Nr. 36/2018 vom 06.09.2018

Indien als Sehnsucht und Realität

Von Hessen bis Afghanistan: Auf den Spuren eines politischen Aufbruchs mutet uns Friederike Kretzen in ihrem jüngsten Roman atemraubende Bilder und schroffe Gedanken zu. Das Buch ist auch ein komplexer Beitrag zur Erinnerung an 1968.

Von Stefan Howald

Die «Indienfahrer» aus dem Buchtitel tragen nicht nur ihr geografisches Ziel im Namen. Die Fahrt nach Indien lockt zugleich als Sehnsucht nach einem anderen, besseren Leben. Die Schule, in die sich die ProtagonistInnen dafür begeben, besteht aus 27 Lektionen. Sie werden jeweils mit einer kurzen Inhaltsangabe vorgestellt. Was ist Erinnerung?, wird in dieser Schule gefragt. Wie kann man sie festhalten, wie rekonstruieren? Und dann: Wie lassen sich Sehnsucht und Realität verbinden?

Insofern ist Friederike Kretzens jüngster Roman auch ein Beitrag zur gegenwärtigen Erinnerung an den 68er-Aufbruch. Obwohl die politischen Geschichten der Figuren erst in den siebziger Jahren einsetzen.

Ein Hinweis vorweg: Dieses Buch ist komplex. Einfach ist darin kaum etwas zu haben. Das beginnt mit der Sprache. Sie ist zuweilen fliessend, strömend, in langen Perioden und dann wieder schroff, kantig, wenn sich Gedanken häufen, aneinander reiben. Der Aggregatzustand wechselt: Beobachtung geht in Reflexion über, die sich selbst reflektiert, auf sich zurückbeugt und wieder unvermutet zur Beschreibung zurückkehrt.

Politische Erinnerungskultur

Auch die Zeiten verschränken sich. Sechs, sieben ProtagonistInnen, aus früheren Romanen von Kretzen bekannt, studieren um 1975 herum gemeinsam im hessischen Giessen, treffen sich in der «kleinsten Bäckerei der Welt», spielen Theater, drehen Filme, entwerfen neue Welten. Bis sie, vereinzelt oder zu zweit, nach Indien und Afghanistan aufbrechen. Vierzig Jahre später versammeln sie sich erneut, machen sich wieder auf nach Indien, zu einem Filmfestival in der Schweizer Botschaft in Delhi. Als Regisseur soll dort ihr einst in Indien zurückgebliebener Freund Alexander auftreten. Eingewoben werden zwischenzeitliche Begebnisse aus Italien, aus der Schweiz sowie aus der Jugend der Hauptfigur Véronique, Reflexionen über deren Eltern und die deutsche Kriegsgeneration in der Nachkriegszeit. Das alles ist dicht verzahnt.

Die Frage nach der Erinnerungsfähigkeit und Erinnerungskultur ist auch eine politische. Was war denn damals? Als die Gruppe ihre theatralischen Aufstände probte, waren die grossen politischen Barrikadenkämpfe schon vorbei, in den Marsch durch die Institutionen oder in absurde militante Abenteuer übergegangen. So erfolgten die früheren Indienreisen ein wenig im Geist verspäteten Hippietums, als Flucht auch, die hartnäckig an etwas Überschüssigem festhalten will.

In den historischen Rekonstruktionen blitzt das Vergangene auf wie bei Walter Benjamin, um den Funken der Hoffnung anzufachen. Was ist, vierzig Jahre später, geblieben? Gesucht werden die Verschwundenen, im Wortsinn, wie Alexander, der einst in Südostasien untergetaucht war, oder, im politischen Sinn, jene, die alles Wünschen aufgegeben haben. Notwendigerweise wird in dieser Suche die lineare Zeit, das Kontinuum der Geschichte aufgebrochen.

Irreale Verstörung

Dabei trifft das einstige Bild Indiens unmittelbar auf das heutige Indien. Kretzen gelingen eindrückliche Vergegenwärtigungen, etwa jenes Slums, in dem Plastikabfälle sortiert und eingeschmolzen werden, «im Herzen Mumbais die Hölle, in der Menschen schneller arbeiten, als sie sterben können». Oder das Bild jener verendenden Tauben in den Netzen, die die Fassaden ihres Hotels schützen sollen. Indien ist Mythos und Realität, und die Realität ist zugleich eine grosse irreale Verstörung: Natur und Gesellschaft, Mensch und Tier unentwirrbar ineinander, und der Tod gehört zum Leben, gelassen und gleichgültig, selbstverständlich und schonungslos.

Aber der Sprung aus den siebziger Jahren in die Jetztzeit ist bei aller Diskontinuität auch eine Setzung. Kann die Frage, ob, wie und warum der damalige Aufbruch gescheitert oder ob ein Funke bewahrt ist, ohne Blick auf die dazwischenliegenden Jahre behandelt werden? Bleibt diese Hoffnung nicht ein wenig abstrakt und willkürlich, wenn sie sich nicht mit den gesellschaftlichen Entwicklungen und inneren Widersprüchen auseinandersetzt, durch die sie hindurchgegangen ist? Das sind simple Fragen. Auch die Komplexität muss sich gelegentlich an einfachen Einwänden reiben.

Die Autorin liest am 6. September 2018 um 19.15 Uhr im Aargauer Literaturhaus in Lenzburg im Rahmen der Veranstaltung «1968 – 1980 – und heute?».

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