Nr. 33/2018 vom 16.08.2018

«Hier entziehen wir ihnen jede Hoffnung»

Fana Asefaw, leitende Kinder- und Jugendpsychiaterin in der Clienia-Klinik Winterthur, behandelt viele Geflüchtete aus Eritrea. Seit diesem Frühjahr werden es immer mehr.

Interview: Benjamin von Wyl

Fana Asefaw

WOZ: Frau Asefaw, kann man das überhaupt so fragen: Steht hinter einem Suizidversuch wie dem von Jonathan Tilahun (vgl. «Der Siebzehnjährige sah keinen Ausweg mehr») tatsächlich immer ein Sterbewunsch?
Fana Asefaw: Mir berichten Eritreerinnen und Eritreer in der Therapiestunde überwiegend, dass Suizid für sie aus Glaubensgründen ein Tabu ist. Aktuell nehmen die Suizidversuche bei hier lebenden Menschen aus Eritrea zu, weil der Druck und die Angst vor der Ausschaffung grösser werden. Die Botschaft ist: «Ich will nicht in Angst und Unsicherheit leben. Ich bin verzweifelt.»

Sie verzweifeln also an der reichen Schweiz – nach einer Flucht durch die Wüste und über das Mittelmeer?
Die meisten, die in letzter Zeit zu mir in die Stunde kommen, haben eine postmigratorisch bedingte Stresssituation. Ihr Problem mag in der Heimat oder auf der Flucht entstanden sein: In der Schweiz wird es verstärkt. Sosehr sie auch auf der Flucht an ihre Grenzen kamen, weil sie Opfer oder Zeuge von physischer, psychischer und sexueller Gewalt wurden – damals dachten sie wohl nicht eine Sekunde an Suizid.

Und in der Schweiz?
Hier befördert das für sie undurchsichtige System eine Negativspirale und ruft psychosomatische Symptome hervor. Es gibt viele abgewiesene asylsuchende Frauen und Männer, die gesund bleiben. Andere hingegen entwickeln Depressionen, Schlafstörungen – oder eben auch Suizidalität. Wenn mir solche Menschen vorgestellt werden, bemühe ich mich, sie mit einer therapeutischen Intervention zu stabilisieren und eine Dublin-Ausschaffung durch meinen Bericht bis zu ihrer Genesung zumindest zu verzögern. Es ist eine ermüdende Sisyphusarbeit, bei der ich mich oft instrumentalisiert fühle.

Und von wem fühlen Sie sich instrumentalisiert?
Von der Politik, die junge, gesunde Menschen in diese schreckliche Lage bringt. Ich handle aus therapeutischer Überzeugung für das Wohl meiner Patienten. Als Therapeutin kann ich bloss stabilisieren. An ihrer generellen Situation kann ich nicht immer etwas ändern.

Mit wie vielen solchen Fällen sind Sie konfrontiert?
Mir werden viele eritreische Patienten vom Asylwesen, von Kliniken, Ärztinnen oder Ärzten überwiesen. Jede Woche betreue ich in der Trauma- und Migrationssprechstunde vier, fünf Menschen aus Eritrea: Kinder, Jugendliche, junge Männer und Frauen – oder ganze Familien, die schwere psychische Symptome entwickeln, weil ihnen die Ausschaffung bevorsteht. Momentan füllen eritreische Landsleute meine Sprechstunde, die Warteliste ist lang.

Früher wurden Sie von weniger Eritreerinnen und Eritreern aufgesucht?
Nein, aber es ging damals noch um andere Themen, meist um die Schulsituation von Kindern. Diese neuen Fälle häufen sich erst seit etwa vier Monaten. Anfang Mai etwa hatte ich zum ersten Mal eine Patientin, die bereits einmal ausgeschafft worden war. Die Polizei brachte sie nach Italien, danach schlug sie sich mit anderen Geflüchteten nach Frankreich durch. Dort wurde sie vergewaltigt, festgehalten und zur Prostitution gezwungen. Verwandte aus der Schweiz holten sie zurück. Hier kam sie, bevor sie mir zugewiesen wurde, erst in eine psychiatrische Klinik, weil sie ein ausgesprochen eigen- und fremdgefährdendes Verhalten zeigte.

Tragisch ist, dass diese Patientin gar keine psychiatrische Intervention benötigt hätte – sondern einen sicheren Ort, an dem sie hätte bleiben und sich willkommen fühlen dürfen. Das formulieren mir gegenüber auch andere Geflüchtete so. Kaum waren sie wieder hier, wollte man sie erneut nach Italien ausschaffen. Auch wenn das eine Anwältin und ich vorerst abwenden können: Die Patientin erzählt mir von Albträumen, in denen sie nachts von der Polizei abgeholt wird.

Machen Sie die Urteile des Bundesverwaltungsgerichts mitverantwortlich für die Zunahme solcher Fälle? Seit die Rückkehr nach Eritrea für zumutbar befunden wird, erhalten hierzulande mehr und mehr Geflüchtete aus Eritrea keine Aufenthaltsbewilligung.
Die mündliche Weitergabe der medial verbreiteten Gerüchte über die neue Ausschaffungspraxis in der eritreischen Diaspora schürt viele Ängste – bei allen, die noch im Verfahren sind oder bereits in der Nothilfe leben. Wenn jemand einen Brief vom Amt erhält, verspürt er direkt Panik: Was steht da? Was ist damit? Viele öffnen die Briefe nicht selbst, sondern bringen sie in die Therapiestunde mit. Es ist mir klar, dass das Staatssekretariat für Migration keine Menschen in den Tod führen will. Fakt aber ist, dass abgewiesene Geflüchtete nicht verstehen, warum sie hier jahrelang ohne Integrationsperspektive dahinvegetieren mussten.

Wie müsste ein Asylsystem aussehen, das nicht psychisch krank macht?
Die Menschen haben extrem viel auf sich genommen, um hierherzukommen. Hier angekommen, sind sie zum Warten verdammt. Könnten sie eine Ausbildung machen oder gäbe man ihnen wenigstens eine Aufgabe – auch eine extrem herausfordernde –, könnten sie aufblühen.

In der Schweiz – am Ziel der Flucht – fällt also auch die Hoffnung auf ein besseres Leben weg?
Genau. Hier entziehen wir ihnen jede Hoffnung. Hoffnung ist Überlebensenergie. Vorher waren sie so ressourcenreich: Sie haben gehungert, offene Wunden gehabt, sie haben gedurstet und befanden sich unmittelbar an der Überlebensgrenze, in der unmittelbaren Nähe des Todes. In diesem Überlebenskampf hat sie Hoffnung am Leben gehalten. Hier aber haben sie selber keine Möglichkeit mehr, etwas an ihrer Situation zu ändern. Das ist das System – und dieses System ist nicht auf Beziehung ausgerichtet. Viele Geflüchtete zerbrechen daran.

Mehr Beziehung könnte einiges auffangen – aber eine einzige Beiständin hat bis zu hundert Klientinnen und Klienten. Stellen Sie sich das vor! Eine solche Beiständin erzählte mir kürzlich, sie habe zwanzig Minuten pro Person – so ist sie bloss noch eine Sachbearbeiterin. Das hilft den Menschen nicht. Es bräuchte vielmehr Integrationshelferinnen, die auf menschlicher Ebene reagieren können und wollen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch