Nr. 28/2018 vom 12.07.2018

Städtetrip zu Bäumen und Kristallen

Von Kaspar Surber

«Schlafende Samen»: Zu sehen im Museum Tinguely. Foto: Daniel Spehr

Um die Schönheit der Natur zu sehen, muss man dieses Jahr nicht in die Alpen, sondern in die Städte fahren. Der dritte Sommerausflug beginnt deshalb im Zürcher Hauptbahnhof. Hier, an einem der traurigsten Eventschauplätze des Landes, wo üblicherweise Beachvolleyballturniere oder Oktoberfestimitate um die Wette lärmen und bestenfalls der glitzernde Swarovski-Weihnachtsbaum eine Ahnung der Natur vermittelt, herrscht andächtige Stille. Der brasilianische Künstler Ernesto Neto hat seinen «GaiaMotherTree» aufgespannt. Zehn Kilometer Baumwolle liess er zu einem Baumgeflecht verhäkeln, das die PendlerInnen magisch anzieht. In Scharen verschwinden sie in der Wurzel des Baumes, wo sich eine Art Meditationsraum befindet. Gewichte aus Gewürzen und Samen stabilisieren das Geflecht, sie sollen am Schluss verteilt werden.

Netos Kunst ist stark von den Huni Kuin geprägt, einer indigenen Bevölkerungsgruppe im Amazonasgebiet. Der Mutterbaum soll auf den Raubbau an der Natur wie den Verlust der Spiritualität hinweisen. Dass er arbeitsteilig in Rio de Janeiro von Arbeiterinnen geknüpft und anschliessend über den Atlantik geschifft wurde und dass bei aller Spiritualität ein Securitas am Wurzeleingang wacht, mag man als Nebenwiderspruch abtun. Wer sich dennoch für die kapitalistische Produktionsweise als Hauptursache der ökologischen Katastrophe interessiert, kauft sich in der Buchhandlung im Shopville, die wir für ihr ausgesuchtes Sortiment schon lange einmal empfehlen wollten, das Buch «Neben uns die Sintflut» von Stephan Lessenich.

Weiter geht der Ausflug nach Basel, vorzugsweise im Speisewagen der Deutschen Bahn. Im Tinguely-Museum wartet das zweite Naturerlebnis. Die KunstgärtnerInnen Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger laden zu einer Werkschau, die sie als Labyrinth gestaltet haben: Die Tür zur Vergangenheit führt zu ihrer Samensammlung. Durch die Tür in der Gegenwart kommt man in drei Minitheater, die um den Begriff der Schönheit kreisen. In der Zukunft, wo beides zusammengebracht wird, spriesst ein vielfarbiger Wald, mit Kristallen aus Kunstdünger. «Too early to panic» heisst die Schau. Hoffen wirs.

«GaiaMotherTree»: bis am 27. Juli 2018 im Zürcher Hauptbahnhof.

«Too early to panic»: bis am 23. September 2018 im Museum Tinguely in Basel.

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