Nr. 36/2018 vom 06.09.2018

So schön allein

Von David Hunziker

Der junge Mann lächelt, als er die Postkarte vom Stapel nimmt, die ihm jemand aus den Ferien geschickt hat. Dann betritt er eine schummrig beleuchtete Halle in einem riesigen, leer stehenden Gebäude, spannt einen Super-8-Film in den Projektor, der mediterrane Strandszenen zeigt, und trinkt Rotwein – allein. Den Film, so zeigt uns das Video kurz darauf, hat der Mann selber gedreht, und auch die Postkarte hat er sich aus den einsamen Strandferien selber geschickt. Das erinnert an den Sketch von Mr. Bean, in dem dieser sich selber Weihnachtskarten schickt, weil sonst niemand an ihn denkt. Doch hier, bei Long Tall Jefferson, fehlt die Tragik. Sein neues Album ist auch eine Ode an die Einsamkeit – es heisst «Lucky Guy».

Der niedliche Folksong, der zu jenen Bildern vor sich hin plätschert, heisst «Stay a Little Longer». Darin geht es um eine Freundschaft, die langsam zu einer Liebschaft wächst. Ob das Gegenüber mitzieht, wissen wir nicht, doch Long Tall Jefferson scheint es ganz gut zu haben im Limbo. Sein Schwebezustand fühlt sich wohl so ähnlich an wie die Slidegitarre, die sich im Song friedlich dazu wiegt. Das gibt es immer wieder auf diesem Album: Die Geschichte klingt traurig, doch die Musik verströmt gelassene Zuversicht – es kommt schon gut.

In einem Schwebezustand befinden wir uns auf «Lucky Guy» ständig: Die Liebe ist noch nicht da oder schon wieder verflossen, die Angebeteten sind in weiter Ferne. Melancholisch klingt das, ja – aber keineswegs verloren. Denn der Protagonist dieser Songs ist ja nicht alleine – er hat seine Fantasie, seine Geschichten. Wie im Titelsong, in dem er am Silvesterabend alleine im Bett liegt, von der Angst geplagt, etwas zu verpassen. Dann geht das Kopfkino los: Zufällige Szenen aus dem vergangenen Jahr, von unzähligen Menschen bevölkert, ziehen an ihm vorbei. Die «First World Problems» weichen einem Lächeln. Ein Glückspilz, wer so allein sein kann.

Nächste Konzerte: Freitag, 5. Oktober 2018, Treibhaus, Luzern; Samstag, 6. Oktober 2018, Helsinki, Zürich; Donnerstag, 11. Oktober 2018, Albani, Winterthur.

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