Nr. 36/2018 vom 06.09.2018

Drei Planeten

Michelle Steinbeck denkt im Meer dümpelnd nach

Von Michelle Steinbeck

Ich bade im Mittelmeer im schlechten Gewissen. Es ist Körpertemperatur, am Himmel fliegen Kampfflugzeuge, eine Krähe schnappt einen Fisch. Das Hündlein versinkt melancholisch im Sonnenuntergang, der Muezzin ruft, ein Brautpaar erblindet im Blitzgewitter. Zwei Männer verzöpfeln ihre Glieder in waghalsigen Gemeinschaftsyogapositionen, eine Gruppe verschleierter Frauen benetzt die Füsse, die Durchsage befiehlt zum wiederholten Male allen Badenden, das unbeaufsichtigte Wasser zu verlassen.

Wir sind gerade erst angekommen. Im Morgengrauen winkte ich noch den maschinengewehrbehangenen Soldaten, die bis zum Start der Turbinen grimmig das Flugzeug eskortierten, enttäuscht, dass der Morgenflug nach Tel Aviv nicht wie in Erzählungen von israelerfahrenen Freunden voll mit orthodoxen Juden war.

Wenige Stunden später stand ich in der Schlange zur Passkontrolle und verrenkte mir den Kopf, um zu sehen, ob denn überhaupt niemand den Boden küsste. Nach einer Weile gab ich auf, zückte das Smartphone und las, dass mittlerweile kein einziges ziviles Rettungsschiff mehr im Mittelmeer für Flüchtende in Seenot unterwegs sei. Dass vielmehr schon ein italienisches Militärschiff solche, gegen internationales Recht verstossend, nach Libyen gebracht habe. Dass die EU beständig Geld in die libysche Küstenwache buttere, damit die Verzweifelten schon dort festgehalten würden und nicht erst in europäischen Camps.

In der arty Airbnb-Wohnung in Jaffa – der Besitzer ist gerade auf Reisen in Indien – berechnete ich dann inmitten einer fremden Bücher- und Plattensammlung meinen ökologischen Fussabdruck. Ich brauche drei Planeten. Damit liege ich knapp unter dem schweizerischen Durchschnitt: Ich wasche bei dreissig Grad, kaufe saisonal und habe gerade eine wunderbare Wolkenlandschaft überflogen.

Und wohin? In ein Land, wo sich bereits am ersten Bahnsteig die scheinbar ganze Jugend seltsam fröhlich in Militäruniform tummelt. Was haben wir diskutiert und gestritten über diese Sommerreise. Er hat hier Familiengeschichte, ich habe Halbwissen und Ressentiments. Fliegen nicht gerade jetzt Raketen über Israel, in die eine wie die andere Richtung? Ist es nicht pietätlos, im krisen- und kriegsgebeutelten Nahen Osten unterwegs sein zu wollen? Aber inwiefern sind alternative Destinationen überhaupt moralisch weniger bedenklich? Mit dem Zug nach Italien, mit Matteo Salvini am Strand hausierende «Marocchini» abwimmeln? Auf Lesbos die Refugee Camps umfahren auf dem Weg zum nächsten Greek Salad? In den deutschsprachigen Nachbarländern Nazis gucken? Von den USA ganz zu schweigen.

Nun dümple ich verbotenerweise im lauen Wasser und denke: Man sollte überhaupt keine Ferien machen, solange die Welt in Flammen steht wie das brasilianische Nationalmuseum. Besser zu Hause bleiben und sich im vom IS finanzierten Réduit der Schweizer Neutralität verschanzen und mit Basler Guggen stampfen.

Nationalismus, Mauern, Doppelmoral und Gewalt hätten wir auch ziemlich CO2-neutral erreichen können. Aber da ich schon mal hier bin, werde ich nun rausgehen und ein paar Vorurteile über den Haufen werfen – wie auf jeder anständigen Reise.

Michelle Steinbeck ist Autorin und lebt in Basel. Sie versucht, aus dem lähmenden schlechten Gewissen zu steigen und in der Dystopie nach Utopien zu suchen.

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