Nr. 28/2018 vom 12.07.2018

Draussen zu Hause

Stefan Gärtner geht nicht zur Party

Von Stefan Gärtner

Keine vier Wochen ist es her, dass ich das «Kiez-Strassenfest» in meinem Viertel überlebt habe (qua Emigration nämlich) als eines, das den «Kiez», den es hier gottlob gar nicht gibt, unbedingt installieren wollte, zu welchem Behufe die Nachbarschaft aufgefordert worden war, Stühle und Tische auf die Strasse zu räumen. Als wäre man nicht in die Stadt gezogen, um der totalen Nachbarschaft zu entgehen, und ein Mitskeptiker wusste, dass der Initiator von Beruf Stadtplaner sei, was all die Transparente samt «Kiez»-Logo dann erst recht verdächtig werden liess.

Und jetzt lese ich, dass sie in Bern angefangen haben, die Stadt zu «möblieren», damit, wo es eine «möblierte Stadt» gibt, das linke «Recht auf Stadt» in Vergessenheit geraten kann: «Billardtisch, Bücherschränke, Bänke: Die Stadt Bern ist daran, den öffentlichen Raum zum ‹erweiterten Wohnzimmer› umzugestalten», berichtet der «Bund» über einem Foto, das zwei regelmässige Nutzer des «öffentlichen Gasgrills im Marzili» zeigt, und unten treffen sich «Rebar und Hassan am Feierabend beim Monbijou zum Billard» unter freiem Himmel. Höchste Zeit, den Gemeinderätinnen Wyss und Teuscher (sic!) mal mitzuteilen, dass hier ein Missverständnis vorliegt: «Verfall und Ende des öffentlichen Lebens», dessen Tod Richard Sennett als «Terror der Intimität» beklagt hat, bedeutet eben nicht, dass die Wohnzimmer öffentlich werden sollen, sondern im genauen Gegenteil, dass das Gefühl für den Unterschied zwischen öffentlichem Raum und Privatheit verloren gegangen ist. Wo «Öffentlichkeit» mal ein Raum der kodifizierten Kommunikation war, via Kleidung, Auftreten, Benimm, stiefeln heute alle herum, als wären sie daheim, glotzen oder brüllen ins Natel und sind ausschliesslich «sie selbst»; und hat sich das, was einmal als erstickende Verbindlichkeit empfunden worden sein mag (und was in dieser Verbindlichkeit aber ipso facto «Gesellschaft» war), ins völlige Gegenteil aufgelöst. Und wenn es niemanden mehr kümmert, wie er anderen begegnet, hat Margaret Thatcher recht behalten: «There is no such thing as society.»

Sennett, im Kapitel «Die unzivilisierte Gemeinschaft» (als Gegenstück zur Zivilität von Gesellschaft), schreibt von der «Liebe zum Getto, zumal zum mittelständischen Getto», also dem feuchten Traum unseres Stadtplaners: Es «verwehrt dem Menschen die Chance, seinen Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizont zu erweitern und (…) die Fähigkeit auszubilden, die fest gefügten Voraussetzungen des eigenen Lebens in Zweifel zu ziehen», eine Fähigkeit, die dem ghettoisierten Mittelstand denn auch weithin abhandengekommen ist. «Und die Leute sitzen in von der Stadt bereitgestellten Lounges auf der Gasse, trinken Latte macchiato – und wollen nichts anderes mehr» («Berner Zeitung»). Etwa wissen, wo die Leute mit den schwächeren Finanzen wohnen.

Was bleibt, ist laut Sennett bloss Gemeinschaft und ein «entpolitisierter Rückzug; das System bleibt unangetastet, doch vielleicht können ‹wir› unser Stückchen Rasen retten». Und selbst das übernimmt neuerdings die Stadtregierung, damit bloss keiner die falscheste aller Fragen stellt: wem der Raum gehört und warum. «Die Party ist nicht für alle», zitiert der «Bund» einen kritischen Zürcher Stadtforscher, und das ist nun einmal die am festesten gefügte Voraussetzung des eigenen Lebens. Wer sie für falsch hält, der pfeife auch auf die Party.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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