Nr. 32/2018 vom 09.08.2018

Vorsicht: Gehirnwäsche

Von Franziska Meister

Coaching boomt – Menschen in Unternehmen, Behörden und Institutionen vom Bildungs- bis zum Gesundheitswesen suchen Unterstützung, um organisatorische, berufliche und persönliche Veränderungsprozesse zu bewältigen. Jetzt schlägt der Politikwissenschaftler Georg Steinmeyer Alarm: Gerade die am weitesten verbreiteten Methoden vermitteln nicht etwa wertneutrale Kultur- und Kognitionstechniken, sie sind manipulativ, unwissenschaftlich und transportieren braun-esoterisches Gedankengut. Konkret unter die Lupe genommen hat er das Neurolinguistische Programmieren (NLP), die «Positive Psychologie» sowie die Coachingmethode «The Work».

Zumindest für NLP und «Positive Psychologie» gibt es auch in der Schweiz zertifizierte Ausbildungen und Dachverbände, Letztere hat an der Uni Zürich mit Willibald Ruch sogar einen eigenen Lehrstuhl für «Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik». Ruchs Überzeugung nach lassen sich Optimismus und Glück «programmieren», indem man sich einen «guten Charakter» antrainiert. Die Fragebögen, die Ruch dazu entwickelt hat, halten wissenschaftlichen Kriterien indes nicht stand, wie Steinmeyer zeigt. Er spricht sogar von «‹postfaktischen› Messinstrumenten», hinter denen eine «Effizienz- und Optimierungsideologie» stehe. Religiös-konservative Werte stehen im Zentrum, dahinter schimmert sozialdarwinistisches Gedankengut.

Auch NLP und «The Work» behaupten, jeder Mensch könne sich mental zu Glück und Erfolg «programmieren» und sei deswegen vollkommen selbst für sein Schicksal verantwortlich. Im Kontext der drei Coachingmethoden tummeln sich entsprechend erschreckende Sprachbilder für erfolglose Menschen und Opfer von Missbrauch und Gewalt – die Rede ist mitunter von «Blutsaugern» und «Parasiten», die man «eliminieren» müsse. Steinmeyer legt überzeugend dar, dass alle drei Methoden als Gehirnwäsche zu bezeichnen sind – denn eliminiert wird beim Coaching vor allem das kritische Denken.

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