Nr. 32/2018 vom 09.08.2018

Widerstand im Radio

Die Gruppe Pro Radiostudio Bern ergreift mit kreativen Vorschlägen die Initiative.

Von Robert Ruoff

Radiostudio Bern

«Das Radio lebt.» Mit diesem Satz eröffnet die Gruppe Pro Radiostudio Bern das Dokument, das sie diese Woche an Jean-Michel Cina und Gilles Marchand, den Präsidenten des Verwaltungsrats der SRG und an den Generaldirektor, geschickt hat. «Das Radio lebt» manifestiert einen Glauben an die Zukunft des Radios, auch im Widerspruch zu den Führungsverantwortlichen, die das Medium Radio in seiner klassischen Form schon halbwegs abgeschrieben haben.

Vor der No-Billag-Abstimmung waren die Qualitätsprogramme des Radios – von «Heute Morgen» über «Rendez-vous am Mittag» bis zu «Echo der Zeit» – ein Hauptargument im Abstimmungskampf der SRG. Aber einen Monat nach der krachenden Versenkung der Initiative wurden die Radiomitarbeitenden mit der Absicht der SRF-Leitung konfrontiert, die Chefredaktion zusammen mit 148 von rund 200 Mitarbeitenden von Bern nach Zürich zu verlegen und dort zumindest zum Teil in den Newsroom von Fernsehen und Online zu integrieren.

Hinter verschlossenen Türen

Pro Radiostudio Bern hatte die SRG-Spitze gebeten, «bei den aktuellen Planungsarbeiten miteinbezogen zu werden», heisst es in dem Dokument, «passiert ist nichts». Die Planungsarbeiten laufen mit Volldampf weiter, aber offenbar im kleinen Kreis hinter verschlossenen Türen. Im vertraulichen Antrag an die SRG-Geschäftsleitung, der der WOZ vorliegt, drängt SRF-Direktor Ruedi Matter auf eine schnelle positive Grundsatzentscheidung für den Umzug und die Zentralisierung, denn «damit würde eine längere Phase der Unsicherheit beim betroffenen Personal verkürzt» und «die Unruhe im Radiostudio Bern beruhigt». Es regiert die kalte Managementanalyse.

Die Gruppe bittet nun in einem zweiten Anlauf um den offiziellen Auftrag, ein Konzept auszuarbeiten. Die Motivation für die Qualitätsarbeit ist noch da. Die BernerInnen leisten zwar grundsätzlichen Widerstand gegen das «gigantische Grossraumbüro», den technokratischen Newsroom in Zürich Leutschenbach und die Zentralisierung überhaupt. Und das nicht nur wegen der täglich zweieinhalb Stunden Arbeitsweg, sondern auch mit Blick auf wissenschaftliche Studien und praktische Erfahrungen, etwa bei der britischen BBC.

Gleichzeitig legt Pro Radiostudio Bern Grundideen für ein Radio-Kompetenzzentrum in Bern auf den Tisch. Die Gruppe stellt fest: Das lineare Radio bleibt vorerst stark und erreicht immer noch einen Grossteil der Bevölkerung. Audio on Demand, mit dem auch neuere Formen wie Podcasts zu beliebiger Zeit an beliebigem Ort abgerufen werden, findet wachsende Nachfrage. Die technologische Weiterentwicklung erlaubt gerade auch für den Service public neue, individualisierte Nutzungsformen.

Über die SRG hinaus

Das Radiostudio Bern ist heute schon in Ansätzen ein Radio-Kompetenzzentrum. Es entstehen dort regelmässig Podcasts, die über das Onlineangebot von srf.ch abgerufen werden können. Das heisst: Die Verbindung zwischen Bern und Zürich funktioniert. Und für die Zusammenarbeit mit SRF News Online sieht die Gruppe vielfältige weitere Möglichkeiten, vom Faktencheck bis zu schnellen Ereignisanalysen. Und selbstverständlich sind auch Multimedia und Visual-Audio eine Option, denn Audio und Radio gewinnen in Verbindung mit einem Bild mehr Kraft in der digitalen Welt.

Das geht sogar über die Grenzen der SRG hinaus, wie ein aktuelles Beispiel aus dem «Echo der Zeit» zeigt. Zur dreiteiligen Podcast-Serie «Bankkonto unbekannt» über die Geschichte des Wachmanns Christoph Meili und der nachrichtenlosen Vermögen erscheinen auch ein Film von Daniel von Aarburg und ein Buch über die Hintergründe. Der Film wird im August auf SRF und 3sat ausgestrahlt.

All das geht auch ohne Umzug von der Aare an den Leutschenbach. Dort war der Newsroom ohnehin von Anfang an ohne das Radio geplant, nur als Zusammenschluss zwischen Onlineredaktion und Fernsehen.

Die innere Vielfalt der SRG ist eine wesentliche Begründung für ihre starke Stellung, auch und gerade im Informationsbereich. Die Vielfalt der Standorte in Zürich, Basel und Bern und in den Regionalstudios ist dafür wesentlich. Wenn aber am Leutschenbach mit Millionenaufwand ein Medienzentralismus betoniert wird, muss man sich die Frage stellen, mit welchen Organisationsstrukturen und Finanzierungsformen man in Zukunft die Medienvielfalt in der Schweiz sicherstellen kann.

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