Nr. 36/2018 vom 06.09.2018

Der Umwelt zuliebe

Auch Karin Hoffsten unternahm ihre Sommerreise durch Europa mit der Bahn

Von Karin Hoffsten

«Das ist nicht echt. Das ist nur ein Bildschirm, auf den du jetzt schaust. Wird Zeit, mal wieder was Echtes zu erleben. DB.» Auf diesem Text ruhte mein Blick, während ich im Servicecenter des Frankfurter Hauptbahnhofs darauf wartete, dass mein Nümmerchen drankäme.

Zu einem echten Erlebnis hatte mir die Deutsche Bahn gerade verholfen. Dank Verspätung unseres ICE hatten wir den Anschlusszug nicht mal mehr von hinten gesehen. Stoisch schob mir die Mitarbeiterin am Schalter gleich die Unterlagen fürs «Servicecenter Fahrgastrechte» zu, bei dem ich den halben Fahrpreis zurückverlangen könne.

Wir wollten nach Brüssel. Doch der nächste Zug dorthin fiel gleich ganz aus, und der Ersatzzug war zur Verwirrung aller Mitfahrwilligen bereits überfüllt. Wie sich vor diesem Hintergrund das Einsteigen gestaltet, hat kürzlich schon Michelle Steinbeck brillant in Worte gefasst (siehe WOZ Nr. 34/2018); drum komme ich hier gleich zur Rückfahrt.

Die begann ganz unauffällig in Brügge. Dann stand der Zug in Gent wegen eines technischen Defekts gerade so lange still, dass die Umsteigezeit in Brüssel dahingeschmolzen war. Immerhin sahen wir diesmal noch den letzten Wagen um die Ecke verschwinden.

Wieder zog ich ein Nümmerchen, erfuhr, dass eine Fahrt über Deutschland nur noch mit fünfmal Umsteigen möglich sei, und kaufte schliesslich ein neues Ticket über Frankreich. Dieser Zug sollte in zwei Stunden fahren. Wir setzten uns zu Kaffee und Kuchen.

Fünfzehn Minuten vor der Abfahrt wollten wir auf den Bahnsteig, doch der Zugang war gesperrt. Wie auf dem Flughafen erwartete uns eine Sicherheitsschleuse, unser Gepäck wurde geröntgt, und schon erregte der Rucksack meines Gefährten die gespannte Aufmerksamkeit des Personals – auf dem Bildschirm zeichneten sich die Umrisse eines Taschenmessers ab; in intensiver Wühlarbeit wurde es ans Licht befördert. Zuweilen will der Mensch ja einen Apfel zerteilen.

Auch wenn wir die Sorge der belgischen Polizei verstanden, vibrierte inzwischen gefährlich die Luft. Wir hielten uns hinsichtlich Alter und Erscheinung für klar erkennbar unverdächtig, doch es gab kein Pardon. Sorgfältig füllte ein Polizist ein Formular aus, mit dem wir das Messer nach einem halben Jahr wieder in Brüssel abholen könnten. Währenddessen telefonierte seine Kollegin mit dem Chef, der beschied, man solle uns – mit Messer – gehen lassen. Der Polizist zerriss das Formular wieder. Der Zug war längst weg.

Ich zog erneut ein Nümmerchen, der Sachbearbeiter freute sich, mich wiederzusehen. Nun gab es nur noch eine letzte Verbindung durch Deutschland, die nachts um eins in Basel endete. Ich tauschte das Ticket durch Frankreich gegen Aufpreis wieder um, buchte übers Internet ein Hotelzimmer in Basel und dankte dem Schicksal für das Privileg, sich so etwas problemlos leisten zu können. Am nächsten Tag fuhren wir ausgeschlafen nach Zürich.

Karin Hoffsten fragt sich, ob nach Fliegen und Autofahren jetzt auch das Reisen mit dem Zug obsolet wird und ihr bald nur noch das Weitwandern bleibt.

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