Nr. 34/2018 vom 23.08.2018

Eine Prise Optimismus, angelsächsische Art

In den USA hat das Magazin «Jacobin» den Sozialismus wieder cool gemacht. Doch funktioniert das auch in Deutschland? «Ada» versuchts.

Von David Hunziker

«Ada», der neu gegründete deutsche Ableger des US-Magazins «Jacobin», will die linke Utopie beim Wort nehmen. Gegenüber der Zeitung «Freitag» sagte Co-Chefredaktorin Sarah Nagel über die Ziele des reinen Onlinemagazins: «‹Jacobin› möchte Sozialismus in unserer Lebenszeit erreichen, das teilen wir.» In diese Richtung geht auch sein Name. «Ada» bedeutet Insel auf Türkisch. Das Bild steht für einen Ort des Aufbruchs, aber auch für eine Wohlstandsblase wie Deutschland, über die hinaus das Magazin in seiner Berichterstattung blicken will. Und für die Selbstgefälligkeit der Linken.

In den USA ist «Jacobin» eine Erfolgsgeschichte. 2010 von Bhaskar Sunkara in New York gegründet, begann die gedruckte Auflage vor etwa drei Jahren drastisch anzusteigen und erreicht heute 40 000 Exemplare. Online erzielt das Magazin sogar über eine Million Klicks pro Monat. Mittlerweile will «Jacobin» nicht weniger sein als die führende Stimme der Linken in den USA. Nun wagt es also die Expansion nach Europa. «Ada» ist als unabhängiger, gemeinnütziger Verein organisiert, arbeitet jedoch eng mit der Redaktion in New York zusammen und übersetzt «Jacobin»-Texte auf Deutsch. Nach einem ähnlichen Modell soll demnächst auch ein Ableger in Italien online gehen, in anderen europäischen Ländern sind weitere geplant. Doch kann das funktionieren?

Bisher ehrenamtlich

Der Erfolg von «Jacobin» hat auch mit dem ausgetrockneten linken Diskurs in den USA zu tun. Ein chic gestaltetes, clever geschriebenes Magazin, das selbstbewusst eine sozialistische Gesellschaft fordert – für amerikanische LeserInnen war das eine Sensation. In Deutschland gibt es jedoch bereits zahlreiche linke Publikationen. Während es dort subversiv sein mag, sich auf den Klassenkampf zurückzubesinnen, haut das hier niemanden mehr vom Hocker. «Ada» will sich dementsprechend weniger durch die politische Haltung von anderen Publikationen abheben als durch die Form.

«Wir wollen ansprechend sein auch für Leute, die nicht in der Linken sozialisiert wurden und deren Jargon nicht kennen», sagt Loren Balhorn, der die Redaktion mit Sarah Nagel leitet. «Das heisst nicht, dass wir unsere politischen Haltungen verstecken, doch wir wollen sie in einer frischeren Sprache ausdrücken.» Balhorn gehört zur erweiterten Redaktion des «Jacobin» und berichtet als Korrespondent aus Berlin. Er habe sich schon länger mit Gründer Sunkara über einen deutschen Ableger unterhalten. Letztes Jahr fand sich schliesslich eine Handvoll SchreiberInnen zusammen, die bisher ehrenamtlich für das Magazin arbeiten.

Liest man sich durch die bisher aufgeschalteten Texte, fällt zunächst das generische Femininum auf, also die weibliche Form stellvertretend für alle Geschlechter. Aber auch, dass «Ada» keineswegs von hergebrachtem klassenkämpferischem Vokabular zurückschreckt – es heisst dann einfach «Arbeiterinnenklasse». Zu Recht merkt Balhorn an, dass eine aktuelle linke Sprache nicht schon damit erreicht sei, dass alte Begriffe einfach weggelassen werden. Doch einzelne Begriffe hin oder her, irgendwie will der ansteckende Drive der «Jacobin»-Texte bei «Ada» noch nicht so recht wirken. Hat das vielleicht gar mit der deutschen Sprache zu tun?

Tatsächlich sei es oft schwierig, den ironisierenden Ton der «Jacobin»-AutorInnen ins Deutsche zu übertragen, sagt Balhorn. Als Beispiel nennt er einen Artikel, in dem die Autorin gegen einen Feminismus polemisiert, der vor allem Frauen in Machtpositionen zugutekommt. «Bei der Übersetzung ging der Humor des Textes völlig verloren – es klang plötzlich so, als würde die Autorin argumentieren, Gleichberechtigung sei erst im Sozialismus möglich. Also mussten wir einige ironisch zugespitzte Formulierungen umschreiben.»

Typisch links-deutsch: Grabenkämpfe

Abgesehen von der unterschiedlichen Tonalität der beiden Sprachen erklärt Balhorn sich die Übersetzungsprobleme auch mit Unterschieden im linken Diskurs. «In der deutschen Linken sind wir eher so sozialisiert, den Fehler zu suchen und in Grabenkämpfe zu verfallen.» Dem versucht «Ada» ein bisschen angelsächsischen Optimismus entgegenzustellen: «Probleme sind nur dornige Chancen», heisst es in der Selbstbeschreibung des Magazins.

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