Nr. 28/2018 vom 12.07.2018

Der edle, stille Bürger

Ruedi Widmer über Ammoniak und Menschen zweiter Klasse

Von Ruedi Widmer

Europa beginnt, Menschen in Klassen zu teilen – wohl zum ersten Mal seit 1945. In Bürger und Störende. Die Störenden bestehen aus Ertrinkenden und Überlebenden. Beide sind unerwünscht, und besonders die Überlebenden sollten eher auch gleich ertrinken.

Apropos Trinken: Der Bestand an Kohlensäure wird knapp, stand in der Zeitung. Kohlensäure ist CO2, das im Wasser gelöst ist. Und CO2 gibt es zwar überall zu viel, aber ausgerechnet in reiner Form jetzt zu wenig. Reines CO2 – das zu den Blööterli in allerlei Getränken werden soll – ist ein Abfallprodukt aus der Ammoniakherstellung für Kunstdünger. Und da weniger Kunstdünger hergestellt wird, weil der Ammoniakpreis dieses Jahr tief und die Margen dünn sind, werden wir bald Cola trinken, die schon neu so schmeckt, wie wenn sie zwei Tage halb offen an der Sonne gestanden hätte. Der Druck in den Bierfässern lässt ebenfalls nach, und die abgestandene Pfütze kommt neu frisch aus der Brauerei.

Es dürfte aber für den CO2-Haushalt der Erde besser sein, wenn weder Kunstdünger noch Kohlensäure existierten. Es gibt dann keine Kohlensäurerülpse mehr, ein Phänomen, das ich leidlich kenne und bei dem CO2 in die Atmosphäre abgegeben wird. Ich weiss nicht, wie vielen Menschen das passiert, aber bei mir stösst manchmal plötzlich ein unkontrollierbarer Rülps auf (nicht sehr laut), den ich auf den Konsum von kohlensäureschwangerem Wasser zurückführe.

In der Schweiz sollen Kühe mit dem neuen Futtermittel Mootral bis zu dreissig Prozent weniger Methan in die Atmosphäre rülpsen. Es gibt also künftig gute und schlechte Kühe fürs Klima.

Wenn die Rechten und Besorgten eines Tages entgegen allen Erwartungen doch noch zur Einsicht gelangen sollten, dass der Klimawandel menschengemacht ist, werden sie die Menschen analog dem Vieh in Rülpsende und Nichtrülpsende einteilen.

Es beginnt mit einer polizeiärztlichen Prüfung des Rülpsverhaltens jedes Bürgermagens. Es gibt einen Passeintrag, dann folgen weitere Drangsalierungen. Rülpsende, und wenn sie nur zweimal im Jahr rülpsen, dürfen kein kohlensäurehaltiges Mineralwasser mehr trinken. Und obwohl sie dann Nichtrülpsende wären, dürfen sie bald auch keine Kinovorstellungen mehr besuchen. Es heisst, Rülpsen sei oft mit Homosexualität verbunden. Marxistische Gedanken förderten das Rülpsen. Rülpsende tragen bald Schilder um den Hals: «Ich bin für den Klimawandel verantwortlich».

Kohlensäure wird natürlich nicht verboten, sondern es wird im Gegenteil die Ammoniakherstellung in schwindelerregende Höhen gefahren, weil der Kunstdünger über die Felder gespritzt gehört, dass einem Sehen und Hören vergeht. Denn starke Nichtrülpsermänner brauchen viel Protein und Fleisch, um den Klimawandel zu überleben – und deswegen eine starke Landwirtschaft. Das schafft Arbeitsplätze in der zukunftsträchtigen Ammoniakindustrie.

Die anfallenden Riesenmengen Kohlendioxid werden in alle möglichen Produkte gegeben, ins Brot, ins Fleisch, sogar in Kleider und Schuhsohlen, alles chrüselet und blööterlet. Der nichtrülpsende Bürger soll die vollen Vorteile der Kohlensäure geniessen.

Der rülpsende zweitklassige Mensch hingegen, der mit seinen minderwertigen Gasausscheidungen und überhaupt mit seiner ganzen Existenz die Umwelt belastet, soll auch keine Winde erzeugenden Speisen wie Kohl mehr essen dürfen, seine Bürger- und Menschenrechte gänzlich verlieren und mittels direkter Demokratie von ganz oben unschädlich getwittert werden.

Rülpsende, die vermögend sind, sind von den Massnahmen ausgenommen. Denn die machen als Vermögende so viel für die Umwelt, dass die paar Kubikmeter Gas nicht der Rede wert sind. Sie dürfen auch weiter Kohl essen und furzen, so viel sie wollen.

Ruedi Widmer (Cartoonist) trinkt jetzt ganz ruhig ein stilles Wässerchen.

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