Nr. 34/2018 vom 23.08.2018

Schmetterlingsleichte Gefühlsfarben

Von Ulrike Baureithel

Teichgrün, Salamirot, Puddinggelb, Flaggenblau oder Grauseiden: Was Farben betrifft, ist der Fantasiereichtum von Anne Reinecke unerschöpflich. Jedes der kurzen Kapitel steht unter einem Farbmotto, das auf den engeren Inhalt wie auch auf das Sujet insgesamt verweist. Denn im Debüt der in Berlin lebenden Autorin geht es um eine KünstlerInnenfamilie, August und Ada Stiegenhauer und ihren Sohn Karl. Letzterer kehrt nach der Selbsttötung des Vaters in die elterliche Villa am Leinsee zurück, um seine schwer kranke Mutter zu betreuen.

Für Karl, seinerseits Künstler, wird das auch zu einer Rückkehr in seine Kindheit, in die Zeit, in der das symbiotisch lebende KünstlerInnenpaar den Zehnjährigen in ein Internat abgeschoben hat. Sie schreiben ihm Briefe, besuchen ihn aber nie, um ihm eine möglichst autonome Entwicklung zu ermöglichen. Die Kälte von einst ist noch zu spüren, wenn Karl sich aus dem Fundus der Eltern in seinem ehemaligen Kinderzimmer eine Schlafhöhle baut.

Dann taucht im Garten der Stiegenhauers Tanja auf, ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft, das Karl in Bann schlägt. Es ist der Beginn einer fast wortlosen Freundschaft, die Karl zusammen mit dem Kind noch einmal erwachsen werden lässt. Er betreibt weiterhin seine Vakuumierungskunst, verpackt Gegenstände und Tiere in Plastikfolie, wie eine Parodie auf seinen eigenen abgedichteten Gemütszustand. Das Kind hilft ihm, einen Zugang zu sich selbst zu finden, aber auch zu seiner liebesunfähigen Mutter.

Neben der ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen dem Mann und dem Mädchen, die nie in den Kitsch rutscht oder gar schlüpfrig wird, lässt sich der Roman auch als Satire auf den Kunstbetrieb lesen. Reinecke erzählt ausschliesslich aus der Perspektive des Protagonisten, was manchmal an Grenzen stösst – Tanjas Absichten und Motive bleiben im Vagen, man erfährt nicht, was das Kind immer wieder in Karls Nähe zieht. Doch Anne Reineckes schmetterlingsleichte Sprache zieht in diese manchmal etwas konstruiert wirkende Geschichte, die getragen wird von den zart hingehauchten Gefühlsfarben.

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