Nr. 29/2018 vom 19.07.2018

Eine Diaspora zwischen Campari Bar, Exilpolitik und Behördenstress

Sie werden vor allem als Pflegerinnen und Erntearbeiter wahrgenommen oder dienen in Schlagzeilen über Drogenschmuggel und Einbrüche als Projektionsfiguren. Doch wie sehen die Wirklichkeiten der etwa 12 000 Romani aus, die in der Schweiz leben?

Von Benjamin von Wyl

RumänInnen protestieren in Bern gegen die Regierung in Bukarest, Februar 2017. Foto: Stelian Pavalache

+++ «In solchen Päckli kommt das Kokain in die Schweiz» +++ «Einbrecher verwechselt Basler Münster mit Villa» +++ «300 Kilo Sauerkraut aus Schweiz geschmuggelt» +++ Das also sind die ersten Ergebnisse, wenn man «Rumäne» ins Suchfeld von 20min.ch tippt.

In der schicken Campari Bar in Basel sind solche Assoziationen absurd: Pahar de Vorba – Glas der Rede – nennt sich der lockere Feierabendanlass, zu dem sich in der Schweiz lebende RumänInnen auch in Zürich, Lausanne und Bern treffen. Heute haben sich rund zwanzig Leute aus der ganzen Nordwestschweiz eingefunden. Fast alle haben sie studiert; viele arbeiten bei Roche oder Novartis. Das liegt auch an der rigiden Vergabe von Arbeitsbewilligungen: Seit Juni 2017 gilt die Ventilklausel. Jährlich erhalten pro Jahr bloss 996 RumänInnen und BulgarInnen eine B-Bewilligung. Davor galt für sie die volle Personenfreizügigkeit – allerdings nur für ein Jahr. Noch ein weiteres Jahr kann der Bundesrat die Zuwanderung aus den beiden Ländern so regulieren. Doch schon jetzt lebt eine grosse und gut organisierte rumänische Diaspora in der Schweiz. Mehr als 12 000 Facebook-NutzerInnen sind Mitglied der geschlossenen Gruppe Romani in Elvetia. 2014 lebten 11 500 RumänInnen in der Schweiz. Seither sind es wohl noch mehr geworden. Wer sind sie?

Felsenegg: Mihnea Mihai

«Ich habe Friedrich Hayek gelesen, und das hat mir gefallen, wenn du das meinst», antwortet Mihnea Mihai auf die Frage, ob er sich als Liberaler sehe. Wir sitzen auf der Aussichtsterrasse der Felsenegg oberhalb von Adliswil, wo Mihai wohnt. Mihai geniesst den Most aus dem Krug, die Aussicht auf die Alpen und auf den Zürichsee. All das hindert ihn aber nicht daran, seinen Gesprächspartner drei Stunden lang fast pausenlos anzublicken und in konstantem Tempo zu erzählen. Der gross gewachsene, kahlköpfige Mathematiker, der im Risikomanagement der Zürcher Kantonalbank arbeitet, fällt nur aus dem Sprechfluss, wenn er sich an einer seiner Geschichten belustigt. Zum Beispiel wenn er davon erzählt, wie er in den neunziger Jahren parallel zum christlichen Glauben zur Musik von Black Sabbath gefunden hatte.

«Die Schweiz ist fast meine Heimat.» Mihnea Mihai, Mathematiker Foto: Stelian Pavalache

Mihais Redefluss bricht auch in der Sihltalbahn nicht ab, wo er aus dem Bankeralltag erzählt. Und selbst in der Seilbahn nicht, als die Kinder indischer TouristInnen zwischen unseren Beinen hin und her rennen. Da erzählt er gerade von den Heckenschützen, die 1989 in Bukarest aus Fenstern auf DemonstrantInnen geschossen hatten. Die Erfahrungen der Ceausescu-Diktatur und der nicht komplett vollzogene Wandel nach deren Sturz haben ihn geprägt. Für Mihai fallen Kommunismus und Totalitarismus zusammen.

Der 42-Jährige lebt schon sein halbes Leben im Ausland, seit sechs Jahren in der Schweiz. Adliswil, die Offenheit des urbanen Zürich und der süsse Most: Die Schweiz sei «fast seine Heimat». Er, der seit seiner Schulzeit in Rumänien Deutsch spricht, hat viele SchweizerInnen in seinem Bekanntenkreis. Mihai ist kein Expat – und auch kein Neoliberaler.

«Wenn du Milton Friedman liest, gehst du davon aus, dass auch Hayek extrem wirtschaftsfreundlich ist, aber Hayek hätte nie vorgeschlagen, alle öffentlichen Einrichtungen zu privatisieren», fährt Mihai weiter. Anständige Renten, ein gutes Gesundheitssystem und Chancengleichheit in der Bildung könnten nie allein von der Wirtschaft finanziert werden. Womit das Gespräch wieder auf die Verhältnisse in Rumänien schwenkt: Die Infrastruktur der öffentlichen Schulen sei heute derart schlecht, dass sich nur jenen Ausbildungs- und damit auch Berufschancen eröffneten, die sich private Nachhilfen leisten könnten. Daran schuld seien die Korruption und der fehlende Bruch im Establishment nach der Diktatur.

Basel, Pahar de Vorba

Tags drauf nimmt Mihnea Mihai am Pahar de Vorba in der Basler Campari Bar teil. Gekommen ist er, um zusammen mit einem weiteren Aktivisten aus der Romandie Unterschriften für eine Änderung der rumänischen Verfassung zu sammeln. Das Ziel dabei: Strafrechtlich Verurteilte sollen in Rumänien keine politischen Ämter mehr innehaben dürfen. Das Volksbegehren zielt auf korrupte PolitikerInnen. Und tatsächlich: Fast alle Gäste in der Campari Bar holen ihre Personalausweise hervor und unterschreiben. Um Mihai bilden sich kleine Menschentrauben.

«Die Bedeutung des Berufs ist hier für das Sozialleben riesig.» Petronela Piticari, Heilpädagogin Foto: Evan Ruetsch

Mihnea Mihai gehört in der Schweizer Diaspora zu den engagiertesten KritikerInnen der rumänischen Regierung. Neben seiner Berufsarbeit investiert er zwei Stunden pro Tag in die Politik: Als Präsident von #RezistZurich – einem Zusammenschluss regierungskritischer RumänInnen in der Schweiz – koordiniert er auch die Medienarbeit.

«Erdbeeren»: So nannten sich Mihai und weitere AktivistInnen Anfang Jahr für eine gross angelegte Politaktion. Die rumänisch-schweizerische Autorin Dana Grigorcea berichtete darüber in einer Kolumne im Radio Deutsche Welle: «Erdbeere» stehe für die Solidarität mit den RumänInnen, die etwa in Spanien zu grässlichen Bedingungen als ErdbeerenpflückerInnen arbeiten. Zehn Millionen RumänInnen leben insgesamt in der europäischen Diaspora – mehr als halb so viele wie in Rumänien selbst.

Sosehr die Schweiz nach Fachkräften und Unternehmensinteressen filtert: Neun Franken für einen halben Liter Bier wie in der Campari Bar können sich längst nicht alle RumänInnen in Elvetia leisten. Die 996 B-Bewilligungen pro Jahr werden laut dem Staatssekretariat für Migration (SEM) nach dem Prinzip «First come, first serve» vergeben. Grossunternehmen wie Roche haben wohl – alleine dank ihrer Human-Ressource-Abteilungen – Mittel und Wege, um sicherzustellen, dass ihre Anstellungen auch Bewilligungen erhalten. Auch dem Organisator des Pahar de Vorba in Basel ist bewusst, dass nur hoch qualifizierte RumänInnen in der Schweiz problemlos arbeiten können. 2017 wurden mehr als ein Viertel der B-Bewilligungen in der Branche «Planung, Beratung, Informatik» vergeben – und nur 78 in der Landwirtschaft.

Basel, Innenstadt: Valeria Mateescu

Bei der Basler Sans-Papiers-Anlaufstelle kennt man andere Realitäten: An sie wenden sich RumänInnen, die Arbeit im Reinigungsbereich oder in der Kinderbetreuung suchen. «Die Bewilligungen gehen an die Hochqualifizierten», sagt Olivia Jost von der Anlaufstelle. Jost macht die Erfahrung, dass das kantonale Migrationsamt nicht alle EU-BürgerInnen gleich behandelt: «Viele Menschen aus Osteuropa berichten uns, dass sie beim Migrationsamt abgewiesen und nicht richtig über ihre Möglichkeiten aufgeklärt werden. Es ist kaum vorstellbar, dass das bei einer Person aus Westeuropa auch so ist.»

Valeria Mateescu zum Beispiel hat acht Jahre lang bei Restaurants, Hotels und Spitälern nachgefragt: Sie wollte doch nur putzen. Man liess sie nicht, weil sie über keine Bewilligung verfügte. Da sie bis heute bloss mit einer (verlängerbaren) L-Bewilligung für zwölf Monate lebt, möchte sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. «Du brauchst entweder eine Bewilligung oder einen Arbeitsvertrag. Es ist ein …», sagt sie und formt mit den Händen den Teufelskreis. «Meine Mutter ist tot. Nichts hält mich mehr in Rumänien», sagt sie. Und trotzdem: «Mein Leben hier ist das richtige.»

In der Schweiz gehalten hat sie auch ihr Sohn. Er fand hier schnell Anschluss, auch weil er seit dem Kindergarten in Rumänien Deutsch spricht. In der Schweiz nahm er Instrumentalunterricht und gewann Tennisturniere. Doch als das Ersparte aufgebraucht war, mit dem Mateescu nach Basel gekommen war, war Schluss mit Tennis und den Musiklektionen.

«In Rumänien hiess es, dass ich in Westeuropa problemlos Arbeit bekomme. Die Medien zeichnen dieses Bild», erzählt Mateescu. Sie hat sich hier am Rand der Gesellschaft eingerichtet und mit freiwilligen Engagements aktiv gehalten. Bei der Sans-Papiers-Anlaufstelle – und in der katholischen Kirche. Mateescu ist zwar rumänisch-orthodox, aber die nächste rumänisch-orthodoxe Gemeinde befindet sich in Münchenstein. Das Trambillett in die Stadtrandgemeinde ist ihr zu teuer.

Mateescu mag die SchweizerInnen: «Als wir frisch hier waren, machte sich mein Sohn sogar über die Hunde in der Schweiz lustig, weil sie so ruhig sind. Die Schweizer sind sehr ruhig. Sie lassen dich in Ruhe – sie helfen aber auch nicht.» Es gibt aber auch Ausnahmen: In ihrer katholischen Kirchgemeinde hat sich jemand für Mateescu eingesetzt. «Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Über Monate hat die Frau bei ihrer Chefin immer wieder nach einer Stelle für mich gefragt», erzählt sie. Seit etwa einem Jahr hat Mateescu nun eine Teilzeitstelle in der Reinigung: mit Arbeitsvertrag – darum erhielt sie auch die L-Bewilligung.

Mateescu ist ein zufriedener Mensch – am wichtigsten sei ihr die Zukunft ihres Sohns. Doch einfach hat sie es noch immer nicht: «M-Budget ist o.k., bio in diesem Moment nicht.» Der halbe Liter Bier am Pahar de Vorba in Basel kostet so viel wie 10,5 Kilogramm M-Budget-Pasta. Dass sie keine anderen RumänInnen in der Schweiz kennt, stört sie nicht. Mit den gut situierten RumänInnen vom Pahar de Vorba hat sie sowieso nur eines gemein: die Wut auf die rumänische Politik. Die Korruption sei das Hauptproblem, und überhaupt: Der Bildungsminister spreche ja nicht einmal korrekt Rumänisch.

Als romanische Sprache klingt Rumänisch auch für viele SchweizerInnen vertraut. Einige Fetzen davon versteht man. Wer Rumantsch spricht, könne sich mit RumänInnen gar fliessend unterhalten: Beim VPOD Grischun weiss man von rumänischen PendelmigrantInnen, die wegen dieses Sprachvorteils im rätoromanischen Raum arbeiten. Pendelmigration verändert den Lebensrhythmus: Viele RumänInnen arbeiten hier drei Monate zum Beispiel in der Altenpflege, kehren für drei Monate in ihr Heimatland zurück – und kommen dann wieder, um erneut drei Monate hier zu arbeiten. Über 4000 KurzaufenthalterInnen-Bewilligungen hat die Schweiz RumänInnen 2017 ausgestellt, den grössten Teil im Gastgewerbe.

Bern, Wohnquartier: Bianka Fehér

«Die Schuhe bitte anbehalten. Ich entscheide das, denn ich putze hier», sagt Bianka Fehér zur Begrüssung. Fehér spricht – anders als der rumänische Bildungsminister – korrektes Rumänisch, obwohl es nicht ihre Muttersprache ist. Und auch ihr Deutsch ist makellos. Gelernt hat sie es in einer ungarischen Schule: Fehér gehört zu der 1,2 Millionen Menschen umfassenden ungarischen Minderheit Rumäniens. Das ist auch der Grund, weshalb sie nicht mit richtigem Namen in der Zeitung erscheinen will. Rumänien sei ihre Heimat, aber als Ungarin über Rumänien zu sprechen? Heikel.

Wie gross die Ressentiments gegen die UngarInnen sind, zeigt sich zum Beispiel darin, dass die rumänische Regierung – ähnlich wie die ungarische – Verschwörungstheorien über den ungarisch-amerikanischen Milliardär George Soros verbreitet. In Rumänien ist er aber nicht ein Feindbild, weil er Jude – sondern weil er Ungar ist.

Seit anderthalb Jahren verläuft Fehérs Leben im Dreimonatstakt: weniger Verantwortung in der Schweiz – aber auch keine Möglichkeit, für sich allein zu sein; mehr Verantwortung in Rumänien – dafür mehr Rückzugsraum. In Rumänien arbeitet Fehér als Sozialarbeiterin für das dortige Gegenstück zur Spitex – in der Schweiz als 24-Stunden-Betreuerin mit der Spitex zusammen.

Wenn die 33-Jährige in der Schweiz ist, spaziert sie am liebsten alleine durch Bern. Den Rosengarten möge sie besonders. Fehérs Beschäftigung in der Schweiz wird von einem Fair-Care-Programm der Caritas koordiniert. Wenige PendelmigrantInnen haben derart faire Arbeitsbedingungen. Darum ist Fehér auch nichts wichtiger, als klarzustellen, dass es ihr mit diesem Lebensmodell gut geht.

Erst im Gespräch wird Fehér bewusst, dass sie schon zum sechsten Mal hier ist – und insgesamt schon achtzehn Monate in Bern verbracht hat. Aber ganz in der Schweiz leben? Nein, zum Auswandern sei sie zu alt. Schweizer FreundInnen suchen? Das ergebe wenig Sinn, was aber nicht heisse, dass sie etwas gegen SchweizerInnen habe. Kontakte zu RumänInnen oder UngarInnen? «Nein, ich brauche keinen Kontakt zu jemandem, nur weil er Ungar ist.» Einmal sei sie im ungarischen Gottesdienst hier in Bern gewesen – «und da bin ich nach der Messe auch gleich wieder gegangen», erzählt Fehér. Ihre Familie und ihr Umfeld in Rumänien seien ihr das Wichtigste, ansonsten sei sie gerne alleine.

Aber warum hat sich Fehér zum Leben im Dreimonatstakt zwischen Rumänien und der Schweiz entschieden, wo sie doch in Rumänien eine gute Stelle hat? «Um mir eine soziale Sicherheit zu schaffen» sagt Fehér. «Solange die Politik in Rumänien instabil bleibt, muss ich für mich schauen.» Wenn sie krank werden sollte, müsse sie selbst dafür aufkommen können und Geld fürs Alter beiseitelegen.

Fehér ist – sie sagt es noch einmal und mit Nachdruck – froh, dass sie zu fairen Bedingungen in der Schweiz arbeiten kann: «Es gibt viele Vorurteile. Mich haben die nie gestört, weil ich weiss, dass ich keine Diebin bin. Aber gerade weil es diese Vorurteile gibt, bin ich froh, hier legal zu arbeiten.» Aus ihrer Heimatregion in Rumänien würden viele ins Ausland gehen, weil sie davon ausgingen, dass es dort Arbeit für alle gebe – vor allem Landsleute ohne Abitur, ohne das man in Rumänien kaum eine Chance hat. «Die landen als Schwarzarbeiter in der Landwirtschaft», sagt Fehér. Auch in der Schweiz? Ja, sagt sie.

Knapp 800 RumänInnen haben 2017 mit einer Kurzarbeitsbewilligung in der Schweizer Landwirtschaft gearbeitet. Viele von ihnen vermittelt Agrimpuls, ein Geschäftsbereich des Bauernverbands. Die Zahl der RumänInnen, die in der Schweiz schwarzarbeiten, kann man nur erahnen. Auch die Anfrage bei einer zwielichtigen Vermittlungsagentur bringt keine Transparenz – sie bleibt ohne Antwort. Dass die Schweizer Landwirtschaft noch immer ein Schwarzarbeitsproblem hat, ist offensichtlich: Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) bestätigte in seinem Bericht über die Bekämpfung der Schwarzarbeit, dass in der Landwirtschaft kaum Kontrollen stattfinden. Nur 5,4 Promille aller Landwirtschaftsbetriebe wurden 2016 kontrolliert. Jede dritte kontrollierte Person war schwarz angestellt – und damit auch ganz ohne Kranken- und Unfallversicherung. Die Gewerkschaft Unia geht von 8000 Schwarzbeschäftigten in der Landwirtschaft aus.

Gempen SO: Petronela Piticari

Petronela Piticari war auch am Pahar de Vorba in Basel, zum ersten Mal – und als Einzige, die keinen technischen oder naturwissenschaftlichen Beruf ausübt. Sie arbeitet als Heilpädagogin in einer Primarschule. Das solothurnische Gempen ist ein sehr kleines, aber gar nicht so konservatives Dorf – die SP ist im Gemeinderat vertreten. Piticari lebt mit ihrer Familie im Dorfzentrum an der Hauptstrasse.

Das grosse Wohnzimmerfenster öffnet den Blick ins dörfliche Herz. «Ein solches Dorf ist ein gutes Abbild für das Schweizerische: Du kannst leben, du kannst machen, du wirst herzlich begrüsst. Mehr ist nicht», erzählt sie, «in Italien oder Rumänien wird man sofort von allen Seiten eingeladen.» Und weiter: «Was sie für sich denken, ist etwas anderes, aber in der Begegnung mit Ausländern zeigen Schweizer Respekt.» Dieser Respekt habe keine politische Dimension. Sie meine damit ihre Erfahrungen auf der Strasse, betont Piticari. Aber die Schattenseite dieses Respekts sei Distanz.

Dass sie trotzdem gute, ja innige Schweizer FreundInnen habe, sei ein Glück. Piticari kann dank ihrer Ausbildung, die auch in der Schweiz anerkannt ist, einen Beruf ausüben, für den sie brennt. Das habe einen riesigen Einfluss auf das hiesige Sozialleben: «Man erlebt im gemeinsamen Arbeiten etwas und kann so auf eine andere Ebene kommen.»

Piticari, die vor zehn Jahren wegen einer Beziehung in die Schweiz gekommen war, ist sich ihrer privilegierten Situation bewusst. Sie reflektiert das, auch während sie erzählt. Dieses introspektive Abtasten ihres Empfindens und ihrer Erfahrungen bringt Piticari mit politischem Bewusstsein zusammen. Auch sie erzählt von der Korruption und den maroden Schulen in Rumänien. Und von der erwachten Zivilgesellschaft. Davon, dass Anfang des Jahres 2017 Hunderttausende auf die Strasse gegangen und die Proteste seither nie unterbrochen worden sind. Seit drei Wochen ist Piticari Mitglied einer Partei – etwas, das sie sich bis vor kurzem kaum vorstellen konnte. Ihre Partei ist die USR, die Union zur Rettung Rumäniens. Auch Mihnea Mihai ist dort dabei. Die USR setzt sich für die Gewaltentrennung und als einzige Partei in Rumänien für LGBT-Rechte ein. Sie vereint eher linke und eher bürgerliche DemokratInnen – und stützt sich stark auf die Diaspora.

Bei aller Begeisterung: Piticari betrachtet die USR auch kritisch. «Die Diktatur hat Rumänien einen trockenen Intellektualismus eingebracht. Das zieht sich bis heute durch alle Parteien und ist selbst bei der USR spürbar. Sie richtet sich sehr stark auf die gesellschaftliche Elite aus.»

Umso begeisterter ist Piticari vom politischen System in der Schweiz, wo auch ein Elektriker für ein politisches Amt kandidieren kann. Die Qualität und die gesellschaftliche Stellung von nichtakademischen Berufsausbildungen gehören zu den Dingen, die Piticari hierzulande besonders schätzt. Die politischen Inhalte wiederum seien ein anderes Thema, aber die politischen Strukturen seien schon beeindruckend: «Oft bin ich sprachlos. Die Interessen und die Macht sind so ausgleichend verteilt. Von den Megastrukturen bis zu den Gemeinden. Chaotische Kabinettswechsel gibt es nicht.»

Und trotzdem macht sich Piticari mehr und mehr Gedanken über eine Rückkehr. Nicht aus Heimweh, sondern weil sie etwas weitergeben will: vielleicht auch in der Politik. Aber vor allem gehe es ihr um die Bildung. Piticari will etwas gegen die maroden Schulen und veraltete pädagogische Prinzipien tun. Erst sollen die älteren Kinder flügge werden, dann möchte sie den Reality Check wagen. Herausfinden, ob es ein Projekt gibt, mit dem sie einen Beitrag zur rumänischen Gesellschaft leisten kann. «Rumäninnen und Rumänen im Ausland haben mehr Bewusstsein für sich selbst, weil sie ihre Identität in einer fremden Gesellschaft definieren mussten», resümiert Piticari.

Mihnea Mihai, Valeria Mateescu, Bianka Fehér, Petronela Piticari. Was verbindet diese Menschen? Erst einmal, dass sie weder Kokain noch Sauerkraut schmuggeln. Dass sie alle in einer Diktatur aufgewachsen sind. Dass sie alle mit der rumänischen Politik unzufrieden sind. Aber vor allem: dass sie alle – zumindest zeitweise – in der Schweiz leben.

Mihnea Mihai hat hier nach vielen Jahren «fast seine Heimat» gefunden, Bianka Fehér sich für ein Leben im Dreimonatstakt zwischen den beiden Ländern entschieden. Petronela Piticari betont die Bedeutung der Arbeit und das Glück, hier ihren Beruf ausüben zu können, während Valeria Mateescu jahrelang um ihre Arbeitsbewilligung kämpfen musste und die Härte der Behörden zu spüren bekam. Trotzdem begegnet auch sie der Schweizer Gesellschaft positiv. Sie sind vier von 12 000 Romani in Elvetia, die bisher weder in «20 Minuten» noch in Schlagzeilen anderer Medien vorgekommen sind.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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