Nr. 29/2018 vom 19.07.2018

«Der revolutionäre Auszug muss durch die Wüste der Gegenwart erfolgen»

Wenn alle Regeln ausser Kraft sind: Gunnar Hindrichs legt mit seiner «Philosophie der Revolution» eine präzise Deutung des Revolutionsbegriffs vor.

Von Christoph Carioli

In Zeiten, in denen ein Grossteil der akademischen Philosophenzunft oft nicht mehr den Weg aus ihren mikroskopischen Sprachspielanalysen findet, stellt es eine erfreuliche Ausnahme dar, wenn sich ein Universitätsprofessor eines so grossen Begriffs wie der Revolution annimmt: eines Begriffs also, der wie kein zweiter auf das Heulen, den donnernden Jubel, auf das Zähneklappern dieser Welt verweist. Die vibrierende Aura des Revolutionsbegriffs kann und will der in Basel lehrende Gunnar Hindrichs in seiner «Philosophie der Revolution» zwar nicht einfangen: zu nüchtern, zu diszipliniert zeichnet er seine Argumentationslinien. Hindrichs’ präzise Arbeit am Begriff wirkt dennoch in vielem erhellend und eröffnet Perspektiven.

Den Ausgangspunkt seiner Untersuchung macht der Autor an einer formalen Bestimmung des revolutionären Handelns fest. Es erweist sich bei ihm als autonomes Handeln par excellence: Revolutionärinnen brechen mit der bisherigen Kontinuität des Handelns und setzen dessen Regeln neu. Damit sprengt das revolutionäre Handeln jegliche Art von Fremdbestimmung. Es kann weder einem naturgesetzlich bestimmten noch einem geschichtsphilosophisch-metaphysischen Firmament untergeordnet werden. Die Selbstgesetzgebung wirft zudem ein Schlaglicht auf die Zufälligkeit von Geregeltem im Allgemeinen; an dieser Stelle findet auch das revolutionäre Aufbegehren gegen die Naturalisierung gesellschaftlicher Zustände seinen tieferen Sinn. Oder wie es Gunnar Hindrichs fast schon hegelianisch formuliert: In Revolutionen «tritt die Gesellschaft als Gesellschaft ins Licht. Sie kommt zu sich selber.»

Verwirklichung der Menschenrechte

Die Macht, die Schönheit, der Gott und das Recht der Revolution markieren die vier Koordinaten in Hindrichs’ Werk: Die Macht der Revolution speist sich für ihn aus dem interessenlosen Enthusiasmus unbeteiligter Dritter, deren Begeisterung sich an der Schönheit des Vorscheins einer klassenlosen Gesellschaft entzündet. In seinen theologischen Ausführungen zum Gott der Revolution kommt Hindrichs auf die alttestamentliche Erzählung des Exodus zu sprechen, die er als Modell des revolutionären Handelns deutet. Mögen diese Inhalte auf den ersten Blick auch sachfremd erscheinen, bei Hindrichs greifen sie im Lauf der Argumentation organisch ineinander.

Durch die enge Koppelung der Themenblöcke entstehen aber auch einige Leerstellen. So bleibt etwa die für die Revolutionstheorie so wichtige Frage nach dem Subjekt der Revolution – Masse oder Avantgarde? – bei Hindrichs unbehandelt.

Das Bestehen eines überrechtlich legitimierten Rechts auf Revolution verneint Hindrichs. Auch Versuche wie etwa der Roten Armee Fraktion, das revolutionäre Handeln ausschliesslich über seine Illegalität zu konzipieren, sind nach ihm zum Scheitern verurteilt: Während das bestehende Recht hier als ultimativer Bezugsrahmen akzeptiert wird, besteht der Clou des revolutionären Handelns gerade darin, diesen Bezugsrahmen zu verlassen. Ein derartiges Verständnis eines Rechtsbruchs sieht Hindrichs in Karl Marx’ Kritik an den Menschenrechten angedeutet: Die Menschenrechte ermöglichen es dem Proletarier, dem Kapitalisten in der Sphäre des Arbeitsmarkts als formal gleicher und freier Bürger zu begegnen; sie bilden aber gleichzeitig die Bedingung dafür, dass sich in der Produktionssphäre ein Entfremdungsverhältnis konstituiert, das die Menschenrechte de facto wieder aushebelt. Indem nun das revolutionäre Handeln die Menschenrechte aufhebt, so Hindrichs, können deren Ansprüche erst praktisch verwirklicht werden.

Im Wissen um die marginale Stellung von Marx in der zeitgenössischen kritischen Theorie ist dieser Anschluss begrüssenswert. Den Ausführungen haftet aber doch etwas Anachronistisches an: Hindrichs folgt der marxschen Theorie bloss und kritisiert sie nicht, was sich problematisch bei einer Theorie erweist, die einen zu Aktualisierungen auffordernden Zeitkern in sich trägt.

Rückkehr zum Bonapartismus

Nach dichten Argumentationsketten, die immer wieder durch Pointen aufgesprengt werden, verlässt Hindrichs in den letzten Teilen der Abhandlung den akademischen Lehnstuhl und flicht zwei Gegenwartsdeutungen in seinen Text. Zum einen stellt er zu Recht bonapartistische Tendenzen fest: die «Verselbständigung der vollziehenden Gewalt (Regierung, Verwaltung)» und der Schulterschlussversuch des bürgerlichen Machtblocks mit «randständigen Elementen der Gesellschaft» erinnern an die Situation in Frankreich nach 1848, in der Napoleon III. revolutionäre Bestrebungen in einem autoritären Regime erstickte. Zum anderen diagnostiziert Hindrichs der Gegenwart eine Revolutionsferne und bestimmt sie in Anlehnung an die Exodusgeschichte als diejenige Wüste, «durch die der revolutionäre Auszug» verlaufen muss. Auf die Setzung eigener Wegmarken verzichtet der Autor dann allerdings bewusst.

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