Nr. 28/2018 vom 12.07.2018

Der Dandy im Geisterhaus

So bezaubernd wie ein höflicher Vampir: Jonathan Bree frönt auf seinem Album «Sleepwalking» einem gespenstischen Kammerpop.

Von Florian Keller

Dieses Phantom will nicht in die Oper: Jonathan Bree beim Schlafwandeln. Foto: Adam Custins

So geht Minnesang, einigermassen antiquiert: Ein Kavalier kommt geritten, um unterm Balkon seiner Angebeteten ein Ständchen zu bringen, aber irgendwie stimmt so gar nichts an dieser romantischen Szene. Der Mann im Video hat kein Gesicht, mitgebracht hat er dafür, wie einst John Cusack im Film «Say Anything», seinen Ghettoblaster, den er jetzt in die Höhe stemmt. Aber auch der Engelschor in dem Song klingt schwer angekränkelt: Halbton um Halbton sinkt er in einem traurigen Glissando immer tiefer, wie ein Stimmenautomat, dem langsam die Batterien absterben.

«Boombox Serenade» heisst diese gespenstische kurze Ballade, die nach etwas mehr als zwei Minuten mitten im Takt einfach abbricht, und hinter dem gesichtslosen Minnesänger im Video steckt Jonathan Bree. Am anderen Ende der Welt, wo er herkommt, weiss man noch, wie er wirklich aussieht. Dort, in Neuseeland, kennt man ihn schon lange, als Labelgründer und als männliche Hälfte des Popduos The Brunettes. Als Solokünstler arbeitet Bree nun seit ein paar Jahren darauf hin, sein Gesicht zum Verschwinden zu bringen: Er zeigt sich nur noch mit einer hautengen blanken Maske, dazu trägt er eine dunkle Pilzkopfperücke. Ein bisschen unheimlich sieht das aus, aber auch irgendwie traurig: ein Mann ohne Eigenschaften, entfremdet von allem. Der Popstar als Phantom.

Wie bei Dalí und Hitchcock

Im Vorfeld seines dritten Albums, «Sleepwalking», hat ihm dieser sonderbare Mummenschanz schlagartig zu grösserer Aufmerksamkeit verholfen, dank des Videos zur Single «You’re So Cool». Darin versammelte Jonathan Bree eine ganze Band in solcher Maskierung, samt Tänzer und Tänzerin. Gefilmt ist das Ganze wie ein TV-Auftritt aus grauer Vorzeit, und die neunköpfige Band wirkt dabei wie eine Gruppe von Marionetten, die an unsichtbaren Fäden ihren geisterhaften Tanz aufführen. Über den schrulligen Reiz hinaus hat das auch eine kritische Pointe, die man nicht übersehen sollte: Diese Popmusik, sagt das Video, ist ein entleertes Ritual, der verblichene Spuk von gelangweilten weissen Schaufensterpuppen.

Maskerade? Marketing! Schon klar, aber damit ist noch kaum etwas über die Musik gesagt, die schon im Albumtitel vom Schlafwandeln erzählt. Bree erinnert ja nicht nur äusserlich an den Mann ohne Gesicht aus Salvador Dalís berühmter Traumsequenz in Hitchcocks «Spellbound». Auch seine Songs klingen wie sinistre Botschaften aus einer Zwischenwelt. Der Titelsong schleicht sich mit einem Geklingel wie aus dem Jenseits an, dann setzt Bree mit seinem gelangweilten Bariton ein, und zu gedämpften Trommeln hören wir das Werben eines melancholischen Vampirs: Ich bin zwar verkommen, aber wenigstens kein Trottel, der dich zu Tode langweilen wird.

Alles so schön morbid hier. Bree besingt die stillgelegte Rollschuhdisco als Erinnerungskulisse für Teenagerträume, wo einst Süssigkeiten und erste Küsse geteilt wurden («Roller Disco»). Er verstrickt sich in ein Sexting-Duett mit seiner Labelkollegin Princess Chelsea und frisiert so das schlüpfrige Zwiegespräch à la Jane Birkin und Serge Gainsbourg für unser Zeitalter der digitalen Entfremdung («Static»). Oder dann gibt er den treuen Diener einer Selbstoptimierungsqueen: «Body so fit, so full of spark / With affirmations as your wall art». Doch das war einmal, und jetzt, da ihr Glanz verwelkt ist, begleitet er sie selbstlos in ihrem traurigen Verfall. Das ist nun eben «You’re So Cool», ein Kabinettstück von blasierter Morbidität.

Dieses fiese Glissando

Als Sänger klingt Bree wie ein höflicher Wiedergänger. Es ist der Gesang eines Dandys, das Cocktailglas in der Hand, und mit einem Fuss steht er noch im samtgepolsterten Sarg, der seine Schlafstatt ist. Die musikalischen Kulissen aber, durch die diese Stimme wandelt, sind in ihrer geisterhaften Pracht wirklich exquisit. «You’re So Cool» zum Beispiel: Ein gezupftes Cello, sogar irgendwie funky, gibt hier den Takt an, dazu wogt ein Streichorchester ansatzlos auf und ab.

Da haben wir es wieder, dieses Glissando, das wie eine fixe Idee durch das ganze Album spukt. Besonders fies etwa in «Plucking Petals», wo die Streicher im Zusammenspiel mit Glockenspiel, Celesta und dem fernen Widerhall einer Frauenstimme einen gespenstischen Echoraum bilden. Es sind Stilmittel, wie man sie aus dem Horrorkino in seiner romantischeren Ausprägung kennt, und mit Bree und seiner ausdruckslosen Maske vor Augen denkt man dabei unweigerlich an «Les Yeux sans visage», jenen schaurig schönen Film von Georges Franju über einen Chirurgen, der junge Frauen entführen lässt, um seiner entstellten Tochter zu einem neuen Gesicht zu verhelfen.

Das ist etwa die Motivwelt, die Jonathan Bree mit seinem schlafwandlerischen Maskenpop evoziert. Und wenn das in der orchestralen Instrumentierung etwas retro klingt, so ist es doch nie nur nostalgisch. Sondern in erster Linie phantasmatisch: Pop ist ein Geisterhaus, bevölkert von den Schatten von früher.

Konzerte: Schaffhausen, Rhybadi, Freitag, 10. August 2018; Luzern, Parterre, Donnerstag, 16. August 2018; Zürich, Club Zukunft, Freitag, 17. August 2018.

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