Nr. 28/2018 vom 12.07.2018

Die Hüte des Alex Miescher

Die Aussagen des SFV-Generalsekretärs zur Doppelbürgerschaft zeigen: Sport ist auf nationaler Ebene eben nicht ohne Politik denkbar.

Von Etrit Hasler

Alex Miescher, Generalsekretär des Schweizerischen Fussballverbands (SFV), schlägt vor, nur noch Spieler mit ausschliesslich schweizerischer Staatsbürgerschaft für die Fussballnationalmannschaft auflaufen zu lassen. Das zeigt einmal mehr: Das Klischee, wonach Sport nichts mit Politik zu tun haben dürfe, ist absurd.

Das liess sich nicht zuletzt an der Doppeladler-Affäre beobachten, die Mieschers Äusserungen zugrunde lag (siehe WOZ Nr. 26/2018). Aber Mieschers Gedankengang hat aufgezeigt, wie problematisch das Zusammenspiel von Sport und Politik tatsächlich ist: Nirgends sonst werden so schnell nationale Mythen geschaffen und zerschlagen, die durchaus eine sehr reale Auswirkung auf die Politik haben können – und das von einem System, das zu einem erheblichen Teil von Geldern der öffentlichen Hand abhängig ist. Was immer wieder zu Interessenkonflikten führt, wie etwa bei fast jeder Olympiakandidatur, wenn Bauunternehmer, Lokalpolitikerinnen und Sportfunktionäre teils in Personalunion um öffentliche Gelder buhlen.

In einem kleinen Land wie der Schweiz mag das unvermeidbar sein – bedingt aber, dass die verschiedenen Hüte, die SportfunktionärInnen tragen, zum konkreten Anlass sauber voneinander getrennt werden sollten. Wie aus den Reaktionen des Fussballverbands auf den Shitstorm um Mieschers Aussagen recht klar zu lesen ist, hat er diese nämlich gar nicht als Funktionär getätigt, sondern als Privatperson. Oder noch schlimmer: als Fraktionspräsident der FDP im Gemeinderat des solothurnischen Biberist. Wobei es ihm natürlich freisteht, solche Aussagen in dieser Rolle zu tätigen – aber wenn er nicht fähig ist, klarzumachen, dass er in diesem Moment eben nicht im Namen des Verbands spricht, ist er der falsche Mann für diesen Job.

Ohnehin bewegt sich der Fussballverband in der Frage der Doppelbürgerschaft schon länger auf heiklem Terrain. So werden seit 2005 mit DoppelbürgerInnen Vereinbarungen getroffen, die eine Strafklausel von 25 000 Franken pro Ausbildungsjahr enthalten für SpielerInnen, die sich für ein anderes Nationalteam entscheiden – eine Vereinbarung, die nicht nur undurchsetzbar (wie der SFV selber eingesteht), sondern vor allem auch völlig unnötig ist: Seit ihrer Einführung wurde die Klausel kein einziges Mal angewendet.

Eine Ausweitung, wie sie derzeit im Raum steht – zum Beispiel die ausschliessliche Förderung von Spielern, die auf eine zweite Staatsbürgerschaft verzichten –, verstösst nicht einfach «nur» gegen die verfassungsmässige Gleichbehandlung, sie ist schlicht eine praktische Zumutung. Wie das Bundesamt für Migration 2005 in einem Bericht zu den offenen Fragen im Bürgerrecht schrieb, ist es vielen DoppelbürgerInnen «aufgrund der Gesetzgebung ihres Herkunftsstaates gar nicht (möglich), auf die bisherige Staatsangehörigkeit zu verzichten» – das gilt insbesondere für den Kosovo, Serbien und die Türkei. Der freiwillige Verzicht auf SportlerInnen aus diesen Herkunftsländern käme einem sportlichen Forfait gleich – auch im Handball, im Tennis oder im Basketball.

Offenbar werden dabei aber nicht nur die praktischen Probleme; ebenso zeigt sich, dass hier nicht ein einzelner Verband vorpreschen kann, ohne einen gewaltigen Imageschaden oder gar den Entzug öffentlicher Fördergelder zu riskieren. Fairerweise muss man hinzufügen: Miescher endete sein Interview mit dem Satz, dass das ein Thema für die «höchste politische Ebene» sei. Womit wieder einmal klar ist: Sport ist auf nationaler Ebene eben nicht ohne Politik denkbar. Und vielleicht müssen wir politischen Hinterbänklern wie Miescher oder auch Swiss-Olympic-Präsident Jürg Stahl dankbar sein, dass sie eine so hochpolitische Diskussion wie jene um DoppelbürgerInnen am Beispiel des Sports ausfechten wollen – kaum sonst wo zeigt sich so deutlich, wie rückständig die Idee einer «reinen» Staatsbürgerschaft ist.