Nr. 32/2018 vom 09.08.2018

«Die #MeToo-Bewegung war nicht der Anfang»

Die chilenische Frauenrechtlerin Claudia Dides im Gespräch über die Erfolge der Frauenbewegung in Lateinamerika, die Rolle der katholischen Kirche und illegale Abtreibungen.

Interview: Toni Keppeler

WOZ: Claudia Dides, in Chile besetzen Studentinnen und Schülerinnen Universitäten und Schulen, um gegen Gewalt gegen Frauen zu protestieren. In Argentinien gehen Hunderttausende mit dem gleichen Anliegen auf die Strasse, und der Senat stimmt über eine deutlich liberalere Abtreibungsgesetzgebung ab. Ausgerechnet jetzt, da in beiden Ländern wieder rechte Präsidenten gewählt wurden, ist die Frauenbewegung so stark wie nie zuvor. Woran liegt das?
Claudia Dides: Das klingt in der Tat zunächst widersprüchlich. Aber es ist einfach so: Wenn die Rechte an der Regierung ist, redet die Linke über Themen, über die sie nicht redet, wenn sie selbst regiert. Da sind dann Frauenthemen im besten Fall Verhandlungsmasse, wenn es um die Durchsetzung anderer Gesetze geht, und letztlich passiert überhaupt nichts. Aber auch die Zivilgesellschaft verhält sich so. Die Linke an der Regierung wird geschont, um sie nicht in Bedrängnis zu bringen. Aber wenn es eine rechte Regierung gibt, trägt man diese Themen auf die Strasse.

Das kann doch nicht die ganze Erklärung sein.
Natürlich nicht. Es gab in allen lateinamerikanischen Ländern, in denen heute die Frauenbewegung stark ist, symbolträchtige Fälle: grausame Frauenmorde in Argentinien, in El Salvador absurde Urteile gegen Frauen, die eine Fehlgeburt erlitten hatten und wegen Mord ins Gefängnis kamen. Wir hatten im Süden von Chile eine junge Frau, die so stark misshandelt wurde, dass sie das Augenlicht verlor. Oder ein dreijähriges Mädchen, das von seinem Stiefvater vergewaltigt wurde und starb. Die Frauenbewegung hat diese Fälle öffentlich gemacht. So schrecklich sie sind, entfalten sie doch eine enorme Kraft. Da gehen dann auch Frauen auf die Strasse, die vorher nie daran gedacht haben. In Argentinien ist daraus die Bewegung Ni una menos (etwa: Nicht eine Frau weniger) entstanden, die dann in anderen Ländern aufgegriffen worden ist.

Wie?
In Chile hat sich daran zum Beispiel eine Debatte über sexuelle Nötigung und Vergewaltigungen an Universitäten und Schulen entzündet. Das hat dann zu den Besetzungen von Schulen und Universitäten geführt, ausschliesslich durch Frauen. So etwas hat es vorher nie gegeben.

Hat auch die in den USA entstandene #MeToo-Bewegung eine Rolle gespielt?
Ja, auch das war extrem wichtig: dass da internationale Stars aufstanden. Aber #MeToo war nicht der Anfang. Davor lagen dreissig Jahre Arbeit der organisierten Frauenbewegung, seit über zwanzig Jahren gibt es ein Netzwerk von Gruppen gegen Gewalt gegen Frauen. Und es gab schon vorher Ni una menos. #MeToo hat also eine bereits existierende Bewegung verbreitert. Das Thema kam dadurch in den grossen Medien und wurde überall diskutiert.

Traditionell mischt sich in Lateinamerika die katholische Kirche ein, wenn es um die Selbstbestimmungsrechte der Frauen geht. Sie hatte immer so viel politischen Einfluss, dass sie nicht nur Liberalisierungen verhindern, sondern sogar schärfere Gesetze durchsetzen konnte. In El Salvador etwa wurde auf Initiative der Kirche hin Abtreibung unter allen Umständen verboten, selbst nach der Vergewaltigung eines Kindes oder wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist. Ist der Einfluss der Kirche zurückgegangen?
Zumindest in Chile hat uns der Papstbesuch vom vergangenen Februar in die Hände gespielt. Die Missbrauchsskandale von Priestern waren vorher schon bekannt. Dass sich dann der Papst öffentlich auf die Seite der Täter gestellt hat, machte ihn unglaubwürdig. Da nützt es auch nichts, dass danach ein paar Bischöfe zurückgetreten sind. Im Anschluss wurde das Schweigen gebrochen, und die Mafia der Priester – anders kann man es nicht nennen – hat sehr viel von ihrer Macht eingebüsst.

Ein paar Erfolge der neuen Frauenbewegung gibt es schon: In Chile wurde im vergangenen Jahr das totale Abtreibungsverbot zugunsten einer Praxis aufgehoben, die Ausnahmen vorsieht, der sogenannten Indikationsregelung. In Argentinien hat das Parlament im Juni eine Fristenregelung beschlossen, die nun im Senat bestätigt werden soll. Präsident Mauricio Macri – ein bekennender Abtreibungsgegner – hat auf ein Veto verzichtet.
Der Ausgang der argentinischen Abstimmung ist nicht sicher, aber manchmal kann man selbst bei rechten Regierungen etwas erreichen. Sie versuchen, sich ein modernes Gesicht zu geben und sich von den Militärregierungen der achtziger Jahre abzusetzen. Solange ihr neoliberales Modell nicht infrage gestellt wird, sind sie zu Zugeständnissen bereit. So war in Argentinien die Abtreibungsgesetzgebung mit Macri möglich. In Chile passiert derzeit etwas Ähnliches in Bezug auf die Debatte über Geschlechtsidentität, wo Präsident Sebastián Piñera zu Zugeständnissen bereit scheint. Aber letztlich schliessen sich die rechten Präsidenten damit nur Bewusstseinsveränderungen an, die in der Gesellschaft längst passiert sind. Alles andere wäre nicht populär.

Mit der chilenischen Abtreibungsgesetzgebung aber können Sie nicht zufrieden sein.
Natürlich nicht. Im Grunde ist sie kein Fortschritt, schon von 1931 bis 1988 hatten wir die sogenannte therapeutische Abtreibung. Erst Pinochet hat als eines seiner letzten Diktaturgesetze das absolute Abtreibungsverbot dekretiert. Wir brauchten 29 Jahre, um das wieder rückgängig zu machen. Heute haben wir drei Ausnahmen, in denen Abtreibungen erlaubt sind: wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist, wenn der Fötus nicht überlebensfähig ist und nach einer Vergewaltigung. Das betrifft etwa 10 000 Frauen im Jahr. Verschiedenen Schätzungen zufolge aber lassen in Chile bis zu 60 000 Frauen im Jahr illegal abtreiben, oft unter verheerenden Bedingungen. Für diese Frauen brauchen wir eine Lösung. Derzeit aber wird erst über die Ausführungsbestimmungen des neuen Gesetzes gestritten. Eigentlich muss jedes Spital, das öffentliche Gelder bekommt, Abtreibungen nach diesem Recht durchführen. Aber siebzig Prozent der Gynäkologen – und in katholischen Spitälern alle – berufen sich auf ihr Gewissen und lehnen den Eingriff ab. Doch öffentlich finanzierte Spitäler, die gesetzliche Ansprüche beschneiden, darf es nicht geben.

Glauben Sie, dass auch in Chile in absehbarer Zeit eine Fristenregelung möglich ist?
In dieser Legislaturperiode nur, wenn ein Wunder geschieht, und daran glaube ich nicht. Die Mitte-links-Parteien haben im Parlament zwar rechnerisch eine Mehrheit. Aber es gibt zu viele Christdemokraten darunter, die schon mit der Indikationslösung grosse Probleme hatten. Wir werden das Thema in der öffentlichen Debatte halten und für die nächste Legislaturperiode vorbereitet sein.

Claudia Dides (49) ist Direktorin der Frauenorganisation Miles (Bewegung für einen legalen Schwangerschaftsabbruch) und eine der prominentesten Feministinnen Chiles.

Die erwähnte Abstimmung im argentinischen Senat hat nach Redaktionsschluss der WOZ stattgefunden.

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