Nr. 36/2018 vom 06.09.2018

Die Eltern auf dem Bildschirm

Bangladesch gilt als Modell für nachhaltige Entwicklung. Gleichzeitig stürzen dort Fabrikgebäude ein. Widersprüchlich wirkt das nur auf den ersten Blick. Eine kleine Familiengeschichte zwischen Stadt und Land.

Von Markus Spörndli (Text) und Suvra Kanti Das, Unframe (Fotos), Gaibandha und Dhaka

Ein «basket case» sei Bangladesch, ein hoffnungsloser Fall, so war man sich in US-Regierungskreisen 1974 einig. Drei Jahre nach dem traumatischen Unabhängigkeitskrieg und der Abspaltung von Pakistan glaubte kaum jemand, dass der flächenmässig eher kleine Staat mit extremer Bevölkerungsdichte jemals aus dem Elend herauskommen könnte. Dann stürzte die Regierung das kleinbäuerlich geprägte Land bewusst in die Unwägbarkeiten der Weltwirtschaft.

Millionen Jobs sind durch die Textil- und Bekleidungsindustrie in den Städten geschaffen worden, Millionen Bangladeschis senden aus der ganzen Welt, besonders von den Grossbaustellen der arabischen Golfregion, Geld an ihre Familien. Dabei schuften sie in ausbeuterischen Verhältnissen, müssen gar in Dhaka mit einem Fabrikbrand oder auf der nahöstlichen Baustelle mit einem tödlichen Unfall rechnen.

Heute ist Bangladesch beides: ein Land mit extremer Armut und eines mit hohem Wirtschaftswachstum. Die 166 Millionen EinwohnerInnen sind Spielball geopolitischer und weltwirtschaftlicher Entwicklungen – und von der Klimaerhitzung existenziell bedroht. Zugleich gibt es eine starke Tradition von Selbstermächtigung und Emanzipation. Unter dem Strich schneidet Bangladesch jedenfalls bei vielen Entwicklungsindikatoren deutlich besser ab als das Nachbarland Indien, das ein doppelt so hohes Volkseinkommen aufweist: weniger extreme Armut, weniger Kindersterblichkeit, höhere Lebenserwartung, bessere Schulbildung und höhere Alphabetisierungsrate (und dies auch bei Mädchen und Frauen), kaum noch Bevölkerungswachstum. Mittlerweile gilt Bangladesch in Fachkreisen als Modellfall einer smarten Entwicklungspolitik. Aber warum eigentlich? Und wie passt das mit der Lage der ArbeiterInnen in der Fertigungsindustrie zusammen?

Das sind grosse Fragen. Vielleicht finden sich ein paar Antworten in einer typischen Familiengeschichte.

Die Vertreibung aus dem Dorf

Von den 64 Distrikten Bangladeschs ist Gaibandha der ärmste. Im Nordwesten gelegen, wird er im Osten und Westen praktisch von Indien eingefasst. Bhutan und das Himalajagebirge im Norden sind ähnlich weit weg wie die Hauptstadt Dhaka im Süden. Am Rand der Distrikthauptstadt fliesst träge, aber auf einer unglaublichen Breite der Jamuna vorbei – der grösste Flusslauf Asiens. Die rund zweieinhalb Millionen EinwohnerInnen leben auf einer Fläche, die etwas grösser ist als der Kanton St. Gallen.

Von der Distrikthauptstadt aus führen verwinkelte Wege ins Dorf der Familie. Es ist Morgen, die Strassen sind voller Menschen und Tiere. Ziegen, Hühner, Kühe. Kinder in blau-weissen Schuluniformen. Frauen im traditionellen bunten Sari – vereinzelt im weniger traditionellen schwarzen Nikab. Männer in sorgsam gebügelten Hemden, auf Velos, Motorrädern und Rikschas.

Nach jeder Abzweigung wird die Strasse enger. Am Rand Bananensträucher, Mangobäume und Fischteiche, auf denen Enten schwimmen. Brachliegende Reisfelder, auf denen Kühe weiden, jede in ihrem durch Pflock und Seil bestimmten Perimeter. Dann noch eine letzte Abzweigung, ein schmaler Weg mit Naturbelag, eine zunehmende Dichte an Häuschen mit Wänden und Dächern aus Wellblech: das Dorf Purbo Fulbari.

Hier steht das Haus von Enamul Haque und Moyna Begum. Zwei Zimmer mit je einem fast raumfüllenden Bett aus massivem Holz. Moyna (in Bangladesch ist der erste Name der Hauptname) bereitet im kleinen Hof schon Reis und Gemüse fürs Mittagessen vor. Ein kleines Mädchen rennt umher.

Enamul, 53, und Moyna, 43, sind, was hier «landlose BäuerInnen» genannt wird. Sie besitzen nichts ausser ihrem Häuschen, nutzen aber zwei Hektaren fremden Lands für den Reisanbau (die Hälfte der Ernte bekommt der Landeigentümer). Enamul arbeitet als Vorarbeiter für einen Fischzüchter und ein paar Monate pro Jahr in einem Bewässerungsprojekt. Moyna hatte eine Kuh, deren Milch sie verkaufte. Doch kürzlich liess Moyna das Tier vom Metzger abholen, es war krank geworden. Später im Jahr will sie eine neue Kuh kaufen. Mit den Jobs und der Kuh kommen die beiden in einem durchschnittlichen Monat auf ein Einkommen von umgerechnet 95 Franken. Sie haben damit einen ähnlichen Lebensstandard wie die anderen 270 Familien im Dorf – auch solche, die Land oder ein kleines Geschäft besitzen.

Vor dreizehn Jahren war das noch ganz anders. Enamul konnte damals nur als einfacher Tagelöhner bei einem Reisbauern arbeiten, Moyna half in der Verwandtschaft aus und erhielt dafür etwas Reis und andere Naturalien. «Wir waren richtig arm», sagt Enamul. «Wir hatten nicht einmal genug zu essen für unsere Kinder.»

Damals war die Tochter drei Jahre alt, der Sohn elf. Ein Bruder von Moyna arbeitete in einer Bekleidungsfabrik am Rand Dhakas. Moyna und Enamul entschieden sich, den Sohn zu ihm zu schicken, damit er dort das Handwerk erlernen und möglichst bald Geld nach Purbo Fulbari schicken kann.

Wie ist das, sein Kind aus der Schule zu nehmen und 250 Kilometer weit weg in die Megastadt in eine Fabrik zu schicken? Die Eltern schweigen. Moyna steht auf und kocht weiter. Schliesslich fragt Enamul zurück: «Was hätten wir sonst tun sollen?»

Mamun Mondol, der Sohn, war der Erste im Dorf, der in der Fertigungsindustrie anheuerte. Nach vier Jahren informellem Training, das in Hilfstätigkeiten wie dem Abschneiden von Fäden bestand, erhielt er einen Job an der Nähmaschine. Seither schickt er Geld an seine Eltern. Besonders in den ersten Jahren gelangten auch andere Familien des Dorfes an ihn, damit er deren Kindern einen Job besorgt. So gibt es im Dorf etwa ein Dutzend Familien, von denen ein Sohn oder eine Tochter in einer Fabrik im Raum Dhaka arbeitet. Fast alle haben selbst Kinder, sehen sie aber nur selten, weil sie bei den Grosseltern auf dem Dorf aufwachsen. Meist arbeiten beide Elternteile zehn Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche.

Deshalb ist auch Mahmuda, die Tochter von Mamun, in Purbo Fulbari. Wie die meisten Kleinkinder ist sie kurzgeschoren – wegen der feuchten Hitze und weil so die Haare besser wachsen sollen. Wenn sie ihre Eltern vermisst, bekommt sie Fotos von ihnen auf dem Mobiltelefon zu sehen. Ein- oder zweimal pro Jahr kann sie ihre Eltern auch umarmen: Meist kommen sie zu Eid al-Fitr, dem Fest nach dem Fastenmonat Ramadan, zurück ins Dorf. Manchmal bringt der Grossvater oder die Grossmutter Mahmuda nach Dhaka.

Moyna war in ihrem ganzen Leben erst einmal in Dhaka: im vergangenen Jahr mit der Enkelin, über drei Wochen lang. Wie wars? «Es ist ein Gefängnis», sagt sie augenblicklich und macht eine abschmetternde Handbewegung. Nach einer kurzen Pause präzisiert sie: «Da, wo sie wohnen, ist es wie in einem Gefängnis.»

Gefangen in der Stadt

Es gibt schönere Städte auf der Welt als Dhaka. Aber nur wenige sind grösser, und kaum eine ist dichter bevölkert. Und das ohne ein öffentliches Transportsystem. Wenn man also zum Beispiel im Vorort Ashulia arbeitet, dann wohnt man besser auch da, denn sonst steht man, eingepfercht in einem der vielen privaten Busse, andauernd im Stau.

Mamun Mondol, der Sohn von Moyna und Enamul, wohnt seit dreizehn Jahren in Ashulia, seit seinem elften Lebensjahr. Dort, im Nordwesten Dhakas, befindet sich eines der wichtigsten Industriezentren Bangladeschs. Dominiert wird die Gegend von weiträumig ummauerten Fabrikgebäuden – grosse, hohe Komplexe und kleinere Bauwerke. Dazwischen wohnen die ArbeiterInnen.

Mamun und seine Frau Rafika Begum leben einfach, aber nicht gerade wie im Gefängnis. Sie haben sich in einer ebenerdigen Ansammlung von Häuschen eingemietet. Die Einzimmerwohnung, die ähnlich aussieht wie eines der beiden Zimmer des Elternhauses, wird von einem mit beeindruckendem Kopfteil bestückten Bett aus massivem Holz praktisch ausgefüllt. Gekocht wird direkt vor der Wohnung im Hof, den sich mehrere Familien teilen. Jeden Morgen, ausser freitags, gehen Rafika und Mamun zusammen aus der Wohnung, entlang des von kleinen Geschäften gesäumten Strässchens, das bald enger wird, weil beiderseits Fabrikgelände liegen. Nach zehn Minuten kommen sie zur Arbeitsstätte von Rafika, einer eher kleinen chinesischen Fabrik, die Lederhandschuhe herstellt.

Dann geht Mamun noch einmal zehn Minuten alleine weiter, zur mehrspurigen Hauptstrasse, an einem Polizeibereitschaftswagen vorbei, der in der Nähe eines bewachten Eingangstors steht. Hier steht das Gelände des weitaus grössten Bekleidungskonzerns des Landes, der Hameem-Gruppe. Nach der Kontrolle seines Badges läuft Mamun auf vier grosse, zehngeschossige Fabrikgebäude zu, ein fünftes wird gerade fertiggestellt.

Jeden Morgen strömen hier 20 000 ArbeiterInnen zu ihren Arbeitsplätzen. Für Mamun heisst das: erstes Gebäude, neuntes Stockwerk. Allein in diesem Raum sitzen über tausend Menschen an Nähmaschinen und stellen innert Stunden Zehntausenderserien von Hemden oder Jeans her. Zum Schluss wird das Etikett eingenäht: GAP, Nautica, Esprit oder American Eagle.

Mamun ist «Senior Operator» und stellt verschiedene Muster eines Kleidungsstücks her. Ein Vertreter des Abnehmerunternehmens bestimmt dann, welches Muster in die Massenproduktion geht. Über seinen Job oder den Chef mag Mamun nichts Schlechtes sagen. Der Lohn werde jeden Monat pünktlich ausbezahlt, der Boss verhalte sich korrekt, die Arbeitssicherheit sei genügend.

Das hatte Mamun zu Hause gesagt. In der Nähe der Fabrik wirkt er plötzlich nervös, etwas verängstigt. An diesem grauen, regnerischen Morgen liegt tatsächlich eine unangenehme Spannung in der Luft. Der Bereitschaftswagen vor dem Fabriktor steht leer. Breit verteilt schlendern Polizisten herum; auf der Fussgängerüberführung, die über die Hauptstrasse führt, steht ein Mann in Zivil und beobachtet den ArbeiterInnenstrom darunter.

Das ist die Industriepolizei Bangladeschs. Der Auftrag ist auf ihrer Website etwas blumig, doch unverblümt beschrieben:

Etwa achtzig Prozent der gesamten Devisen werden im Bekleidungssektor erwirtschaftet. Aber in den letzten Jahren haben einige Arbeitsunruhen und Gewalttätigkeiten in diesem Sektor unsere Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen. Um unsere Wirtschaft zu retten, wurde eine spezialisierte Polizei zur Durchsetzung von Recht und Ordnung im industriellen Bereich benötigt.

Seit Ende 2010 gibt es die Industriepolizei. Sie schützt den wichtigsten Exportsektor, die ArbeiterInnenrechte hingegen eher nicht. Als GewerkschafterIn lebt man gefährlich.

Mamun selbst findet Gewerkschaften wichtig, besonders für die Lohnverhandlungen. Aber er hält sich von ihnen fern. «Ich will nicht meinen Job verlieren», sagt er. Das sei Kollegen von ihm passiert, die sich gewerkschaftlich engagiert hätten. «Manche sind sogar im Gefängnis gelandet.»

Die meisten NäherInnen verdienen den Mindestlohn, 5300 Taka (62 Franken) pro Monat – der Grundlohn für sechs Tage die Woche, acht Stunden pro Tag. Mamun erhält 8000 Taka Grundlohn; mit zwei Überstunden pro Tag sind das 11 000 Taka, 130 Franken.

Rafika hingegen arbeitet im Akkord. Ihre Fabrik gehört zum informellen Teil des Fertigungssektors. «Non-compliant» wird dieser genannt, nichtkooperierend; rund 35 Prozent der Betriebe gehören dazu. Dort werden weder Arbeitssicherheit noch Mindestlöhne überprüft. Rafika ist offenbar eine schnelle Handschuhnäherin, sie kommt auf etwa 10 000 Taka im Monat.

Gerne würden die beiden etwas sparen, um zur Tochter in den Gaibandha-Distrikt zurückzukehren und ein Geschäft zu eröffnen. Doch das klappt nicht. 3000 Taka beträgt allein die Miete (sie wird wohl bald – im Gleichschritt mit dem Mindestlohn – erhöht werden). Gegen 2500 Taka schicken sie per Mobile-Zahlungssystem an die Familie. Dann das Essen, Gas fürs Kochen … Am Schluss bleibt kaum noch etwas übrig.

Mamun hat sich immer wieder überlegt, ins Ausland zu gehen. «Freunde arbeiten in Malaysia», sagt er. «Sie verdienen deutlich mehr als ich.» Doch für die Reise bräuchte er ebenfalls Erspartes, das er nicht hat.

Der junge Mann im eleganten schwarzen Hemd sieht zwar immer noch aus wie ein 24-Jähriger, aber eine gewisse Schwere scheint auf ihm zu lasten, die Bürde, finanziell für seine Familie auf dem Land verantwortlich zu sein. Und das seit dreizehn Jahren. «Ich wäre gerne länger zur Schule gegangen», sagt er. «Aber es war damals halt nicht möglich.»

Entwicklung als Selbstorganisation

In Purbo Fulbari wird es Nachmittag. Die Schule ist aus. Rimu Akter, die jüngere Schwester von Mamun, kommt in blau-weisser Uniform nach Hause. Die kleine Mahmuda stürmt freudig auf sie zu. Aber zum Spielen bleibt nicht viel Zeit. Rimu zieht sich rasch um, schlägt ihr Schulheft auf und lernt. «Ich mag die Schule», sagt die Sechzehnjährige im roten Sari und mit passendem Kopftuch. Sie ist im letzten Jahr und will aufs College. Was will sie studieren? «Computer Science!», ruft sie lachend. Rimu scheint voller Selbstvertrauen und Optimismus, ganz anders als ihr älterer Bruder in Dhaka. Ihre Eltern wollen auch, dass Rima studiert. Das wird nicht billig, aber besonders Moyna, die Mutter, will sie nicht auch noch an die Bekleidungsindustrie verlieren. Und die Eltern glauben, dass Rimu zum Beispiel als Lehrerin die Ausbildungskosten rasch wieder einspielen wird.

Doch eines ist klar: Falls Rimu heiratet, müsste sie die Ausbildung abbrechen oder den Beruf aufgeben. «Auf dem Land kann man nicht Mutter sein und gleichzeitig arbeiten», ist Moyna überzeugt.

Es liegt nur zu einem geringen Teil an der Unterstützung des Sohns, dass es der Familie in Purbo Fulbari heute viel besser geht als vor zehn Jahren. Selbst für landlose KleinbäuerInnen gibt es nun mehr Einkommensmöglichkeiten. Die Familie und das ganze Dorf profitieren von einer ländlichen Entwicklung, die einerseits auf technischem Fortschritt, andererseits auf Selbstorganisation beruht. Traditionell konnte Reis nur während der Regenzeit angebaut werden. Dann begannen Behörden und lokale NGOs, ertragreichere Reissorten und Bewässerungsprojekte zu fördern. Nun wird zweimal pro Jahr Reis ausgesät und geerntet. So kann auch ein Landloser wie Enamul mehr arbeiten.

Was die ländliche Entwicklung nachhaltig macht, ist die Selbstorganisation der Bevölkerung. Den Anstoss dazu gab in den nuller Jahren Intercooperation (heute Helvetas), unterstützt von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). Eine Befragung der Schweizer NGO ergab in verschiedenen Distrikten Bangladeschs und Nordindiens, dass es den KleinbäuerInnen vor allem an Fachwissen und Schulung fehlte.

So kam es zum heutigen System von «lokalen Dienstanbietern» und «Produktionsgruppen». Moyna zum Beispiel gehört zusammen mit anderen Frauen des Dorfes zur Pulbo-Fulbari-Milchproduktionsgruppe. Gemeinsam erlangen sie eine gewisse Marktmacht, kaufen Kühe, verkaufen die Milch in grösseren Mengen. Als Gruppe lassen sie sich auch beraten: von einem Milchbauern, der eine Schulung hinter sich hat und offiziell der lokale Dienstanbieter in diesem Bereich ist. Dabei geht es etwa darum, die Milchproduktion durch die Zufütterung bestimmter Gräser zu erhöhen oder den Absatz durch Aufspüren neuer KäuferInnen zu steigern.

Man ruft den lokalen Dienstanbieter aber auch in Notfällen an. Moyna tat das kürzlich, als ihre Kuh krank war. Der Kollege schaute sich das Tier an und riet ihr, es dem Metzger zu verkaufen.

Lokale Dienstanbieter gibt es auch für andere kleinbäuerliche Bereiche: Gemüseproduktion, Stiermast, Fischzucht, das Halten lokaler Hühnersorten. Anfangs wurde die Struktur noch von Helvetas finanziert, aber schon nach drei Jahren konnte sich die NGO zurückziehen. Denn die BeraterInnen erhalten von den BäuerInnen wie auch von KäuferInnen eine Entschädigung für ihre Dienstleistung. So gibt es heute allein in Gaibandha 225 lokale Dienstanbieter, und in 1200 Produktionsgruppen sind 40 000 BäuerInnen zusammengeschlossen.

Mit der heutigen Einkommenssituation der Familie wäre Mamun nicht in Dhaka gelandet. Im Dorf gibt es kaum noch Familien, die einen Sohn oder eine Tochter in die Fertigungsindustrie schicken. «Mein Sohn hätte hierbleiben und studieren können», sagt Moyna etwas wehmütig. Könnte er nicht zurückkehren und jetzt etwas aufbauen? «Nein», sagt Enamul. «Er hat ja keine Erfahrung auf dem Land. Er wäre hier nur Tagelöhner. Es ist besser, wenn er in der Bekleidungsindustrie bleibt.»

Warnung an der Fabrikmauer

In der Bekleidungsindustrie gibt es 3,5 Millionen ArbeiterInnen. Und es gibt A. K. Azad – den Gründer und Boss der Hameem-Gruppe, ein Star in ganz Bangladesch. Sein Anwesen steht im Botschaftsviertel Dhakas, weit weg von seinen 26 Fabriken und 60 000 Angestellten. Allein die Eingangshalle mit mehreren Polstergruppen ist grösser als die ganze Ansammlung von Häuschen, wo Rafika und Mamun wohnen.

Azad versteht sich als guter Patron, der Arbeitsplätze schafft und das Land wirtschaftlich voranbringt. Aber ist der Mindestlohn nicht skandalös tief? Das sei doch nur der Anfangslohn, meint er, viele würden später mehr verdienen. Und nun liefen ja die Verhandlungen, um den Mindestlohn heraufzusetzen. Dass die zu erwartende geringe Erhöhung nicht einmal die Inflation ausgleichen wird, lässt er unerwähnt.

Lieber redet Azad über die Wachstumsrate seiner Industrie: neun Prozent. Bangladesch sei für die Zukunft gut aufgestellt: tiefe Lohn-, Strom- und Gaskosten. «Kaum Arbeiterunruhen.» Kein Wunder, denn neben der Industriepolizei greifen auch die Unternehmen bei Bedarf durch: Ende 2016 hat die Hameem-Gruppe 91 ArbeiterInnen wegen «Anstiftung zu Unruhen» entlassen – und deren Bilder zur Warnung an der Fabrikmauer aufgehängt.

Am liebsten erzählt Azad aber seine eigene Geschichte. Wie er als junger Physikstudent eine kleine Manufaktur mit 21 Nähmaschinen gründete. Das war 1984, bis dahin war Sri Lanka das bevorzugte Billiglohnland. Dann brach dort der Bürgerkrieg aus; die Auftraggeber suchten händeringend nach einem Ausweichort. Bangladesch stand bereit – und A. K. Azad ergriff seine Chance.

«Wir wollen, dass die Bekleidungsindustrie immer weiter wächst.» Was Azad hätte sagen können, kommt aus dem Mund der möglicherweise radikalsten Gewerkschafterin des Landes, Mushrefa Mishu. Dann kommt das Aber: «Aber wir müssen dafür sorgen, dass es den Arbeitern besser geht.» Seit der Katastrophe von Rana Plaza, bei der 2013 ein Fabrikgebäude kollabierte und 1134 ArbeiterInnen starben, habe es zwar tatsächlich Fortschritte bei der Gebäudesicherheit gegeben. Aber die Arbeitsrechte würden immer weiter beschnitten.

Anders als die grosse Branchengewerkschaft, die als Arm der Arbeitspartei mit der Regierung verbunden ist, muss ihre Organisation Garment Workers Unity Forum im Geheimen arbeiten. Mushrefa war wegen ihrer Tätigkeit schon mehrmals im Gefängnis; das kann auch allen anderen passieren, die sich mit ihrer Organisation in Verbindung bringen. Trotzdem schafft sie es immer wieder, Tausende zum Protest zu animieren; 2014 1600 zu einem Hungerstreik.

Die jetzige Regierung bezeichnet Mushrefa abwechselnd als «autokratisch» und «faschistisch». Dass an der türkisfarbenen Wand ihres Büros die Bilder alleinherrschender Massenmörder wie Stalin oder Mao hängen, sieht sie nicht als Widerspruch.

Autokratische Tendenzen der Regierung bereiten auch EntwicklungsexpertInnen Sorgen. Etwa dem Ökonomen Debapriya Bhattacharya vom Thinktank Centre for Policy Dialogue: «Entwicklung ohne Demokratie kann gar nicht nachhaltig sein.» Mittlerweile erwirtschaftet Bangladesch über sechzig Prozent des Volkseinkommens auf dem Weltmarkt. Eine politische Krise kann, wie der Fall Sri Lanka in den achtziger Jahren zeigte, das auf Billiglöhnen basierende Exportmodell zusammenkrachen lassen. «Gerade in der Fertigungsindustrie werden viele Jobs aufgrund technologischer Fortschritte verschwinden», sagt Debapriya. «Unsere Wirtschaft muss sich dringend diversifizieren.» Dabei sieht der Entwicklungsökonom die Agrarwirtschaft als eine Zukunftsbranche – auch was die Exportmöglichkeiten anbetrifft.

Damit würde ein wirtschaftliches Gleichgewicht zwischen ländlicher und urbaner Entwicklung näherrücken. Aber von Diversifizierung ist von der heutigen politischen Führung nichts zu hören. Schon gar nicht von einem Plan, die auf dem Land erfolgreich erprobte Selbstermächtigung auf die Industriezentren zu übertragen, indem die Arbeitsrechte gestärkt würden.

So bleiben die ländlichen und städtischen Welten wohl noch länger getrennt. Und so auch die Familie von Moyna und Enamul, Mamun und Rafika.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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