Nr. 32/2018 vom 09.08.2018

Wie sähe eine neue Schweiz aus?

Die Sozialanthropologin Mithra Akhbari ist Kopräsidentin von Ines, dem Institut Neue Schweiz. Ein Gespräch über #MeTwo, den Dialog mit den Institutionen und eine neue Bildpolitik.

Von Anna Jikhareva (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Mithra Akhbari: «Natürlich geht es auch darum, die Machtstrukturen durcheinanderzubringen.»

WOZ: Mithra Akhbari, unter dem Hashtag #MeTwo teilen zurzeit Hunderte Menschen ihre Erfahrungen mit Ausgrenzung und Diskriminierung. Haben Sie sich auch schon zu Wort gemeldet?
Mithra Akhbari: Ich bin weder auf Facebook noch auf Twitter, in dieser Hinsicht also ziemlich altmodisch. In meiner Kindheit in der Ostschweiz war Rassismus kein grosses Thema, das wandelte sich dann aber in den neunziger Jahren. Dinge, die vorher selbstverständlich schienen, wurden auf einmal anders debattiert. Plötzlich wurden bestimmte Namen, ein Akzent oder die Hautfarbe als Stigmasymbol wahrgenommen, und man fing an, den Islam zu problematisieren. Ab diesem Moment habe auch ich entsprechende Erfahrungen gemacht. Die Stigmatisierung aufgrund meines Namens war dabei immer am stärksten, besonders bei der Wohnungssuche.

Welches Erlebnis ist Ihnen denn am meisten geblieben?
Einmal dachte jemand, ich sei die Putzfrau meiner Mutter, weil sie einen anderen Nachnamen hatte. Und manchmal rufen Leute an und sprechen gebrochen Deutsch, weil sie davon ausgehen, dass ich sonst nichts verstehe.

Und wie gehen Sie mit solchen Erfahrungen um?
Meistens kann ich dem mit Humor begegnen und den Leuten einen Spiegel vorhalten. Aber es kommt auch darauf an, wie meine Verfassung gerade ist. Oft denke ich im Nachhinein auch: Wieso hast du nichts oder nicht etwas anderes gesagt? Aber man will ja auch nicht einfach wütend reagieren, weil man sich dann so inkompetent fühlt.

Wichtig ist, Menschen mit ähnlichen Erlebnissen um sich zu haben, mit denen man sich austauschen und Strategien entwickeln kann, um beim nächsten Mal souveräner zu reagieren – und um sich dafür einsetzen zu können, dass eine öffentliche Debatte über diese Themen stattfindet. Neulich wurde etwa publik, dass Angestellte im Telefonmarketing sich bewusst einen Namen wie Müller geben. Und ich selbst merke auch: Wenn ich irgendwo einen Tisch reserviere, ist es einfacher, nur den Vornamen zu nennen. Du musst also deinen Namen anpassen, damit sich die anderen wohler fühlen.

Es scheint, als wäre die Gesellschaft in dieser Hinsicht noch immer nicht sehr weit.
In manchen Institutionen herrscht inzwischen eine gewisse Offenheit – auch wenn sie noch nicht so genau wissen, wie sie Repräsentationsverhältnisse verändern sollen. Letztlich sind Fragen der Repräsentation ja auch immer Machtfragen. Es geht dabei auch um Aushandlungsprozesse, da passiert nichts von heute auf morgen.

Mittlerweile belegen ja Studien, dass Kinder mit Migrationshintergrund im Bildungsbereich zum Teil strukturell benachteiligt werden. Die Diskriminierung hört damit zwar nicht auf, wird aber immerhin sichtbarer. Die Frage ist: Wie gelangt diese Einsicht in die Öffentlichkeit, wie wird sie dort debattiert, und wie entsteht daraus dann ein struktureller Wandel? Es ist wichtig, genau hinzuschauen, damit die Errungenschaften nicht an der Oberfläche bleiben. Dass es nicht heisst: Jetzt haben wir ein paar Quotenexoten, die auch mal was sagen dürfen, wenn sie gefragt werden.

Und um diese Entwicklung voranzutreiben, wurde das Institut Neue Schweiz gegründet?
Das Bedürfnis entstand nach der Annahme der «Masseneinwanderungsinitiative». Viele, die bereits im migrationspolitischen oder antirassistischen Bereich gearbeitet haben, merkten, dass etwas passieren muss, dass es eine andere Art von Vernetzung und neue Gespräche braucht. Eine Stimme, die sich in die Meinungsbildung einmischt und auch den Dialog zu den Institutionen sucht. Seit 2016 befindet sich Ines im Aufbau: ein Think-and-Act-Tank mit Migrationsvordergrund.

Was bedeutet das genau?
Ines ist ein schweizweites Netzwerk mit Projekten in Bereichen wie Kultur und Recht, Wissenschaft und Bildung. Die Schweiz ist ja längst sehr vielfältig, doch in den Institutionen oder den Medien spiegelt sich diese Vielfalt kaum. Entweder können wir uns hinsetzen und warten, bis uns jemand fragt – oder wir mischen uns aktiv ein und überlegen uns, wie eine neue Schweiz aussehen könnte, welche Bilder und Institutionen es dafür braucht. Täglich werden uns Bilder entgegengehalten, die nicht die Schweiz widerspiegeln, der ich morgens an der Bushaltestelle begegne.

Und? Wie könnte eine neue Schweiz aussehen?
Fakt ist: Die Vielfalt ist da. Es geht darum, das anzuerkennen, dem ein Gesicht zu geben und sich mit den Widersprüchen auseinanderzusetzen und in eine Richtung zu gehen, wo alle, die da sind, und die, die noch kommen werden, als gleichwertige Mitglieder mit gleichen Chancen wahrgenommen werden. Natürlich geht es letztlich auch darum, die Repräsentation über neue Bilder und Geschichten infrage zu stellen. Und auch darum, die Machtstrukturen durcheinanderzubringen.

Die Sozialanthropologin Mithra Akhbari (40) ist Programmverantwortliche bei «FriedensFrauen- Weltweit». Ihre Ausbildung als Mediatorin ist für die Aushandlungsprozesse bei Ines gerade äusserst hilfreich. Nächste Woche: Ugur Gültekin.

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