Nr. 33/2018 vom 16.08.2018

Mehr Wissen statt Brandstiftung

Die Gewalttaten an Frauen in Genf zeigen erneut: Die Gesellschaft investiert zu wenig in Gewaltforschung und -prävention.

Von Franziska Schutzbach

Am 8. August frühmorgens haben vor einem Nachtlokal in Genf mehrere Männer fünf Frauen brutal verprügelt. Eine Frau lag bei Redaktionsschluss immer noch im Koma. Die meisten der mutmasslichen Täter sind inzwischen identifiziert. In mehreren Schweizer Städten haben sich Menschen unter dem Motto #Allefüreine mit den Opfern solidarisiert und dazu aufgerufen, endlich das Thema «Gewalt an Frauen» ernst zu nehmen und die Ressourcen bereitzustellen, die einen adäquaten Umgang mit dem Thema ermöglichen würden.

Sogleich mischten sich Stimmen ein, die aus solchen Gewalttaten politisches Kapital zu schlagen versuchen: Nichts war gewiss, aber schon lauerte man drauf, aus den Vorfällen in Genf ein kleines Schweizer Köln zu machen. Man konnte kaum erwarten zu sagen, Gewalt sei ein Problem «ausländischer Männer», verfehlter Einwanderungspolitik. Der «Blick» spurte schon mal vor und setzte den erlaubten Rahmen des Sagbaren: Zitiert wurde SVP-Politikerin Céline Amaudruz: «Männer aus diesen Kulturen sind exzessiv gewalttätig.» Wir kennen das: Wenn es «die Ausländer» sind, ist Gewalt für RechtspopulistInnen plötzlich ein Thema – während die gleichen Leute Gleichstellungsinstitutionen, Frauenhäuser und Forschung zu Gewalt abschaffen.

Müssen Medien dieses populistische Muster bedienen? Ich plädiere für Verantwortung. Nicht nur im «Genfer Fall». Bevor also die Brandstifterberichterstattung losgeht: Man trägt eine Verantwortung dafür, wen man zu Wort kommen lässt, welche ExpertInnen – und welche nicht. Medienschaffende tragen eine Verantwortung für Framings, für Schwerpunktsetzung, dafür, ob die Verhandlung eines Themas (ungewollte) Konsequenzen nach sich zieht.

Wer sich minimal mit den Ausmassen, Gründen und Kontexten von Gewalt an Frauen befasst, weiss, dass diese quer durch Milieus, Religionen und «Kulturen» verläuft. Die Forschung ist hier eindeutig und widerlegt die Vorstellung vom «bösen Ausländer»: Gewalt kann mit kulturellen Hintergründen wie Religion, mit bestimmten Frauenbildern zu tun haben, steht aber immer auch im Zusammenhang mit Faktoren wie Geschlecht, Alter, sozialer Schicht, Ausgrenzung oder Gewalterfahrung. Es müssen viele Dinge zusammenkommen, damit Menschen Gewalt ausüben.

Selbstverständlich sollten wir den relativ hohen Anteil von Zuwanderern bei den Gewaltdelikten einordnen. Dabei muss zunächst berücksichtigt werden, dass eine Kriminalstatistik nur Taten erfasst, die angezeigt wurden. Weiter müssen wir berücksichtigen, dass «Ausländer» eher angezeigt werden (Erhebungen dazu wären hierzulande dringend nötig). Ferner gilt auch bei Kriminalstatistiken, dass ein Fokus auf das «Ausländermerkmal» andere entscheidende Struktureffekte von Gewalt wie den sozioökonomischen Status und die Erfahrung von Marginalisierung unterschlägt.

Marginalisierung und Prekarität sind keine Entschuldigung für Gewalt, aber ein entscheidender Faktor, der uns in Bezug auf Gewaltprävention, Analysen und Opferschutz klar sein muss. Ebenso klar sollte sein, dass Gewalt sehr oft von privilegierten Männern ausgeht, wie die Causa um den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein und viele ähnliche Fälle zeigen. Sie werden aber seltener angezeigt; auch wählen sie häufig Formen, die weniger sichtbar sind.

Wer mit ExpertInnen spricht, hört durchs Band, dass in der Schweiz nicht nur zu wenig Ressourcen für Gewaltbekämpfung und Opferschutz bereitgestellt werden, sondern dass es auch zu fast allen Gewaltaspekten zu wenig Forschung und Erhebungen gibt. Eine Gesellschaft kann jedoch keine wirksamen Gewaltdebatten führen, wenn sie sich weigert, in die seriöse Erforschung von Gewalt und eine ebenso seriöse Berichterstattung zu investieren.

Franziska Schutzbach (40) ist Geschlechterforscherin und Soziologin.

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