Nr. 29/2018 vom 19.07.2018

«Der wirkliche Fortschritt läge in der Abschaffung der Ehe»

Er ist nicht gegen die Öffnung der Ehe. Aber der Historiker Arno Haldemann hat grundlegende Bedenken, was die oft neoliberal geprägte Rolle der Ehe als staatlich normierte Zweierkiste betrifft.

Interview: Caroline Baur

8. 8. 2008, Standesamtssaal Höfli in Stans: Und hiermit erklärt euch der Staat zu Mann und Frau. Foto: Urs Flüeler, Keystone

WOZ: Herr Haldemann, Sie dissertieren zu prekären Eheschliessungen und haben einen sehr kritischen Artikel zur «Ehe für alle» geschrieben. Was haben Sie gegen die Ehe?
Arno Haldemann: Ich habe nichts gegen die Ehe im Sinne einer Vereinigung von Menschen, wenn diese auf Freiwilligkeit basiert. Es sollte nicht normiert werden, was diese Beziehung sein soll oder welche Vorteile sie geniesst. Ich habe etwas gegen die Ehe als staatlich sanktionierte Beziehungsnorm. Diese Verengung führt dazu, dass viele andere Formen gar nicht mehr vorstellbar sind. Ein Zitat des Philosophen Michel Foucault hat mich diesbezüglich geprägt: «Wenn die Menschen die Ehe kopieren müssen, damit ihre persönliche Beziehung anerkannt wird, ist das nur ein kleiner Fortschritt.» Foucault forderte, dass wir uns gegen diese Verarmung des Beziehungsgeflechts wehren sollten.

Warum kommt denn die Position «Keine Ehe für niemand» in der polemisch geführten Diskussion um die «Ehe für alle» gar nicht vor?
Die Ehe ist eine historisch gewachsene Institution, die sich immer wieder verändert hat. Etwas vom Gescheitesten hat die Basler Historikerin Susanna Burghartz darüber geschrieben. Sie sagt, gegen aussen sehe es aus, als wandle sich die Ehe permanent. Gleichzeitig werden aber durch die Veränderungen funktionale Machtmechanismen permanent reproduziert. Bei der «Ehe für alle» geht es um eine Anpassung an zeitgenössische Umstände. Man diskutiert bloss über eine Öffnung der Ehe für monogame, gleichgeschlechtliche Paare. Dabei geht es insbesondere um eine eigentumsrechtliche Erweiterung. Ich war auch schockiert, dass die Hauptsponsoren des Pride-Festivals unter dem Motto «Same Love – Same Rights» zwei schweizerische Grossbanken sind und an dritter Stelle ein Gesundheitsunternehmen, das sich mit Aidsprävention beschäftigt.

Wieso sind diese Sponsoren an der Homoehe interessiert?
Auf den ersten Blick wirkt es ja wie eine hehre Mission: Ein Gesundheitsunternehmen verschreibt sich der Bekämpfung von Aids. Aber wenn eine solche Institution die «Same Love – Same Rights»-Pride mitfinanziert, dann muss man davon ausgehen, dass damit eine Domestizierung der Sexualität beabsichtigt wird. Ich würde sogar behaupten, dahinter stecken hygienische und gesundheitspolitische Überlegungen, die extrem diskriminierend sind. Dahinter steckt die Vorstellung vom homosexuellen Mann als primärem HIV-Überträger. Ich finde es schockierend, wenn so etwas wieder salonfähig wird und von der LGBTIQ-Community angenommen wird, weil man vom Geld geblendet ist, mit dem die Parade bequem organisiert werden kann.

Arno Haldemann:

Und was sind die Interessen der Banken?
Durch die Ehe wird der Besitztransfer einfacher, die Akkumulation von Kapital wird begünstigt. Insofern haben Banken ein riesiges Interesse an einer Öffnung der Ehe. Homosexuelle gelten als lukrative Gruppe: Sie haben oft keine Kinder, sind Doppelverdiener. Man versucht, an dieses Geld zu kommen.

In Ihrem Buch «Family Values» stellt die australische Soziologin Melinda Cooper die These auf, dass sich im US-Konzept der Familie der Neoliberalismus und der soziale Konservatismus vereinen. Unterstellen Sie eine solche Verquickung auch gewissen Befürwortern und Befürworterinnen einer «Ehe für alle»?
Nehmen wir die Operation Libero, die gerade eine grosse Werbekampagne für eine bedingungslose Öffnung der Ehe macht. Sie sieht sich selbst als progressive Kraft im Dienst der Aufklärung. Die Verquickung von Vor- und Fürsorge in der Ehe ist jedoch eine neoliberale Zurückdelegierung an die privaten Haushalte, weg vom Sozialstaat. Die Leute müssen sich selber organisieren. Das gleicht dem amerikanischen Krankenversicherungsmodell vor Obama, als angeblich alle die Wahlmöglichkeit hatten, sich privat zu versichern. Aber dass es strukturelle Bedingungen gibt, die von Sozialisation und ungleichen Startmöglichkeiten ins Leben abhängen, wird ignoriert.

Warum kommt Ihre Kritik an der Ehe just in dem Moment, als dieses heterosexuelle Privileg endlich für alle geöffnet werden soll?
Klar sollen alle die gleichen Rechte haben, ich grenze mich vehement von allen homophoben Positionen ab. Aber warum setzt man sich für gleiche – beschränkte – Rechte anstatt für bessere Rechte für alle ein? Ich glaube, es ist ein Fehlschluss, wenn man meint, eine Unrechtsorganisation sei zu überwinden, indem man sie für sich selbst beansprucht. Auf der einen Seite haben wir die Ehedebatte, auf der anderen sind Zeitungen voll von Themen wie Polyamorie, Patchworkfamilien bis hin zur generellen Frage, wie Sexualität gelebt wird. Die Ehehäufigkeit nimmt relativ zur Bevölkerung tendenziell ab.

Für Sie ist die Forderung nach der Homoehe also nicht mehr zeitgemäss?
Die LGBTIQ-Bewegung war historisch eine sehr progressive Bewegung. Sie beschäftigte sich auch damit, wie man Beziehungen anders definieren kann. Oder wie man von diesem bürgerlich-romantischen Familienmodell wegkommen könnte, das einen Besitzanspruch auf Sexualität und auf die Emotionen von anderen stellt. Die LGBTIQ-Bewegung scheint mir nun aber bürgerlich vereinnahmt zu werden, und ich glaube, dass das eine Form neoliberaler Machttechnik ist, bei der Besitz und Sicherheit vorgehen.

Haben denn Homosexuelle kein Recht auf Spiessigkeit?
Doch, selbstverständlich. Ich als spiessiger heterosexueller Vater haue hier so eine Polemik raus, was insofern peinlich ist, weil ich ja gar nicht weiss, wie es wäre, wenn ich nicht heiraten könnte. Vielleicht ist es mein eigener spiessiger Wunsch, dass andere für mich die Arbeit der Eheabschaffung leisten. Letztlich ist es aber mein Versuch, mich für eine andere Beziehungskultur einzusetzen. Und zwar deshalb, weil auch ich als privilegierter Heterosexueller mit der Ehe nicht einverstanden bin. Das Bedürfnis nach Zweierkiste ist ein verständliches, aber auch ein stark bürgerliches Bedürfnis. Es sollte ebenso freiwillig gewählt werden können wie das Zusammenleben in einer Dreiecks-, Vierecks- oder Fünfecksbeziehung.

Bestimmte Beziehungen werden also rechtlich privilegiert, andere benachteiligt. Soll sich der Staat überhaupt in die Sexualität und die Beziehungen der Bürgerinnen und Bürger einmischen?
Nein. Er soll einen rechtlichen Rahmen schaffen, beispielsweise bezüglich sexueller Übergriffe und Gleichstellung. In diesem Bereich finde ich es wiederum erstaunlich, wie rückständig und chauvinistisch die Schweiz mit ihren Gesetzgebungen ist. Wenn man das mit skandinavischen Ländern vergleicht, dann ist es absolut beschämend. Nicht die konsensuell ausgelebte Sexualität sollte normiert werden, sondern die rechtlichen Rahmenbedingungen sollten prekäre Leben schützen. Früher war die Ehe die einzig «reine» Möglichkeit, wie man Sexualität ausleben durfte. Das ist heute im Alltag zwar nicht mehr so, aber rechtlich ist es eben irgendwie immer noch so: indem die Institution der Ehe die Zweierkiste zwischen Mann und Frau privilegiert.

Hätten Sie denn konkrete Ideen, wie Beziehungsgeflechte anders verwaltet werden könnten?
Ich würde Erwerbsarbeit anders definieren, an die dann die Vorsorgeleistungen und soziale Sicherheitsvorkehrungen geknüpft sind. Indem man beispielsweise häusliche Arbeit und Erziehungsleistungen entlöhnen würde, könnten Hierarchien und Abhängigkeiten reduziert werden. Bestimmte Vorsorgeleistungen sollten an gemeinsame Kinder geknüpft werden. Von der Idee her finde ich Konkubinatsverträge wesentlich schlauer als die Ehe, weil darin einvernehmlich geregelt wird, was geregelt sein muss. Man muss sich wesentlich mehr Gedanken machen, wie man sein Leben gestalten will. In die Ehe werden dagegen immer noch ganz unterschiedliche Vorstellungen hineinprojiziert, und diese Vorstellungen sind immer noch stark geschlechtlich geprägt.

Ist es nicht realistischer, alte Symbole wie die Ehe umzuwerten, anstatt sie gleich ganz abschaffen zu wollen?
Wenn ich eine Wahlempfehlung abgeben müsste, dann würde ich immer Ja zur «Ehe für alle» sagen. Die Öffnung ist ein Schritt in die richtige Richtung: Man sagt, es gibt auch andere Formen der Sexualität und der Liebe. Wenn mich Leute fragen, wie viele ich denn kenne, die so anders leben, dann sage ich, das sei nicht der Witz an der Sache. Der Punkt ist vielmehr, dass die Institution Ehe prädestiniert, wie man zusammenlebt, sodass es die anderen Formen gar nicht in derselben Häufigkeit geben kann. Deshalb glaube ich, der wirkliche Fortschritt läge in der Abschaffung der Ehe.

Denn das Paradoxe ist ja, dass die «Ehe für alle» von neoliberalen Kräften vorangetrieben wird, die ansonsten kategorisch sagen, der Staat habe im Privaten absolut nichts zu suchen. Wirtschaftlich gesehen darf der Staat kaum Grenzen setzen, aber wenn es um die Begrenzung der Sexualität geht, dann ist es plötzlich ganz wichtig zu sagen, wie man leben soll.

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