlepper, der mit dem Wunsch der anderen nach Sicherheit und einem besseren Leben sein Geld verdient. Und wünscht sich selber nichts anderes.

Am Tag, als Asis beschliesst, die Überfahrt nach Europa zu wagen, zeigt Bilals Wetterapp einen Meter Wellenhöhe bei Samos an. Warum Bilals Vorgesetzter dennoch beschloss, an diesem Tag rauszufahren, ist nicht klar. Bilal wird später sagen, dass das Boot nicht nach Samos, sondern zur kleinen Insel Agathonisi davor habe fahren sollen. Doch das stimmt vielleicht nicht, dafür lag der Ablegepunkt zu weit nördlich. Asis ist das Wetter ohnehin egal. Er will nur noch gehen. Nach Mitternacht fahren sie ans Wasser.

Er habe eigentlich nicht Fahrer sein wollen, sagt Asis. Er weiss, wenn die Küstenwache sie erwischt, werden sie ihn verhaften, wenn er am Steuer sitzt. Doch einer der Schlepper, ein Türke, habe gesagt, er solle fahren. Und Asis weiss auch, dass er sich nicht widersetzen kann. Denn spätestens hier am Wasser, mitten in der Nacht, lassen die Schleuser die freundliche Fassade der Pauschalreisenverkäufer fallen. Wer ihren Anweisungen nicht folgt, den zwingen sie mit gezückten Waffen dazu.

Die Flüchtlinge, Asis und der Türke besteigen das Boot. Der Türke fährt los, weg von der Küste. Nach wenigen Metern sagt er: «Jetzt fährst du», springt ins Wasser und schwimmt zurück ans Ufer. Asis umklammert das Steuer und fährt ins Dunkle.

Als die türkische Küstenwache das Boot am Morgen aufgreift und die Gruppe auf den Polizeiposten bringt, verdächtigen sie Asis, Schlepper zu sein. Sie wollen wissen, mit wem er zusammenarbeitet. Er streitet alles ab, selbst als sie ihn schlagen. Am nächsten Tag lässt ihn die Polizei gehen mit den Worten: «Wenn wir dich noch einmal erwischen, kommst du ins Gefängnis.»

Aber Asis will nicht mehr nach Europa, er will nicht nochmals in ein Boot steigen. Er ist wieder in Izmir, schläft bei den Jungs in Bilals Wohnung, hat aber aufgehört, mit ihnen zu arbeiten. Seine eigene Wohnung hat er nicht mehr, nachdem die Vermieterin merkte, dass sie dort Flüchtlinge einquartierten. Er will noch immer raus aus der Türkei und spielt mit dem Gedanken, nach Syrien zurückzugehen. Der IS ist mittlerweile fast gänzlich vertrieben, Hadschin ist einer der letzten Orte, die er noch kontrolliert. Die KurdInnen sind kurz vor dem Einmarsch, und vom gegenüberliegenden Flussufer beschiesst das Regime die Stadt. Vielleicht haben sie das Haus, das Asis’ Vater für die Zukunft seiner Söhne gebaut hat, bereits getroffen.

17. März 2018. In der Nacht auf Samstag sterben sechzehn Menschen beim Versuch, die griechische Insel Agathonisi zu erreichen. Drei Flüchtlinge überleben. Die Jungs sagen, damit hätten sie nichts zu tun gehabt.

* Alle Namen geändert.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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