Nr. 33/2018 vom 16.08.2018

Was bedeutet Identität für Sie?

Der Rapper und Moderator Ugur Gültekin ist Vorstandsmitglied des Instituts Neue Schweiz. Ein Gespräch über Rassismus beim SRF, Schweizer Rap und Vorbilder für die jüngere Generation.

Von Anna Jikhareva und Ursula Häne (Foto)

Ugur Gültekin: «Ich bin mit Schweizern, Albanern, Tamilen und Tibetern aufgewachsen. Wir haben unsere Identität in anderen Sachen gefunden: Hip-Hop zum Beispiel.»

WOZ: Ugur Gültekin, auf Facebook warfen Sie dem SRF Rassismus vor. Worum ging es da?
Ugur Gültekin: Im Oktober 2017 kam eine Produktionsfirma auf der Suche nach Moderatoren für eine neue SRF-Sendung auf mich zu. Mir gefiel die Grundidee, ich schickte ihnen mein Portfolio. Rund zehn Tage später kam die Antwort, die ich jetzt auf Facebook gepostet habe: «Es gab ein bisschen die Reaktion ‹aber der ist doch Türke, das können wir auf dem Land vergessen, bei all den SVP-Wählern›.»

Wie hat das SRF auf Ihre Kritik reagiert?
Sie meinen, so etwas passiere bei ihnen nicht, sie hätten das sicher nicht so gesagt. Das ist auch die Position der Produktionsfirma. Das veröffentlichte Zitat sei lediglich die Interpretation eines Mitarbeiters. Es ist symptomatisch: Rassismus wird als Einzelfall, als Missverständnis, als Unfall abgetan. Niemand will verantwortlich sein.

Und wie waren sonst die Reaktionen?
Diejenigen, die selbst betroffen sind, solidarisieren sich. Dann gibt es abweisende bis hasserfüllte Reaktionen. Jeder, der sagt, es gebe in der Schweiz keinen Rassismus, soll mal die Kommentare unter meinem «Blick»-Interview lesen. Kurios ist, dass manche völlig überrascht und schockiert sind. Offenbar leben sie in einem ganz anderen Land als ich, in einer Schweiz ohne Ausgrenzung.

Interessant ist doch, dass viele Leute versuchen, einen in Schubladen zu stecken.
Viele suchen in der Komplexität der Welt nach einfachen Antworten, vermeintlich einfachen Identitäten, Ordnung in dem ganzen Chaos. Weil es an Perspektiven fehlt, besinnt man sich auf das, was man hat. Und weil das nicht besonders viel ist, werden Identität und Nation wichtig. Ich beispielsweise fühle mich jedoch viel verbundener mit Leuten, die ähnliche Sachen gesehen haben wie ich, ähnlich sozialisiert wurden. Ich bin mit Schweizern, Albanern, Tamilen und Tibetern aufgewachsen. Wir haben unsere Identität in anderen Sachen gefunden: Hip-Hop zum Beispiel.

In welcher Beziehung stehen Hip-Hop und Migration zueinander?
Sie sind unzertrennlich für immer und ewig miteinander verknüpft. Die ersten Rapper in den USA waren unter anderem auch Kids aus Jamaika oder Puerto Rico. Ähnlich war es auch in Europa: In Deutschland war die Rapgeschichte zu Beginn voll von Migranten, dann kam der Mainstream und stellte Hip-Hop als Spasskultur dar, um ihn im grossen Stil an die Mittelschicht verkaufen zu können.

Und in der Schweiz?
Die Schweizer Rapgeschichte ist der deutschen sehr ähnlich – wenn auch fünf bis zehn Jahre hintendrein. Mitte der achtziger Jahre waren es vor allem migrantische Kids, die gebreakt und gesprayt haben. Ende der neunziger bis in die späten nuller Jahre war die Szene dann sehr mittelständisch und schweizerisch geprägt. Inzwischen gehören Menschen mit albanischen, afrikanischen oder karibischen Eltern zu den Aushängeschildern.

Täuscht der Eindruck, dass Rap heute nicht mehr so politisch ist?
Nein, das ist tatsächlich so. Aber dafür gibt es einige Leute, die so politisch sind wie niemand zuvor: S.O.S. aus Bern sind beispielsweise inhaltlich wie formal sehr politisch.

Wie verbinden sich denn da Form und Inhalt?
Die Bündner Band Sektion Kuchikäschtli hat sich oft politisch geäussert, aber als Schweizer Mittelschichtscrew war das für sie auch nie schwierig. S.O.S. hingegen nehmen sich das Mikrofon einfach, sie haben da nie um Erlaubnis gebeten. Das macht formal einen grossen Unterschied. Darum ist ihr Rapper Nativ auch so ein gutes Beispiel. Bei vielen, die ihn sehen, laufen vorurteilsbehaftete Filme im Kopf ab: ein 1,95 Meter grosser Westafrikaner mit Dreadlocks. Und dann fängt er in breitestem Schwiizertüütsch an zu rappen.

Welche Rolle kann Popkultur bei der Vermittlung von Politik spielen?
Sie kann als Türöffner dienen. Und Vorbilder hervorbringen. Das ist dann die Hypermischidentität: Du lebst als Kurde in der Schweiz, und deine Vorbilder sind irgendwelche Jungs aus New York, die dir das Gefühl geben, dazuzugehören. Ich selbst wollte irgendwann so sein wie die weissen Mittelstandsrapper. Es hatte viel mit Assimilation zu tun. Deshalb hiess meine eigene Crew auch X-Chaibä, und deshalb habe ich auch Unihockey gespielt.

Sie sind im Vorstand des Instituts Neue Schweiz. Will Ines auch Vorbild für die jüngere Generation sein?
Viele Jugendliche haben ähnliche Erfahrungen gemacht, können diese aber noch nicht benennen. Ich habe Ines in den letzten Monaten unzähligen jungen Menschen vorgestellt. Meistens sind sie begeistert. Interessanterweise sind diese Kids im Umgang mit ihren Misch- und Mehrfachidentitäten schon dort, wo Ines die Schweiz hinführen will. Die junge Generation liefert die Selbstverständlichkeit und die Lockerheit, Ines hat die Expertise, die Erfahrung und die Infrastruktur.

Ugur Gültekin (34) ist Rapper und ehemaliger Moderator beim Jugendsender Joiz. Am 22. September führt er am Ines-Forum im Berner Progr zusammen mit der Slampoetin Fatima Moumouni durch die Late-Night-Show.

Nächste Woche: Inés Mateos.

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