Nr. 34/2018 vom 23.08.2018

Königinnen unter sich

Mit dem Tod der Queen of Soul geht eine Epoche zu Ende: die Erzählung von Pop als Soundtrack zur Befreiung. Aber Aretha Franklin war auch eine Königin der Ekstase.

Von Klaus Walter

R-E-S-P-E-C-T: Aretha Franklin bei ihrem Auftritt im Kennedy Center, 2015. Foto: Jeffrey Staab, Getty

David Bowie, Prince, Leonard Cohen, George Michael. Epochale Popkünstler, Typen, die uns durchs Leben halfen, alle gestorben 2016. Das Jahr, in dem Trump gewählt wurde. Erst jetzt, zwei Jahre später, wird klar, dass die vier Männer Feiglinge waren, sie sind gegangen, weil sie düstere Ahnungen hatten von dem, was da kommen könnte. Mit dem Tod von Aretha Franklin geht nun aber tatsächlich etwas zu Ende, sagen wir – minimal übertrieben –, die Soul-Moderne.

Während Bowie, Prince, Cohen und Michael bereits Protagonisten der Pop-Postmoderne waren, ist mit der Frau, die alle nur beim Vornamen nennen – eine Unsitte mit rassistischem Hintergrund; SklavInnen hatten keinen Nachnamen –, die letzte Symbolfigur einer linearen, analogen Erzählung von uns gegangen: die Erzählung von Pop als Motor der Veränderung zum Besseren, als Soundtrack zu Befreiung und Emanzipation. Eine fünfzig Jahre umspannende Geschichte, die man von ihrem Ende her erzählen kann.

Ein orgiastischer Moment

2015, Kennedy Center, Washington, D. C., eine Gala zu Ehren der grossen Singer-Songwriterin Carole King. Die Schauspielerin Chilina Kennedy schlüpft in die Rolle Kings und lässt sie vom letzten Song erzählen, den sie mit ihrem Partner Gerry Goffin schrieb: «Ich habe ihn später selbst aufgenommen, allerdings anders als die Frau, für die ich ihn komponiert hatte. Warum? Nun, es gibt nur eine Aretha Franklin.» Auftritt Queen of Soul, majestätisch mit Pelzrobe über dem tief ausgeschnittenen, strassbesetzten Kleid. Schnitt auf die echte Carole King in der Loge, sie wirft Franklin Kusshände zu.

Die Königin küsst zurück und nimmt am Klavier Platz, die ersten Akkorde, «Looking out on the morning rain», King verliert die Fassung, «I used to feel so uninspired», Schnitt, ein attraktives afroamerikanisches Paar wiegt sich im Rhythmus, er wischt sich eine Träne aus dem linken Auge, es ist das letzte Jahr von Obamas Präsidentschaft. Aretha Franklin erreicht den Refrain, «You make me feel», Schnitt zu Carole King, die laut mitsingt, Tränen in den Augen, «like a natural woman».

«Wahrscheinlich der grösste Song über weibliche Sexualität, der jemals aufgenommen wurde», schrieb der weisse Kritiker Dave Marsh, getrieben von den eigenen Projektionen, klar, aber wer wollte ihm darüber böse sein? Der nächste Refrain, Carole King rastet aus, die Obamas stimmen ein, die Königin greift das Mikrofon, steht auf und geht ein paar Schritte zum Bühnenrand, «You make me feel like a natural woman», die 73 Jahre alte Frau greift sich an die Schulter und lässt den Pelz zu Boden gleiten, der Saal tobt, Standing Ovations, die Königin gibt eine Einlage im ärmellosen Kleid (ärmellose Kleider wusste auch die First Lady Michelle zu tragen, und es gab Ärger).

Der grösste Song über weibliche Sexualität, der jemals aufgenommen wurde, in dem die Sängerin ihren ersten Orgasmus feiert – so will es zumindest Marsh sehen –, endet mit einem wiederholten, ekstatischen «A woman! A woman! A woman!» Ein orgiastischer Moment, aber eben auch ein kleiner Tod. Die schwarze Baptistentochter singt das Lied einer weissen Jüdin aus Manhattan, die 1942 zur Welt kam, wie Aretha Franklin.

Das Lied von der sexuellen Erweckung wird zum Hit in einer Zeit, als Juden und Afroamerikanerinnen gemeinsam in der Bürgerrechtsbewegung und Frauen um ihre Befreiung kämpfen. Aretha Franklin wird zur Queen of Soul mit einem Lied von der King, Königinnen unter sich. Wie sie den Pelz abwirft und dasteht mit den nackten Armen und ihrem mächtigen Körper, ist das auch eine Zurückeroberung ihrer Sexualität wider Ageism und Lookism.

Franklin habe Songs anderer Leute nicht gecovert, sondern sie erobert, stand in einem Nachruf. 1967 erobert sie Kings «Natural Woman» und einen Song von Otis Redding. Das Lied eines gekränkten Mannes, der von seiner Frau, die ihn betrügt, etwas mehr Respekt verlangt, ein kleiner Hit 1965. Zwei Jahre nach Redding macht sich Aretha Franklin das Lied zu eigen und gibt ihm neuen Sinn. Sie fordert Respekt von ihrem Mann, und damit der auch kapiert, was sie meint, buchstabiert sie ihre Forderung: «R-E-S-P-E-C-T, find out what it means to me!»

Kaution für Angela Davis

Die Idee mit dem Buchstabieren erweist sich als genial. Das R-E-S-P-E-C-T verleiht dem Wunsch, respektiert zu werden, Nachdruck und ist seither als Hymne der Bürgerrechts- wie der Frauenbewegung im kollektiven Gedächtnis verankert.

Franklin habe uns beigebracht, was Respekt bedeutet, sagt Barack Obama in mehr als einer Rede: «Thank you, Aretha.» Das war auch die Überschrift eines Zeitungsartikels von 1970, der berichtet, dass Aretha Franklin bereit sei, die Kaution für die afroamerikanische Aktivistin Angela Davis zu übernehmen, egal ob 100 000 oder 250 000 Dollar. «Ich tue das nicht, weil ich Kommunistin bin», erklärt Aretha Franklin, «sondern weil sie eine Schwarze Frau ist und für die Freiheit Schwarzer Menschen kämpft.» Am 16. August ist Queen Aretha gestorben, sie wurde 76 Jahre alt.

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